CDU liegt in Grünen-Hochburg Stuttgart vorn: Linkes Bündnis?

dpa/lsw Stuttgart. CDU-Kandidat Frank Nopper punktet im Rennen ums Stuttgarter Rathaus überraschend deutlich. Aber der zweite Wahlgang dürfte alles andere als ein Spaziergang werden.

Blick auf die Innenstadt mit dem Rathausturm (M). Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Blick auf die Innenstadt mit dem Rathausturm (M). Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Nach dem überraschend guten Abschneiden der CDU bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl richten sich die Blicke auf das linke Lager. CDU-Kandidat Frank Nopper kam im ersten Wahlgang am Sonntag nach Angaben der Stadt auf 31,8 Prozent der Stimmen - und setzte sich damit deutlich von seinen Konkurrenten ab. Da keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit - also mehr als die Hälfte der Stimmen - erzielte, wird am 29. November erneut abgestimmt. Dann reicht die einfache Mehrheit der gültigen Stimmen. Sollten sich die linksgerichteten Kandidaten gegen Nopper verbünden, könnte es Ende November eng werden für den CDU-Kandidaten.

Noppers Führung ist überraschend, weil Umfragen vor der Wahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seiner stärksten Konkurrentin Veronika Kienzle erwarten ließen. Die Grünen-Politikerin konnte jedoch nur 17,2 der Stimmen für sich verbuchen. Der als unabhängige Bewerber angetretene Sozialdemokrat Marian Schreier belegte den dritten Platz (15 Prozent) vor Stuttgarts Stadtrat Hannes Rockenbauch vom Fraktionsbündnis SÖS/Linke (14,0) und dem offiziellen SPD-Kandidaten Martin Körner (9,8). Insgesamt konnten 450 000 Wahlberechtigte abstimmen, 14 Bewerberinnen und Kandidaten standen zu Wahl. Der amtierende Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) trat nach acht Jahren an der Rathausspitze nicht wieder zur Wahl an.

Der Politikwissenschaftler Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim rechnet für den zweiten Wahlgang mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen. „Das wird ein knappes Ergebnis, da ist noch alles offen“, sagte er der dpa. Erfahrungsgemäß sei die Wahlbeteiligung bei der zweiten Abstimmung höher als beim ersten Durchgang. Deshalb sei es vor allem für den deutlich führenden CDU-Kandidaten wichtig, die Menschen von sich zu überzeugen, die am Sonntag noch nicht zur Wahl gegangen seien. Die Grünen-Politikerin Kienzle müsse in den kommenden Wochen vor allem Überzeugungsarbeit leisten, sagte Brettschneider.

Einen vielleicht entscheidenden Einfluss könne das weitere Verhalten von Kandidat Marian Schreier haben, erklärte der Politikexperte und Wahlforscher weiter. Der ließ am Abend aber noch offen, ob er erneut antritt. „Steigt er aus, stellt sich die Frage, wer am meisten davon profitiert“, sagte Brettschneider. Der amtierende Bürgermeister von Tengen sei zwar SPD-Mitglied und somit eher im Kienzle-Lager. Außerdem könnte seine überdurchschnittlich junge Wählerschaft sich eher bei den Grünen vertreten sehen. Der von Schreier im Wahlkampf betonte Aspekt der Verwaltungsmodernisierung spreche dagegen eher die Anhänger Noppers an, sagte Brettschneider.

Die Grünen-Politikerin Kienzle rief bereits andere Kandidaten auf, sich ihrer Wahlkampagne anzuschließen. Sie sehe ihr Resultat und die Ergebnisse der vor allem linksgerichteten Kandidaten als klaren Auftrag, auf die anderen Bewerber zuzugehen und beim zweiten Wahlgang in drei Wochen wieder anzutreten. „Ich möchte der Stadt ein anderes Gesicht geben“, sagte Kienzle am Abend. SPD-Kandidat Körner erklärte, dass er nicht mehr am zweiten Wahlgang teilnehmen wolle.

Stuttgart gilt als Stadt mit einer starken grünen Wählerschaft, im Gemeinderat stellen die Grünen die größte Fraktion, der Regierungspräsident gehört der Partei an und alle vier Direktmandate für den Landtag gingen in der Stadt an die Grünen. Deshalb war mit einem stärkeren Abschneiden Kienzles gerechnet worden. Bei der OB-Wahl ist der Druck auf die Partei nicht nur deshalb groß: Denn sollten die Grünen den Posten an der Rathausspitze in der Landeshauptstadt verlieren, könnte das auch als schlechtes Vorzeichen für die Landtagswahl im März 2021 interpretiert werden.

Ein Mann seine Stimme in einem Wahllokal ab. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Ein Mann seine Stimme in einem Wahllokal ab. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

OB-Kandidat Frank Nopper (CDU) lächelt. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

OB-Kandidat Frank Nopper (CDU) lächelt. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

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Erstellt:
8. November 2020, 02:23 Uhr

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