Sender-Umbau startet 2027
SWR verschlankt Führung und Programm – Was kommt auf das Personal zu?
Der SWR baut seine Struktur um: Von acht auf sechs Direktionen, Sendungen fallen weg, externe Produktionen nehmen zu. Was bedeutet die große Reform für die Beschäftigten?
© Lichtgut/Leif Piechowski
Das Stuttgarter Funkhaus ist der Sitz des Intendanten Kai Gniffke, der Großes vorhat mit dem Sender.
Von Uwe Bogen
Beim Südwestrundfunk (SWR) sorgt die geplante Neuordnung von Struktur und Programm für Unruhe. Intendant Kai Gniffke spricht von der „größten Reform“ seit der Fusion von SDR und SWF. Während die Senderführung betont, der jährliche Personalabbau sei unabhängig von der Reform, wächst in der Belegschaft die Sorge, dass neben der Direktionsebene auch das „zweite und dritte Glied“ in den gestrichenen Sendedirektionen – also Hauptabteilungs- und Redaktionsleitungen – unter Druck geraten könnte.
Zugleich fragt man sich im Flurfunk: Wenn immer mehr Produktionen an externe Firmen vergeben werden, verändert das langfristig das Verhältnis zwischen journalistischer Arbeit im Haus und administrativer Steuerung? Entsteht ein „Verwaltungswasserkopf“?
SWR: Jährlich werden 0,5 Prozent der Stellen abgebaut
Nach Angaben des Senders wird pro Jahr ein Abbau von 0,5 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse umgesetzt. Diese Vorgabe gehe auf die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) zurück und stehe „völlig unabhängig“ vom aktuellen Umbau der Struktur, erklärt Unternehmenssprecherin Stefanie Zenke gegenüber unserer Redaktion. In den vergangenen zehn Jahren seien rund 600 Beschäftigungsverhältnisse abgebaut worden.
Ein zusätzlicher, unmittelbar reformbedingter Stellenabbau sei nicht vorgesehen. Auf dem Flurfunk jedoch heißt es: Die angestrebten Einsparungen und der vorzeitige Abschied von Amtsträgern seien mit höhere Ausgaben („mit dem Geldkoffer schickt man Chefs in den früheren Ruhestand“) verbunden, was zu Lasten der Beschäftigen gehen könnte.
Die Deutsche Journalistenverband Baden-Württemberg erklärt auf unsere Anfrage: „Der SWR reformiert sich selbst – das ist ein gutes Zeichen. Denn bei allem Verbesserungsbedarf ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk an sich der beste, den wir im Mediensystem haben können.“ Der DJV begleite diesen Prozess „konstruktiv und aufmerksam“. Die journalistische Qualität und die inhaltliche Unabhängigkeit der Redaktionen müssten unbedingt erhalten bleiben. Der Umbau dürfe nicht dazu führen, „dass über die bisherigen Sparvorgaben hinaus zusätzlich Personal eingespart wird.“ Maximilian Heß von ver.di sagt: „Nach unserer Kenntnis hat die Umorganisation keine Stellenreduzierung zur Folge, es geht hier um eine Strukturveränderung.“
SWR reduziert Direktionen: Führungsstruktur wird schlanker
Der aktualisierte SWR-Staatsvertrag ermöglicht es dem Sender, seine Führungsstruktur zu verschlanken. Von 2027 an soll die Zahl der Direktionen von acht auf sechs reduziert werden. Die bisherigen Landessenderdirektionen entfallen. Die frühere Matrixstruktur aus regional gegliederten und thematisch gegliederten Programmdirektionen wird beendet.
Direktoren Schneider und Büttner bereit für vorzeitigen Abschied
Ziel sei der Abbau von Doppelstrukturen und eine effizientere Organisation. Bereits gestrichen wurde die Position der Zweiten Chefredakteurin. Themenbereiche sollen künftig standortübergreifend in gemeinsamen Hauptabteilungen gebündelt werden. Gerade hier wächst in Teilen der Belegschaft die Sorge, dass mit dem Wegfall ganzer Direktionen auch zahlreiche Leitungs- und Koordinierungsstellen unterhalb der obersten Ebene entfallen könnten.
Im Zuge der Reform richtet sich der Blick auch auf die amtierenden Direktoren Stefanie Schneider und Jan Büttner. Beide sind Jahrgang 1961. Bei der Verlängerung ihrer Verträge im Februar 2025 hätten beide, so Sprecherin Stefanie Zenke, ihre Bereitschaft erklärt, ihre Tätigkeit vorzeitig zu beenden, sollte dies im Zusammenhang mit dem Struktur-Update sinnvoll sein.
Nach Angaben des SWR sind keine Abfindungen vorgesehen. Für eine einvernehmliche Beendigung vor dem Renteneintritt seien mit dem Verwaltungsrat lediglich Regelungen zum Ausgleich möglicher Rentennachteile getroffen worden. Weitere Gehaltszahlungen über das Vertragsende hinaus seien ausgeschlossen. Zum Ende des Jahres sollen Schneider und Büttner ausscheiden.
Intendant Kai Gniffke: Wiederwahl nach 2029 möglich
Die Amtszeit von Intendant Kai Gniffke, der in diesem Jahr 66 Jahre alt wird, läuft regulär bis August 2029. „Danach ist eine Wiederwahl möglich“, sagt Sprecherin Stefanie Zenke.
Die Sparmaßnahmen betreffen deutlich das Programm. So wurde die Sendung „Sport am Samstag“ eingestellt. Die beiden Hörfunkwellen SWR4 Baden-Württemberg und SWR4 Rheinland-Pfalz sollen zusammengeführt werden. In diesem Jahr werden keine neuen Folgen der „Eisenbahnromantik“ mehr produziert. Schon zuvor hatte der SWR mehrere lineare Formate eingestellt, darunter „Meister des Alltags“, „Ich trage einen großen Namen“, die „Mathias-Richling-Show“ und „Freunde in der Mäulesmühle“.
SWR setzt verstärkt auf externe Produktionsfirmen
Parallel dazu vergibt der SWR weiterhin Produktionsaufträge an externe Firmen. Diese Praxis ist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk üblich, gewinnt im Zuge der Sparmaßnahmen jedoch an Brisanz. Im Funkhaus wird diskutiert, ob durch die stärkere Auslagerung redaktioneller Leistungen der Anteil klassischer journalistischer Berufe im Haus sinkt. Denn wenn externe Produktionsfirmen Inhalte erstellten, verlagere sich ein Teil der Arbeit nach außen, heißt es.
Interner Aufwand steigt: Verlagert SWR Fokus auf Verwaltung?
Gleichzeitig entsteht interner Aufwand: Ausschreibungen müssen organisiert, Verträge gestaltet, Budgets kontrolliert, Qualitätsstandards überprüft werden. Kritische Stimmen fragen daher, ob sich die Gewichte verschieben – weg von eigener journalistischer Produktion hin zu Steuerung, Kontrolle und Verwaltung externer Dienstleister.
Der SWR verweist darauf, dass externe Produktionen Flexibilität und wirtschaftliche Effizienz ermöglichen. Für Mitarbeitende bleibt jedoch die grundsätzliche Frage, wie sich die Rolle des Senders verändert: Bleibt er noch Produzent eigener Inhalte – oder wird er zunehmend Auftraggeber und Koordinator? Und Medien-Insider fragen: Wird von den Auslagerungen die Film- und Produktionswirtschaft in Baden-Württemberg profitieren? Oder gehen Aufträge außer Landes?
