Üben zwischen Ballenpresse und Sämaschine

Der Posaunenchor Backnang trifft sich zu Proben auf dem Bauernhof von Otto Heller in Maubach. So schlagen die Musiker und ihr Dirigent Ernst Kortkamp Corona ein Schnippchen. Gespielt wird nun bei Wind und Wetter mit großer Leidenschaft jeden Mittwochabend.

Ungewohnte Kulisse für die Bläser: Der Posaunenchor übt schon seit Ostern dieses Jahres auf einem Bauernhof in Maubach. Foto: G. Thomas

Ungewohnte Kulisse für die Bläser: Der Posaunenchor übt schon seit Ostern dieses Jahres auf einem Bauernhof in Maubach. Foto: G. Thomas

Von Heidrun Gehrke

Backnang. Monatelang war beim Posaunenchor Backnang Däumchendrehen angesagt. Coronabedingt war an Proben in geschlossenen Räumen nicht zu denken. Auftritte entfielen, Aktivitäten waren auf Eis gelegt. Bis die Idee aufkam, den Sommer über auf einem Maubacher Bauernhof zu üben. Zwischen Ballenpresse und Sämaschine erklingen einmal wöchentlich getragene Choräle und Kirchenlieder. Schöner Ort, wunderbarer Klang und eine schöne Geschichte.

Es ist die Geschichte über Chorleiter Ernst Kortkamp, der froh ist, einen Weg zum Weitermachen gefunden zu haben, und über Landwirt und Chormitglied Otto Heller, der die Idee hatte, den Hof zum Üben anzubieten, und über den Trompeter Martin, für den die Open-Air-Proben „Entspannung pur“ nach einem Arbeitstag am Schreibtisch sind. Und sie handelt von 22 weiteren Bläsern des Posaunenchors, die das gemeinsame Musizieren sehr vermisst haben. Denn die coronabedingte häusliche Isolation über den Winter ist Gift für Musiker, sie sind auf Rückmeldung angewiesen.

„Es fehlten die intensiven Proben mit der Möglichkeit, sich gegenseitig gut zu hören, aufeinander beim Spielen einzugehen und sich auch zu korrigieren“, sagt Chorleiter Ernst Kortkamp. An Proben in Innenräumen sei lange Zeit nicht zu denken gewesen. Darunter leide auch die Qualität, gibt Kortkamp zu bedenken. Der sich darum über die rege Probenteilnahme im Freien freut. „Die Bereitwilligkeit ist erstaunlich, man muss niemanden mehr zum Jagen tragen, was sonst schon mal vorkommen konnte.“ Seit Ostern sind die Bläser wieder zum gewohnten wöchentlichen Probentermin zurückgekehrt, aber in ungewohnter Kulisse. Und im Freien, bei Wind und Wetter. Damit in der schweren Zeit die Instrumente nicht stumm in der Ecke stehen müssen, hat Soprantrompetenspieler Otto Heller seinen Hof angeboten.

Immer mittwochs fährt der Landwirt seine Geräte und Maschinen rechtzeitig in die Scheune. Unter dem Dach, das im Regenfall ein guter Schutz ist, greifen er und seine Mitstreiter wenige Stunden später im Halbkreis sitzend zu den Instrumenten. Bis zum Einbruch der Dunkelheit schallt warmer Bläserklang an die im frischen Abendwind auskühlenden Ohren. Bis zur Kirche sind die Lieder zu hören, die dort am Sonntag darauf den Gottesdienst begleiten werden.

Am Probenabend stimmen unfreiwillige „Register“ mit ein: Vor wenigen Tagen flügge gewordene Tauben kreisen über den Köpfen, die sich beim ersten Gegurre in Richtung Dach recken. „Das ist halt Natur“, kommentiert einer in der Runde amüsiert die lebhaften Rufe der Jungvögel.

Der Sommer neigt sich allmählich dem Ende zu. Die Bläser tragen Fleecejacken oder Wärmeres. Der Mais steht hoch, er überragt die Dächer der daneben parkenden Fahrzeuge der Musiker. Nur der Traktor von Otto Heller ist höher.

Er riecht nach Heu, nach frisch gemähter Wiese. „Ich hab heute den zweiten Schnitt gemacht“, sagt Landwirt Otto Heller. Damit seine Tiere – er hat einen Bullenmastbetrieb – über den Winter gut versorgt sind. Winter ist das richtige Stichwort, als der Bach-Choral „Mach’s mit mir Gott nach deiner Güt“ einen beinahe weihnachtlichen Vorgeschmack verbreitet.

Getragene Posaunentöne mischen sich harmonisch mit der Melodie der Hörner. Fehlt nur noch das Kerzchen. Es wird früh dunkel. Im Gemeindehaus am Heininger Weg würde jetzt einfach der Lichtschalter eingeschaltet, hier gehen gegen 20.30 Uhr die ersten batteriebetriebenen Lämpchen über den Notenpulten an. Und über den Köpfen flattert es: Fledermäuse rücken aus, für sie ist „Vesperzeit“. Fast zeitgleich zum Sonnenuntergang vereinen sich hohes und tiefes Blech zum Kirchenlied „Sonne der Gerechtigkeit“.

Ein ganzes Gespann aus Hellers Scheune, mindestens ein Traktor und die angehängte Ballenpresse, hätte Platz zwischen den Oberstimmen der Sopraninstrumente und den tiefen Tuben und dem Helikon mit den größten Schalltrichtern. Für Chorleiter Ernst Kortkamp ist damit manch akustische Herausforderung verbunden: Unter freiem Himmel fehle die Rückmeldung. „Im Raum höre ich den ganzen Chor, hier verpufft vieles vom rhythmischen Zusammenspiel, die Wände reflektieren besser“, so der Chorleiter. Ein intensives Proben sei draußen kaum möglich. „Wir müssen gut aufeinander hören, um unsere Tonhöhe einander anzupassen.“ Doch seien sie sehr froh, „überhaupt wieder blasen zu können und einander wieder zu sehen“. Die Open-Air-Lösung sei allemal besser als vor dem Bildschirm in Online-Meetings zu spielen und im stillen Kämmerlein vor sich hin zu üben.

Der nächste Choral an dem Spätsommerprobenabend heißt „Wir wollen fröhlich singen“. Damit könnte der Posaunenchor selbst gemeint sein. Finanziell habe sich die Coronapause nicht ausgewirkt, da die Posaunenchöre in Württemberg nicht selbstständig, sondern als ehrenamtliche Gruppen innerhalb der Kirchengemeinde organisiert seien. Verarmt seien aber die „Geselligkeit und der Austausch“. Die Bläser seien über die Musik verbunden, die dynamische und lebendige Gruppe lebe vom Miteinander. Die Not an sozialem Kitt habe aber offenbar erfinderisch gemacht, resümiert Kortkamp: „Es haben sich regelmäßig spontan kleine Gruppen zusammengefunden zu Aktionen, mal zum diakonischen Blasen vor Pflegeheimen oder auf Friedhöfen im Freien.“

Es werde höchste Zeit, wieder intensiv zu proben, auch um von der Bevölkerung nicht vergessen zu werden. Ohne Posaunenchor, das habe der Lockdown gezeigt, fehle etwas. „Wir merken, wie notwendig und wohltuend es ist, wenn sich jemand bei den Altenheimen sehen lässt“, so Ernst Kortkamp. Coronabedingt seien auch 2021 alle Aktivitäten gestrichen.

Davon betroffen seien neben Gottesdiensten in Altersheimen und Kirchen auch der kirchenbezirksweite Bläsergottesdienst im Oktober sowie der städtische Sankt-Martins-Umzug ab dem Stiftshof. Die Liste der ausgefallenen Termine habe vor Augen geführt, in wie viele städtische Aktivitäten und Gottesdienste der Posaunenchor eingebunden ist. Nach den Sommerferien wird der Chor wieder im Gemeindehaus in Maubach proben, da es jetzt immer früher dunkel wird. Trompeter Martin sagt, er werde den nicht alltäglichen Ort in guter Erinnerung behalten. Nach seinem Alltag als Schreibtischtäter sei es eine entspannende Abwechslung gewesen. „Es ist herrlich, schön an der frischen Luft nach dem ganzen Tag im Büro.“ Auch von den Nachbarn sind keine Misstöne zu hören: „Es hat sich noch keiner beschwert, im Gegenteil, die freuen sich“, so Landwirt Otto Heller.

„Im Raum höre ich den ganzen Chor, hier verpufft vieles vom rhythmischen Zusammenspiel, die Wände reflektieren besser.“ Ernst Kortkamp (Dirigent),
zu Probenbedingungen auf dem Bauernhof
Der Posaunenchor existiert schon 125 Jahre

Der Posaunenchor Backnang wurde 1896 gegründet und begeht dieses Jahr sein 125-Jahr-Jubiläum. Die Gemeinschaft verbindet eine Aufgabe: „Mit klingenden Trompeten, Posaunen, Hörnern und Tuben das Lob Gottes in die Welt zu tragen“, sagt Ernst Kortkamp.

Von großer Bandbreite ist die Altersstruktur der Chormitglieder:Junge Leute spielen mit, aber auch über 80 Jahre alte Bläser sind keine Seltenheit. „Der Beweis dafür: Wer bläst, bleibt jung“, sagt Ernst Kortkamp. Das Motto „Gott loben, das ist unser Amt“ beflügele die Bläser und Chorleiter, die meist lebenslang dabei bleiben. „Die Begeisterung für die Musik und der christlich begründete Auftrag zur Verkündigung sind Antrieb für unsere Arbeit.“

Das Repertoire umfasst alte und neue Choräle und Lieder der Kirchen- und Volksmusik ebenso wie Instrumentalwerke von alten Meistern bis hin zu Komponisten der Gegenwart.

Der Posaunenchor wirkte in pandemiefreien Zeiten bei rund 25 Einsätzen pro Jahr mit: Sonntagsgottesdienste in verschiedenen Gemeinden, Gottesdienst im Grünen und in Altenheimen, Andachten auf Friedhöfen am Ostermorgen und Ewigkeitssonntag, das sogenannte Platzblasen und Kurrendeblasen in der Vorweihnachtszeit, Mitwirkung bei Gemeindefesten, bei Konfirmation, Trauung und Beerdigung sowie über die Stadt hinaus bei Bläsergottesdiensten im Kirchenbezirk. Alle zwei Jahre nimmt der Posaunenchor am Landesposaunentag in Ulm teil.

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Erstellt:
10. September 2021, 16:00 Uhr

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