Tante Hildegard bewegt sich meist unter der Gürtellinie

Sabine Schief erfreut mit ihrem Comedyprogramm „Sex sells, was willsch macha!“ die Gäste bei den Winterkulturtagen im Sulzbacher Kessel.

Den schwäbischen Alltag nimmt Sabine Schief aufs Korn, mal ironisch, mal derb. In manchen Geschichten werden auch die Zuschauer unfreiwillig eingebunden. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Den schwäbischen Alltag nimmt Sabine Schief aufs Korn, mal ironisch, mal derb. In manchen Geschichten werden auch die Zuschauer unfreiwillig eingebunden. Foto: Alexander Becher

Von Klaus J. Loderer

Sulzbach an der Murr. Was ist das für eine wunderliche Gestalt, die eine mit Lämpchen dekorierte Klobürste als vermeintlichen Hund Fiffi hinter sich herzieht, mit riesiger Brille, biederem Hut und beigem Regenmantel gekleidet? Es handelt sich weniger um ein Sulzbacher Original als eine Bühnenfigur der Kabarettistin Sabine Schief, die gerne in die unterschiedlichsten Rollen schlüpft. Eines ist diesen Rollen gemein, es wird schlüpfrig. Selbst die kuriose, etwas altertümliche und verschusselte Tante Hildegard besitzt ein wild-erotisches Innenleben.

Vergangenen Freitag nahm Tante Hildegard das Männermaterial in Sulzbach an der Murr unter die Lupe, genauer gesagt in der Discothek Belinda. Der Auftritt erfolgte im Rahmen der Winterkulturtage der Gemeinde Sulzbach und der Reihe „Kultur im Kessel“. Die Belinda wird durch die engagierte Genossenschaft Begegnungs- und Kulturzentrum Akzente nun für ein breites musikalisches und unterhaltendes Veranstaltungsprogramm genutzt. Dass das Ambiente gerade etwas provisorisch ist, mit Einrichtungsresten der einstens weithin bekannten Discothek, hat einen gewissen Charme. Auf jeden Fall ist es erfreulich, dass das Kulturleben in Sulzbach wieder anläuft. Durch die Unbilden der Coronaverordnungen mussten einige Termine verschoben werden. So fand auch dieser Termin der Winterkulturtage nun erst im Frühling statt.

Sich ganz naiv gebend, fragte Tante Hildegard ins Publikum, was es denn mit der Redewendung „unter der Gürtellinie“ auf sich habe. Die Zuschauerin Annabelle durfte das Niveau festlegen und spannte den Gürtel ziemlich tief. Sabine Schiefs Programm „Sex sells, was willsch macha!“ war denn entsprechend deftig, breit schwäbisch und ziemlich kurzweilig. Der eindeutig zweideutige Wortwitz kam gut an in Sulzbach. Immer wieder belebten Liedeinlagen das Programm. In kuriosen Umdichtungen berühmter Songs baute Sabine Schief zungenbrecherischen Wortwitz ein. Tante Hildegard outete sich zu stampfendem Rhythmus mit „I ben, I ben grätig“ als Rockliebhaberin. Später erlebte man sie sogar als Rapperin.

Hatte Tante Hildegard vor dem Auftritt ganz harmlos Small Talk gepflegt mit den bereits eingetroffenen Zuschauern, wurden diese im Verlauf des Abends liebevoll und doch gnadenlos geoutet und unfreiwillig in die Geschichten eingebunden. Im Publikum machte sie sogar ihren Ex-Liebhaber Carlos aus, der so wunderbar „Olé“ rufen konnte. Zwischendurch schwenkte sie zu Ingo aus Althütte über, dem das Lied „I brauch Männer mit Cojones“ gewidmet war. Am meisten tat es ihr aber Heinz an, der sogar den Spaß mit der Badekappe mitmachte.

Mit einfachen Mitteln verwandelte sich Sabine Schief immer wieder und erzählte von ihrer großen Familie. Da berichtete sie als Onkel Georg, der von den Damen der 50er-Jahre schwärmte, vom Kopfkino zur Erfrischung des erotischen Lebens. Zwischendurch erschien Sabine Schief aufgebrezelt hochhackig im Dirndloberteil und in hautenger Krachlederner. „Sex sells“ war schließlich das Motto. Die Oma wusste allerdings mit dem merkwürdigen „Sägsgsälz“ nix anzufangen. Die angeheiratete Verwandte Irina Kalaschnikowa, angetan mit rosa Pelzstola, hatte dagegen ein ganz pragmatisches Verhältnis zur Liebe.

Ach ja, aufgebrezelt: Ein Thema, das bei Sabine Schief fast nie fehlt, ist die Brezel. In Sulzbach erzählte sie die ironisch überspitzte schwäbische Entstehungslegende des geschlungenen Gebäcks aus der Armhaltung der Bäckersehefrau und eines durch die Katze verursachten Laugenunglücks. Daraus leitete sie ab: „Hinter jedem erfolgreichen Mann stehen ein grantiges Weib und eine temperamentvolle Katze.“ Gerne wandelt Sabine Schief allgemeine Lebensweisheit in ihre Spezialvariante ab. Über das Thema Leidenschaft kam sie auf die Schokolade, genauer gesagt auf die Schokoladenesser, deren Qualen sie im „Schokoladentango“ nacherlebte. In „Ach, ich hätt gern ein Schoklädle“ ging es um den verzweifelten Versuch, eine in der Kommode versteckte Schokoladentafel nicht zu essen. Dass Sabine Schief dabei ein geradezu erotisches Verhältnis zu einer riesigen Schokoladentafel entwickelte, führte zum Motto des Abends zurück.

Nach der Pause erzählte Sabine Schief von ihrem Quantensprung im Schweinsein nach dem Absolvieren des Online-Kurses „Arschlochsein in 90 Tagen“. Als neue Alpha-Sau gab sie nun die grausame Tante Hildegard, die flötete: „Du musst ein Schwein sein auf dieser Welt“, und androhte, dass die Sulzbacher nun endlich Großstadt erleben könnten, wenn sie nachts mit ihrem Auto röhrend und dröhnend durch den Ort fahren. Zwischendurch gab es Anekdoten über ihre erste Knutscherfahrung, nach denen sie sich eines Songs über das „Bombole“ nicht enthalten konnte. Das unvollkommene Leben besang Schief in „Über sieben Lücken musst Du geh’n“.

Der zweite Teil kumulierte in einem köstlichen Kabinettstückchen mit dem Bericht über einen Zen-Kurs in der Schweiz und den gescheiterten Versuch in „Brezelstellung“, ob des Fransenschals der Nachbarin die Contenance zu wahren.

Dass Sabine Schief den schwäbischen Alltag mal ironisch, mal derb aufs Korn nahm, so liebevoll versöhnte sie sich mit der Liedumdichtung „I tät für die älles“. Und dann wartete Tante Hildegard noch mit einer regelrechten Stuttgarthymne auf. In „Mei Schduagard, i mag di so sehr“ träumte sie so lange von einem Stuttgart am Meer, bis sie bemerkte, dass ihr Wohnort Untertürkheim dann auch geflutet wäre.

Sigrun Konrad bedankte sich im Namen der Gemeinde Sulzbach an der Murr mit einem Blumenstrauß für das unterhaltsame Programm. Für den stürmischen Beifall gab es natürlich eine Zugabe in Form eines zungenbrecherisch alle schwäbischen Kose- und Schimpfnamen umfassenden Lieds.

Zum Artikel

Erstellt:
9. Mai 2022, 11:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!