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Tierhaltern auf die Finger geschaut

Kontrolleure des Veterinäramts Rems-Murr-Kreis begutachten unter anderem landwirtschaftliche Betriebe

Man könnte sie als „Ordnungshüterin“ zum Wohl von Mensch und Tier bezeichnen: Jutta Wilhelm ist eine der amtlichen Tierärztinnen im Veterinäramt des Landratsamts Rems-Murr-Kreis. Sie kommt manchmal angemeldet, manchmal unangemeldet, geht Hinweisen nach, fährt zu landwirtschaftlichen Betrieben oder in Privathaushalte und setzt sich hin und wieder mit Tierhaltern auseinander. An diesem Tag ist sie auf dem Hof von Harald Wurst in Hinterwestermurr und begutachtet seine Braunviehkühe.

Jutta Wilhelm erkundigt sich bei Landwirt Harald Wurst, wie oft der Stall entmistet wird. Ihre Checkliste hat sie immer dabei.  Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Jutta Wilhelm erkundigt sich bei Landwirt Harald Wurst, wie oft der Stall entmistet wird. Ihre Checkliste hat sie immer dabei. Fotos: A. Becher

Von Yvonne Weirauch

BACKNANG/MURRHARDT. Das Muhen ist schon von Weitem zu hören. Landwirt Harald Wurst kommt aus seinem Stall. Er weiß Bescheid. Dem 36-Jährigen ist ausnahmsweise bekannt, dass eine Vertreterin vom Veterinäramt des Landratsamts zu ihm auf den Hof kommt, um ihn, besser gesagt seine Tierhaltung zu überprüfen. Das liegt daran, dass Redakteurin und Fotograf unserer Zeitung dabei sind und der Landwirt seine Zustimmung geben musste, dass Fotos gemacht werden dürfen.

An diesem sonnigen Vormittag stehen also nicht nur die Kühe zur Begutachtung, sondern auch die Kontrolle des Stalls und die Haltung der Tiere auf der Liste von Tierärztin Jutta Wilhelm (56). Sie hat ihre Gummistiefel und die Überzieher angezogen und den Overall übergestreift – Pflicht für alle, auch für Fotograf und Redakteurin. Ihre Utensilien wie beispielsweise Fotoapparat, verschiedene Messgeräte, um zum Beispiel die Buchten auszumessen, oder auch kleine Behälter, um Urinproben zu nehmen, hat sie in einem kleinen blauen Korb verstaut, die Checkliste mit Kugelschreiber hält sie in der Hand.

Der Hautfaltentest spielt eine wichtige Rolle

„Wir fangen mal mit den Kälbchen an. So ist der Ablauf: von jung zu alt, von gesund zu krank“, erklärt Jutta Wilhelm. Vor dem Stall sind Unterstände mit Iglus aufgebaut. „Kurz nach der Geburt sind die Kälber im Stall, dann kommen sie raus. Das ist gut für die Atemwege. Die ersten Wochen werden sie in Einzeliglus gehalten, wenn sie zwischen sechs und acht Wochen sind, geht’s in den Gruppeniglu.“ Munter und aufgeregt zeigen sich die Jungtiere. Jutta Wilhelm prüft den Saugreflex, wirft einen Blick in den Unterstand, ob alles gut ausgestreut ist, und lässt den Blick über Haut- und Haarkleid streifen: „Kein Haarausfall und keine Kälberflechte zu entdecken“, nickt Wilhelm zufrieden. „Der Saugreflex ist auch sehr gut. Allerdings muss man darauf achten, dass sich die Kälber nicht gegenseitig besaugen, das gibt dann Schwellungen.“ Auch der Hautfaltentest zeigt: Die Tiere haben genug Flüssigkeit. „Wenn ein Kalb nicht richtig trinkt, würde die Falte stehen bleiben. So aber verstreicht sie sofort“, sagt Wilhelm. Enthornt sind die Jungtiere ebenfalls. Das sei sinnvoll, um die Verletzungsgefahr unter den Tieren zu vermeiden. „Da ist eine Verletzung am Karpalgelenk“, hat die Tierärztin entdeckt und fragt nach, ob das Kalb hingefallen sei. Wurst verneint, er wisse nicht, wo sich das Tier die Abschürfung geholt habe. Man behalte es im Auge, versichert Harald Wurst.

Seit 20 Jahren betreibt die Familie den Betrieb. Harald Wurst ist gelernter Landmaschinenmechaniker und Landwirt und hat den Hof vor drei Jahren von seinen Eltern übernommen – „aber sie helfen noch mit und unterstützen mich“. 58 Milchkühe gehören unter anderem zu seinem Bestand. Er ist der einzige Landwirt im Rems-Murr-Kreis, der als „reine Herde“ Braunviehkühe besitzt. „Die Kühe sind nicht scheu, sie sind zutraulich, regelrecht verschmust“, stellt Wilhelm fest. Das sei ein sehr gutes Zeichen. In der Tat stupsen die Kühe den Tierhalter immer wieder vertraut und liebevoll an oder saugen an den Fingern. „Ja, Trixi, ist ja gut. Elke, geh mal auf die Seite“ – allen seinen Kühen hat der Landwirt Namen gegeben. Er lacht: „Sie hören, wenn ich sie rufe.“ Obwohl sich alle Kühe sehr ähneln, kann Wurst sie anhand der Chipnummer auseinanderhalten.

Den nächsten Blick wirft Jutta Wilhelm in den Stall. Zwei junge Kälbchen, die erst wenige Wochen alt sind, lassen sich durch die Beobachterin nicht stören. Nur neugierig blicken sie durch die offenen Spalten. „Ich habe hier verzeichnet, dass sie eine Schwergeburt hatten mit Zwillingen. Ein Kalb ist dabei gestorben...“, liest Jutta Wilhelm von ihrem Zettel ab. Harald Wurst nickt. „Ja, und das zweite ist einen Tag später gestorben. Es war zu schwach.“ Sowas passiere, das sei normal, „auch wenn man alles versucht hat“, sagt die Tierärztin. Lobend nimmt Wilhelm wahr, dass die sogenannten Fresser – Kühe, die keine Milch mehr trinken – vom Stall aus einen Ausgang nach draußen haben: „Das ist ideal. Draußen können sie noch die Abendsonne genießen und stehen nicht in der Zugluft.“ Bis zu sechs Mal schiebe er Futter nach, berichtet Wurst. Sorge immer für genügend Wasser. „Das sieht man, es gucken keine Rippen raus und die Lendenwirbel sehen in Ordnung, die Klauen gesund aus. Der Ernährungszustand ist gut.“ Ihre Messgeräte muss die Kontrolleurin nicht in die Hand nehmen: Das Ausmessen sei nicht nötig, hier sei genug Spaltenplatz. Der Kopf passe gut durch die Eisenstangen. „Besamen Sie selbst?“, fragt Jutta Wilhelm. Harald Wurst nickt: Eigenbestandsbesamung. „Ich habe es im Gefühl und einen Blick dafür, ob die Kuh stark rindert oder die Färse bereit ist“, so der Landwirt. Der Vorteil der Eigenbestandsbesamung sei, dass man „öfter gucken könne“ als der Tierarzt. Den Spaltenboden im Stall bezeichnet Wilhelm als hohen Standard, zum einen verschwinde der Kot schnell, zum anderen rutsche das Rind nicht aus, wenn es die Kuh bespringe. Auch die Kuhtränke und den Mineralsalzleckstein nimmt Wilhelm unter die Lupe.

Nach gut zwei Stunden bei Harald Wurst benötigt Jutta Wilhelm nur noch eine Urinprobe einer Kuh, doch keine will so recht „seuchen“. Da habe sie auch schon oft bis zu einer halben Stunde gewartet, erzählt die 56-Jährige. Doch dann hat Nummer 64 – Franzi – Erbarmen und Jutta Wilhelm kann ihr Probefläschen füllen. Untersucht wird der Urin im Labor auf ein bestimmtes Antibiotikum, das nicht mehr zulässig ist. „Wenn Sie in den nächsten vier Wochen nichts von uns hören, ist alles in Ordnung.“ Ihre Arbeit auf dem Hof ist erledigt. Und Harald Wurst freut sich, dass es bis auf eine kleine Anmerkung keine Verstöße zu beanstanden gab – „nur ein paar Kühe sind etwas abgemagert, weil sie kürzlich krank waren, aber die werden wieder aufgepäppelt.“

Auch die sechs bis acht Wochen alten Kälber, die ihren Unterschlupf in einem Gruppeniglu finden, schaut sich die Mitarbeiterin des Veterinäramts genauer an.

© Pressefotografie Alexander Beche

Auch die sechs bis acht Wochen alten Kälber, die ihren Unterschlupf in einem Gruppeniglu finden, schaut sich die Mitarbeiterin des Veterinäramts genauer an.

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Erstellt:
24. September 2019, 06:00 Uhr

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