Syna braucht mehr Daten übers Stromnetz im Raum Backnang

Die Energiewende stellt Netzbetreiber vor große Herausforderungen. Immer mehr dezentrale Energienetze mit zahlreichen, unregelmäßigen Einspeisern müssen berücksichtigt werden. Deshalb wird jetzt auch im Raum Backnang jede dritte Ortsnetzstation digital umgebaut.

Michael Kronmüller von der Syna, Leitung Planung Murrhardt, zeigt die bereits umgebaute Ortsnetzstation (intern: OND Welzheimer-51) in Unterweissach. Eingebaut sind Messtechnik und Technik zur Kommunikation für die Datenübermittlung zur Leitstelle. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Michael Kronmüller von der Syna, Leitung Planung Murrhardt, zeigt die bereits umgebaute Ortsnetzstation (intern: OND Welzheimer-51) in Unterweissach. Eingebaut sind Messtechnik und Technik zur Kommunikation für die Datenübermittlung zur Leitstelle. Foto: Alexander Becher

Von Florian Muhl

Rems-Murr. „Die Stromverteilnetze müssen digitalisiert werden“, sagt Michael Meyle mit Blick auf die Zukunft. Aber warum? Und warum ist das so wichtig? Bei der Beantwortung dieser Fragen im Rahmen eines Pressegesprächs holt der Regionalleiter Süd beim Netzbetreiber Syna weit aus. Der Grund dafür seien größtenteils politische Ambitionen. So soll Deutschland bis zum Jahr 2045 klimaneutral sein (siehe Infotext).

Der Netzexperte weist auf eine einschneidende Wandlung hin: „Was wir in unseren Stromverteilnetzen grad wahrnehmen ist eine komplette Veränderung dessen, was man aus der Vergangenheit kennt.“ Bislang hätten es Netzbetreiber mit ihnen bekannten zentralen Einspeisepunkten zu tun gehabt, um die Energie in ihren Netzen bis zum Endverbraucher zu transportieren. „Jetzt gibt es eine hohe Anzahl von dezentralen Einspeiseanlagen , wo quasi von der anderen Seite des Netzes aus eingespeist wird.“ Das seien Herausforderungen, die die Syna in ihren Netzen bewältigen müsse. Das allerdings ginge nur mit Veränderungen der Netztechnologien, die man jetzt angehe. Mit der Transformation einher ginge ein Mehr an Digitalisierung.

Michael Meyle: „Wir rechnen bis 2030 mit nahezu einem doppelten Stromverbrauch in der kompletten Bundesrepublik im Vergleich zum vergangenen Jahr.“

„Wir brauchen Erkenntnisse über Verbraucherverhalten und Einspeiseverhalten“, begründet Meyle den Netzumbau. Große Herausforderungen stünden auch wegen der Mobilitätswende bevor. „Wallboxen, Ladeinfrastruktur bei Ein- und Mehrfamilienhäusern, aber auch öffentliche Ladepunkte, Ladeparks mit Schnellladeinfrastruktur“, listete der Regionalleiter die Themen auf, mit denen der Energieversorger mehr und mehr konfrontiert wird.

Syna braucht mehr Daten übers Stromnetz im Raum Backnang

© Pressefotografie Alexander Beche

Aber auch bezüglich der Wärmewende. „Ein praktisches Beispiel: Wir sprechen von Wärmepumpen, die in unseren Netzen Einzug halten werden, nicht nur in Neubaugebieten, sondern irgendwann werden die auch im Bestand dazukommen. Nicht nur im Bestand der Gebäudestruktur, sondern auch im Bestand unserer bestehenden Stromnetze.“ Die müssten dafür natürlich gerüstet sein.

Auf folgenden Aspekt hinsichtlich der Energiewende wies Meyle besonders hin: „Wir rechnen bis 2030 mit nahezu einem doppelten Stromverbrauch in der kompletten Bundesrepublik im Vergleich zum vergangenen Jahr.“ All die genannten Aspekte würden zwangsläufig dazu führen, dass die Energienetze entsprechend angepasst, umgebaut und modernisiert werden müssten. Der Netzexperte nennt es Transformation.

Kunden werden selbst zu Energieerzeugern

Gleichzeitig verändere sich auch die Rolle des Kunden. „Den passiven Stromverbraucher gibt’s in unserem Netz nicht mehr. Die Kunden sind mittlerweile selbst Energieerzeuger.“ Sei es durch größere Fotovoltaikanlagen oder auch die kleinen Balkonkraftwerke oder durch andere regenerative Energiearten. Aber auch das Abnahmeverhalten habe sich geändert. Beispiel E-Mobilität: Heute lädt der Kunde sein Auto hier, morgen dort und so weiter. Das sei aber nicht im Voraus absehbar. Das heißt, die Netze müssten flexibler werden. Der Kunde greife zunehmend aktiver in die Netzinfrastruktur ein, was auch gut sei, aber: „Da sind wir auch wiederum gefordert, Digitalisierung in unser Netz zu bringen, um dieses Kundenverhalten für unsere Netze analysieren zu können“, so Meyle.

In der Praxis sieht das so aus: Jede dritte ihrer insgesamt rund 4000 Ortsnetzstationen (ONS) will die Syna in einem ersten Schritt digital umbauen (digiONS), also vorerst rund 1200 Stationen. In den Ortsnetzstationen wird der Strom von der Mittelspannung (20000 Volt) auf die Niederspannung (400 Volt) transformiert, damit Endverbraucher versorgt werden können. „Unsere intelligenten Ortsnetzstationen sind nicht nur in der Lage, automatisiert geschaltet zu werden, sondern auch das Überwachen und Messen sind Themen.“ Ziel sei es, über diese Stationen Kenntnisse über die End- beziehungsweise Niederspannungsnetze (400 Volt) zu erlangen. Also zu wissen, was alles auf den letzten Kilometern und Metern bis zum letzten Häuschen im Stromnetz passiert und wie der aktuelle Zustand ist. Mit anderen Worten: Eine flächendeckende Netztransparenz soll geschaffen werden.

Netz soll besser gesteuert werden

Warum, das erläutert Riccarda von der Marwitz. „Wir wollen Netzprognosen erstellen können und auch erkennen können, an welchen Stellen wir zu bestimmten Zeiten Überlastungen im Netz haben. Wo haben wir eine Auffälligkeit? Wo müssen wir unser Netz ausbauen?“, so die Referentin im Bereich digitale Netztechnologien, die bei der Syna verantwortlich für das Thema Smartifizierung ist. 30 Prozent Umbauquote seien zunächst der erste Schritt. Berechnungen und Analysen von verschiedenen Universitäten würden aussagen, dass die 30 Prozent ausreichen würden, damit die Syna ihr ganzes Netz beobachten könnte.

Aber der Energieversorger will sein Netz nicht nur beobachten, sondern auch steuern können, beispielsweise bei einem Fehler. So würden die Kunden bei einem Stromausfall nicht mehr so lange warten müssen, bis wieder der sprichwörtliche Saft aus der Dose kommt. Und die digitalen Ortsnetzstationen können miteinander kommunizieren beziehungsweise ihre Daten zur Leitstelle senden. „Das LTE-Netz, das wir verwenden, ist hochgradig abgesichert“, beteuert Riccarda von der Marwitz. „Wir sind da auf einem Standard wie auch bei den Banken.“

Netzbetreiber verlegen vorsorglich wesentlich stärkere Stromleitungen

Um den immer größeren Bedarf an Strom transportieren zu können, verlegen Netzbetreiber zunehmenden stärkere Leitungen. Warum? „Weil wir einfach davon ausgehen, dass die Kunden irgendwann Wärmepumpen anschließen und E-Autos bekommen“, erklärt Andreas Voigt. „Wenn wir früher ein Sechsfamilienhaus mit einem Kabel angeschlossen haben, bei dem man drumgreifen konnte, schließen wir heute mit einem dreimal so starken Kabel an, das wir dort vorbeugend hinlegen“, so der Syna-Leiter der Abteilung Standardisierung und Verteilnetztechnik weiter.

Abschließend versichert Michael Meyle, dass die Energieversorger im Sinne der Kunden handeln. „Man hört immer wieder: Um Gottes Willen, da möchte der Netzbetreiber in das Nutzerverhalten eines Endkunden eingreifen und die Syna steuert künftig den Wäschetrockner. Nein, wir wollen genau das Gegenteil. Wir wollen wissen, wann ein Kunde den Wäschetrockner laufen lässt, um zu wissen, wann wir an welcher Stelle die Lastschwerpunkte haben.“

Syna braucht mehr Daten übers Stromnetz im Raum Backnang

© Pressefotografie Alexander Beche

Politische Ambitionen

Rahmenbedingungen

Klimaneutralität in der EU bis 2050

Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein.

Festhalten am deutschen Atomausstieg

Kohleausstieg idealerweise bis 2030

Mobilitätswende

15 Millionen E-Autos

bis 2030

Ab 2035 ausschließlich Zulassung CO2-neutraler Fahrzeuge in der EU

Eine Million öffentliche Ladepunkte bis 2030

Ab 2040 soll der CO2-Ausstoß von Lkw-Neufahrzeugen 90 Prozent niedriger sein gegenüber 2019 (derzeit in Klärung).

Energiewende

Anteil erneuerbare Energien am Bruttostrombedarf von 80 Prozent in 2030

200 GW Fotovoltaik in 2030 (Teil des Osterpakets)

Alle solargeeigneten Dachflächen sollen künftig für die Solarenergie genutzt werden (bei gewerblichen Neubauten soll das verpflichtend sein, bei privaten Neubauten soll es die Regel werden).

Wärmewende

Ab 2025 soll jede neu eingebaute Heizung auf der Basis von 65 Prozent erneuerbarer Energien betrieben werden.

Bis 2030 sollen 50 Prozent der Wärme klimaneutral erzeugt werden.

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Erstellt:
12. Dezember 2023, 06:00 Uhr

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