Eva Mattes im Interview
„Träume sind meine Wegweiser“
Schauspielerin Eva Mattes gastiert in der Stuttgarter Liederhalle mit „Nirgendland“, einer literarisch-musikalischen Hommage an Mascha Kaléko.
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Für Eva Mattes sind Mascha Kalékos Texte über das Dasein im Exil von ungebrochener Aktualität.
Von Roland Müller
In den Siebzigerjahren war sie das Aushängeschild des Neuen Deutschen Films, aber das breite Publikum machte erst dreißig Jahre später mit ihr Bekanntschaft: Eva Mattes, 71, ermittelte bis 2016 als Klara Blum im Konstanzer „Tatort“, spielt noch heute Theater und ist eine exzellente Vorleserin. Am Samstag, dem 28. März, würdigt sie in Stuttgart die Lyrikerin Mascha Kaléko.
Frau Mattes, Sie sind derzeit häufig in Mülheim an der Ruhr, wo Sie im Theater von Roberto Ciulli bei der Uraufführung von „Wir Nietzsche“ spielen . . .
. . . ja, ich bin die Schwester des Philosophen. Das Stück besteht aus Nietzsche-Originaltexten und ist eine spielerische und interpretierende Auseinandersetzung mit dem rauschhaften Denken des Philosophen. Nach „Pasolini. Io so“ und „S wie Schädel“ mit Texten von Navid Kermani ist es meine dritte Zusammenarbeit mit Roberto Ciulli. Mit ihm arbeite ich seit zwei Jahren zusammen, er gehört wie Peter Stein und Klaus-Michael Grüber zu den ganz Großen. Und nach dem Tod von Peter Zadek – mit ihm arbeitete ich am häufigsten zusammen – habe ich in Roberto einen neuen Meister gefunden. Für die Begegnung mit all diesen Menschen bin ich dem Leben sehr, sehr dankbar!
Roberto Ciulli ist nicht mehr der Jüngste.
Er wird 92, ist aber noch immer fit und geistig hellwach. Mit ihm zu arbeiten, ist wunderbar, keiner stimuliert und inspiriert mich so wie er. Ich hoffe, dass unsere Zusammenarbeit noch lange weiter geht.
Nietzsche, Pasolini, Kermani: alles Männer. Bewahren Sie die Frauen für Ihre Soloprogramme auf? Marlene Dietrich und Else Lasker-Schüler haben Sie sich schon gewidmet, jetzt Mascha Kaléko?
Mit dem Geschlecht der Protagonisten hat das eher weniger zu tun. Meine Soloprogramme richten sich vielmehr an einem Thema aus: Exil, Emigration, Verlust der Heimat. Als Jüdin musste Mascha Kaléko 1938 aus Deutschland fliehen, mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebte sie bis 1959 in New York, bevor sie nach Israel übersiedelte. Ihre alte Heimat hat sie allerdings immer beschäftigt. Gestorben ist sie 1975 in Zürich, so einsam, wie auch ihre letzten Lebensjahre waren . . .
Im Januar vergangenen Jahres gedachte man des fünfzigsten Todestags von Mascha Kaléko. Kommen Sie mit „Nirgendland“ jetzt nicht etwas spät nach Stuttgart?
Spielt das Datum für eine Hommage wirklich eine Rolle? Und ist der Verlust der Heimat, wie ihn Mascha erfuhr, nicht immer ein aktuelles Thema, gerade in unseren Kriegs- und Krisenzeiten?
Sie stehen in „Nirgendland“ nicht allein auf der Bühne. Wie muss man sich den Abend vorstellen?
Die in Berlin lebende Musikerin Etta Scollo hat festgestellt, dass man Mascha Kaléko in Italien nicht kennt. Daraufhin hat sie deren Gedichte in wunderbare Liedkompositionen gefasst. Etta hat eine tolle Stimme, spielt Gitarre und bringt zwei weitere Musikerinnen, Cello und Klarinette, mit ins deutsch-italienische „Nirgendland“. Ich lese dazu Kalékos Texte und Gedichte, singe aber auch gelegentlich mit.
Was reizt Sie an Mascha Kaléko?
In meinen Bühnenprogrammen ist Mascha Kaléko schon immer als Stimme vertreten gewesen. Ihre Texte sind heute wieder sehr aktuell, weltweit sind Millionen und Abermillionen von Menschen auf der Flucht. In New York hat Mascha wahnsinnig schöne Texte über die Emigration geschrieben, über ihren Blick aus der Ferne auf die alte Heimat, über ihre Sehnsucht nach Berlin, über ihre zeitweilige Heimkehr. Mit klarem, scharfem Blick hat sie erfasst und niedergeschrieben, wie die Deutschen ihre Nazi-Vergangenheit verdrängen.
Würden Sie uns bitte ein Beispiel geben?
„In jenem Land, das ich einst Heimat nannte, / Wird es jetzt Frühling wie in jedem Jahr. / Die Tage weiß ich noch, so licht und klar, / Weiß noch den Duft, den all das Blühen sandte, / Doch von den Menschen, die ich einst dort kannte, / Ist auch nicht einer mehr so, wie er war.“ – Das Gedicht heißt „Auf einer Bank“ und ist im New Yorker Exil entstanden. Und dann fasziniert mich natürlich noch Kalékos herrliche Alltagspoesie fernab der Katastrophen der Zeit.
Was zeichnet die Alltagspoesie von Mascha Kaléko aus?
Sie ist schwer und leicht zugleich, heiter und melancholisch in einem, mit „Worten, wie die Träumenden sie wagen“. Mascha erzeugt eine Stimmung, die ich sonst nur von Heinrich Heine kenne. Sie erwähnt und zitiert ihn auch, in ihrem „Emigranten-Monolog“ nennt sie ihn „Refugee Heine“. Er ist ihr literarisches Vorbild.
Das Stichwort ist gefallen: Träume. Träume waren für Mascha Kaléko eine wichtige Quelle fürs Schreiben.
Mit einem Gedicht dazu, im Kanon gesungen, endet auch „Nirgendland“: „Mein schönstes Gedicht? / Ich schrieb es nicht. / Aus tiefsten Tiefen stieg es. / Ich schwieg es.“
Welche Rolle spielen Träume für Sie?
Eine große! Ich freue mich immer, wenn ich träume und mich daran erinnere. Träume sind ein Wegweiser für mich. Mein Alltag zeigt sich darin in einer anderen, umgeformten Weise, eine Hilfe, um Dinge besser zu verstehen. Ich träume auch häufig einzelne Sätze, die ich mir notiere. Zum Beispiel: „Vergissmeinnicht und Veilchen, beide blau, trunken vor Glück im Grün.“ Oder, geträumt 2015, als die Flüchtlinge kamen: „Haben wir uns nicht längst gefragt, warum wir die Kontinente nicht tauschen?“ Solche irre Sachen kommen da zutage.
Das berühmteste Foto, das es von Mascha Kaléko gibt, zeigt sie in leichter Untersicht: weite Hosen, dichter Lockenkopf und trotzig selbstbewusster Was-willste-Blick, dazu die Fäuste energisch in die Hüften gestemmt . . .
. . . sollte die Vermutung, ob diese Pose auch zu mir passt, hinter Ihrer Frage stehen: ja, die wetterfeste Kaléko-Haltung passt durchaus zu mir. Ich fühle mich ihr sehr verwandt.
