Tanz um den sterbenden Wal

Dass das Schicksal des Meeressäugers viele Menschen so stark berührt, hat nicht nur mit Mitgefühl zu tun.

Von Eidos Import

Man hat es mit einem Walflüsterer versucht, mit Booten und mit Schwimmbaggern. Jetzt setzt eine neue Initiative auf ein Luftkissen, eine Plane und zwei Pontons. Eine Besitzerin von Trabrennpferden und ein Unternehmer finanzieren die Aktion.

Das Schicksal von Timmy, dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, beschäftigt die Deutschen nun seit gut anderthalb Monaten. Till Backhaus, Deutschlands dienstältester Landwirtschafts- und Umweltminister, der von Rinderwahn bis Vogelgrippe pragmatisch durchregiert hat, kämpfte gar mit den Tränen. Eine Frau sprang von einer Fähre ins Wasser, um mit dem Wal zu sprechen, Aktivisten durchbrachen eine Absperrung.

Und doch sieht es so aus, als ließe sich dieser Wal nicht mehr wirklich retten. Dass es so schwerfällt, ihn einfach sterben zu lassen, lässt auf viel Empathie bei den Deutschen schließen. Allerdings kann man ein sehr großes Herz haben und dieses Ausmaß von Anteilnahme für ein einzelnes Tier trotzdem absurd finden. Und sich auch fragen, ob dahinter nur Mitgefühl steckt.

Timmy hat den Menschen über Wochen hinweg ihre Machtlosigkeit vorgeführt. Da liegt ein krankes Tier, vor aller Augen. Und obwohl man alles unternimmt, stirbt es vor sich hin – mit fast provokativer Langsamkeit. Selbst wenn der Wal es mithilfe von Planen und Plattformen nun doch noch in den Atlantik schafft, wird das erschöpfte und verletzte Tier auch im Ozean vermutlich nicht mehr lange leben. Das ist für manch einen Menschen womöglich schwerer auszuhalten als für das Tier selbst.

Was Timmy auslöst, erzählt viel über das Verhältnis der Deutschen zur Natur. Niemand will daran erinnert werden, dass sie stirbt. Schon gar nicht, wenn sie sich in einem solchen Lebewesen manifestiert – als riesiges Tier, das atmet, Laute von sich gibt und Augen hat, die sich öffnen und schließen. Das macht etwas mit den Deutschen, die Romantik ist tief verankert – und auch eine sehr spezielle Liebe zur Natur.

Dass Buckelwale, zu denen Timmy zählt, nicht mal besonders bedroht sind, macht es fast noch schlimmer. Artensterben bedeutet nicht nur, dass einzelne Spezies verschwinden. Sondern dass es durch Eingriffe des Menschen insgesamt immer weniger Tiere und Pflanzen gibt.

Dass der Mensch an Timmys Sterben eine Mitschuld trägt, lässt sich nicht abstreiten. Mehrfach verhedderte sich das Tier in Fischernetzen, eines davon blieb in seinem Maul stecken. Die Verletzungen auf seinem Rücken stammen wahrscheinlich von Schiffsschrauben. Hinzu kommt der niedrige Sauerstoffgehalt der Ostsee, ausgelöst durch Überdüngung und die Erderwärmung.

Dass Einzelgeschichten mehr bewegen als Dauerkrisen, ist bekannt. Und auch, dass es manchmal leichter fällt, mit Tieren zu fühlen als mit anderen Menschen. Dass so viele Anteil nehmen an Timmys Schicksal, dürfte auch an der Weltlage liegen. Zwischen Iran-Krieg und Wirtschaftskrise ist das Bedürfnis nach Geschichten mit gutem Ende besonders groß. Dass Timmy sich so kaum helfen lässt, ist deshalb schwer zu ertragen.

Dabei ist der Mensch nicht so machtlos, wie es sich manchmal anfühlt. Gerade in Bezug auf die Umwelt. Weniger Fisch zu essen und mehr Meeresschutzgebiete einzurichten, würde den Walen der Weltmeere durchaus helfen – und zwar mehr, als einen ihrer Artgenossen in den Atlantik zu schiffen.

Ob Timmys Schicksal dem Meeresschutz Auftrieb gibt, darf man bezweifeln. Dabei wäre das eine Perspektive, die wirkmächtig sein könnte: Timmy ist verloren – aber die Meere sind es noch nicht. Das klingt fast krampfhaft zuversichtlich. Doch die Hoffnung nie aufzugeben, gehört zu Timmys Geschichte ja dazu.

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Erstellt:
17. April 2026, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2026, 23:58 Uhr

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