Gratis unterwegs mit Bus und Bahn bleibt eher Ausnahme

dpa/lsw Stuttgart. Den ÖPNV kostenlos nutzen dürfen - das klingt verlockend. Stuttgart probiert es am Wochenende aus. Trotz jahrelanger Debatte und mehrerer Modellversuche haben sich aber erst wenige baden-württembergische Städte dazu entschlossen, Busse und Bahnen freizugeben.

Es wirkt ein wenig wie der Zeh, den man vorsichtig ins Wannenwasser hält, um die Temperatur zu testen: Am Wochenende will Stuttgart Fahrten in Bussen und Straßenbahnen im Stadtzentrum kostenlos anbieten. „Mir fällt kein besserer Weg ein, um den Handel anzukurbeln“, sagte City-Manager Sven Hahn am Montag. Auch Gastronomie und Kultur sollen von dem Testlauf profitieren.

450.000 Euro lässt sich die Stadt das Wochenende kosten. So hoch sind laut VVS-Geschäftsführer Horst Stammler die Mindereinnahmen. Wer nicht in der Landeshauptstadt wohne, solle in die Innenstadt gelockt werden. Ein Ticket für zwei Zonen gibt es am 18. und 19. September für den Preis für eine Zone.

Falls das Gratis-Wochenende ein Erfolg werde, könnten laut City-Manager Hahn bis zu vier weitere solcher Wochenenden drin sein. Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) habe sich offen dafür gezeigt. Den Nahverkehr generell kostenlos anzubieten, schloss Hahn aber aus: „Es ist eher ein Anreiz zur Belebung der Innenstadt.“

Nicht nur in Stuttgart gibt es Versuche, Bus- und Bahnfahrten zeitweise gratis anzubieten, um die Städte vom Autoverkehr zu entlasten oder den Handel zu unterstützen.

Platzhirsch bleibt TÜBINGEN. In der Neckarstadt müssen Stadtbewohner und Touristen seit 2018 keine Tickets mehr ziehen, wenn sie samstags die Buslinien nutzen wollen. Die Stadtwerke Tübingen (swt) sind zufrieden mit der Entwicklung: Die Zahl der Fahrgäste habe sich samstags von 30,1 Menschen pro Fahrt im Jahr 2017 auf 38,5 Fahrgäste im Jahr 2019 erhöht, sagt swt-Sprecher Ulrich Schermaul. Für das vergangene Jahr liegen wegen der Pandemie keine vergleichbaren Zahlen vor.

Auch in ULM kann samstags gratis gefahren werden, das Angebot gilt aber nur noch bis Ende des Jahres. Denn der ticketfreie Samstag sollte seit April 2019 für Großbaustellen und den Wegfall von Tiefgaragenplätzen entschädigen und den Handel unterstützen. „Der kostenlose Nahverkehr sollte als Signal verstanden werden, dass die Ulmer Innenstadt erreichbar bleibt“, sagt eine Sprecherin der Stadt. Pro Jahr sei knapp eine Million Euro an den Nahverkehrsverbund DING überwiesen worden. Der Gemeinderat hatte im Sommer gegen eine Fortsetzung des Modells gestimmt. Schließlich werde bald die Tiefgarage eröffnet, argumentierten die Gegner des Freifahrens.

In WALLDORF (Rhein-Neckar-Kreis), Sitz des lukrativen Gewerbesteuerzahlers SAP, will man vom kommenden Jahr an den nächsten Schritt gehen: „Einfach einsteigen“ heißt es dort ab dem 1. Januar. Als erste Stadt im Südwesten führt die Kommune das kostenlose Busfahren ein, nachdem es für Walldorfer schon seit 2013 möglich war, zum halben Preis zu fahren. Man erwarte eine „deutliche Reduzierung der Autofahrten von und zur Stadtmitte, zum Bahnhof, zum Industriegebiet und zum Sport- und Freizeitzentrum sowie bei den sogenannten Elterntaxen“, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende im Walldorfer Gemeinderat, Manfred Zuber. Die Stadt wird die ausfallenden Einnahmen des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar in Höhe von jährlich 53.000 Euro ausgleichen. Nach zwei Jahren soll geprüft werden, wie sich die Fahrgastzahlen entwickelt haben.

Das Modell ist eine Ausnahme, wie Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagt. Öffentliche Verkehrsmittel dauerhaft kostenlos anzubieten, erfordere erheblich mehr Zuschüsse als ein ticketfreies Wochenende. „Schon heute ist jedes Ticket etwa zur Hälfte von der öffentlichen Hand gefördert“, sagt Hermann. „Das heißt, die Aufgabenträger Land, Verkehrsverbünde oder Kommunen müssten die Mittel zur Kostendeckung mindestens verdoppeln.“

An bestimmten Tagen wie zum Beispiel an einem langen Samstag, einem verkaufsoffenen Sonntag oder als Werbemaßnahme fürs Um- und Einsteigen in den öffentlichen Nahverkehr kann er sich kostenlose Angebote aber als „eine gute Sache“ vorstellen. „So können Menschen, die den ÖPNV bisher nicht nutzen, die Alternativen zum Autofahren kennenlernen.“

Städte wie KARLSRUHE und HEILBRONN halten sich daher auch streng zurück und verweisen auf besondere Preismodelle und Angebote, mit denen Abonnenten überzeugt oder gehalten werden sollen. In der Fächerstadt und in Heilbronn fiel die „Barriere Fahrpreis“ 2019 zumindest an den Adventssamstagen, um den Verkehr zu entlasten. Zum Vorgehen in der kommenden Adventszeit gibt es noch keine Entscheidung der HNV (Heilbronner-Hohenloher-Haller-Nahverkehr GmbH), wie eine Heilbronner Stadtsprecherin sagte.

Als frühere Modellstädte gehen auch MANNHEIM, REUTLINGEN und HERRENBERG andere Wege. Mit einer millionenschweren Förderung durch den Bund gab es dort unter anderem reduzierte Jobtickets und Digitaltarife, Lkw-Durchfahrtsverbote und Tempolimits, einen neuen Citybus oder subventionierte Einzel- und Monatstickets im Stadtgebiet.

© dpa-infocom, dpa:210912-99-190856/4

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Erstellt:
13. September 2021, 02:24 Uhr

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