Nukleare Bewaffnung

Türkei: Sehnsucht nach der Atombombe

Seit Jahren spielt der türkische Staatschef mit dem Gedanken an eine nukleare Bewaffnung seines Landes. Jetzt bekommen die Pläne neue Aktualität.

Der türkische Außenminister Hakan Fidan

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Der türkische Außenminister Hakan Fidan

Von gerd höhler

Der türkische Außenminister Hakan Fidan hat vor der Gefahr eines nuklearen Wettrüstens im Nahen Osten gewarnt, falls der Iran Atomwaffen bekommen sollte. In diesem Fall könnte die Türkei gezwungen sein, ebenfalls nuklear aufzurüsten, sagte Fidan jetzt in einem Interview mit dem Sender CNN Türk. „Wenn der Iran Atomwaffen hat, wird es für andere (Länder) nicht möglich sein, untätig zuzuschauen“, sagte Fidan. Die Türkei müsse sich dann „möglicherweise unvermeidlich dem Wettlauf anschließen“, so der Außenminister.

Die Türkei ist Unterzeichnerin des Atomwaffensperrvertrages, hat damit auf das Recht verzichtet, Atomwaffen zu erwerben. Neben den offiziellen Atommächten USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich besitzen mutmaßlich vier Länder, die den Vertrag nie unterschrieben haben oder aus ihm ausgetreten sind, Atomwaffen: Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea.

Interview nicht das erste Indiz

Fidans Interview ist nicht das erste Indiz, dass sich die Türkei für Atomwaffen interessiert. Bereits am 4. September 2019 erklärte Staatschef Erdogan bei einem Wirtschaftsforum im zentralanatolischen Sivas, es sei „inakzeptabel“, dass die Atommächte der Türkei den Besitz von Kernwaffen untersagen wollten. „Einige Länder haben Raketen mit nuklearen Sprengköpfen, aber uns sagt man, wir dürften sie nicht haben“, sagte Erdogan. „Das akzeptiere ich nicht“, so der Präsident.

Die Türkei hat 2018 mit dem Bau ihres ersten Atomkraftwerks bei Akkuyu an der Mittelmeerküste begonnen. Es wird von der russischen staatlichen Atomgesellschaft Rosatom finanziert, gebaut und betrieben. Der türkische Energieminister und Vertreter des Betreibers Rosatom bestätigten kürzlich die Zielsetzung, den ersten der vier geplanten Reaktoren des Kraftwerks in diesem Jahr in Betrieb zu nehmen. Mit diesem zivilen Atomprogramm bekommt die Türkei eine Infrastruktur, die unter bestimmten Bedingungen in Zukunft den Weg für eine militärische Nutzung öffnen könnte. Die Annäherung an Pakistan könnte der Türkei bei einem eventuellen Atomprogramm nützen.

Beziehungen auf einem Tiefpunkt

In Israel haben die Äußerungen des türkischen Außenministers große Aufmerksamkeit gefunden. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem Beginn des Gaza-Krieges sind die ohnehin seit Jahren gespannten Beziehungen zwischen der Türkei und Israel auf einem Tiefpunkt. Staatschef Erdogan bezeichnet Israel als „Terrorstaat“ und wirft dessen Premier Benjamin Netanjahu vor, er habe mit „seinem Völkermord“ an den Palästinensern „sogar Hitler übertroffen“. In Israel wird die Türkei wegen ihres zunehmend offensiven Auftretens im Nahen Osten und Erdogans Rolle als Schutzherr der Hamas als Gefahr gesehen. Der frühere Verteidigungsminister Avigdor Lieberman warnt davor, dass die Türkei unter Erdogan für Israel zu einer größeren Bedrohung als der Iran werden könnte.

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Erstellt:
15. Februar 2026, 16:08 Uhr

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