Über den Tod hinaus

Der Tod von Alexej Nawalny könnte aufrütteln, doch das wird kaum geschehen.

Nawalny bei einer Verhandlung im Jahr 2021

© dpa/Evgeny Feldman

Nawalny bei einer Verhandlung im Jahr 2021

Von Christian Gottschalk

Stuttgart. - In Russland sind schon viele Menschen ums Leben gekommen, die sich gegen Wladimir Putin positioniert haben. Anna Politkowskaja oder Boris Nemzow gehören zu den prominentesten Beispielen. Darüber, dass der Kreml beim Tod der Journalistin und des Politikers seine Finger mit im Spiel gehabt haben könnte, besteht in der westlichen Welt weitgehend Einigkeit. In Russland selbst wird darüber – wenn überhaupt – nur hinter der vorgehaltenen Hand gemunkelt.

Mit Alexej Nawalny ist nun ein Mann gestorben, dessen Bedeutung noch einmal von anderem Kaliber ist. Dass das Regime für seinen Tod verantwortlich ist, steht außer Frage. Die unmenschlichen Haftbedingungen in Russland sind für viele Strafgefangene unerträglich. Für Nawalny waren sie noch ein Stück unmenschlicher gewesen. Denn er war schließlich der Mann, der die Jugend gegen Putin auf die Straße brachte. Er war es, der Putin und dem System immer wieder mit Widerspenstigkeit trotzte, der Widerworte entgegensetzte, geschliffene, spitze, treffende. Er war es, den der Kremlherrscher in Russland fürchten musste.

Das alles ist nun aber auch schon eine Weile her. Im Gefängnis ist es Monat um Monat, Jahr um Jahr stiller geworden um den Mann, der als einziger Oppositionspolitiker von Rang in Russland geblieben war. Nun hat sich das Riesenreich seiner entledigt. Die spannende Frage lautet daher nun, ob der Kremlkritiker mit seinem Ableben über den Tod hinaus etwas bewirken kann, ob die Menschen auf die Straße gehen, um gegen ein System der Menschenverachtung zu protestieren.

Es gibt durchaus Gedankenspiele, die dafür sprechen könnten. Nawalny ist schließlich nicht alleine gestorben. Jeden Tag verheizt der Kreml seine Untertanen in großer Zahl an der Front. Wie viele Tausend, wie viele zehntausend Russen die Großmachtfantasien eines Wladimir Putins schon mit dem Leben bezahlt haben, das gehört zu den ganz großen Geheimnissen, über die niemand sprechen darf im Land. Dass die Dörfer immer leerer werden, dass viele Männer, Brüder und Väter auf einmal fehlen am Mittagstisch, das lässt sich aber nicht auf Dauer verbergen.

Der Tod eines Einzelnen könnte da zur Initialzündung gereichen, könnte die Unzufriedenen auf die Straße treiben, den Protest sichtbar machen. Der Tod von Alexej Nawalny kommt schließlich zu einer Zeit, in der sich viel mehr angesammelt hat als in den Zeiten, als Anna Politkowskaja und Boris Nemzow ums Leben kamen. Diese Hoffnung ist vermutlich zu sehr von westlicher Denkschule geprägt.

Der Gedanke, dass Putin vom eigenen Volk aus dem Palast gefegt werde, er keimte außerhalb Russlands schon oft – und erfüllte sich bisher nie. Die meisten Russen haben sich darauf eingerichtet, überleben zu wollen, irgendwie. Sie haben gelernt, dass Grashalme mit der Sense gemäht werden, wenn sie zu hoch in den Himmel wachsen. Und so ist es wahrscheinlicher, dass sich die Welt einmal mehr zweigeteilt präsentiert.

Während sich der Westen mit absolut berechtigten Schuldzuweisungen an Russlands Diktator und seine Schergen überschlägt, während Staatsmänner aus aller Welt Familie und Freunden des verstorbenen kondolieren, wird in Russland vergleichsweise wenig zu hören sein von dem Vorfall in der fernen Strafkolonie mit dem Namen Polarwolf, in der eben ein Gefangener gestorben ist. So wie es in Prag und Vilnius schon heute Nemzow-Plätze gibt, werden im Westen auch Nawalny-Plätze entstehen.

In Russland hat weder der eine noch der andere dieser Männer einen Platz. Nicht jetzt. Doch eine Hoffnung bleibt: Keine Herrschaft währt ewig.

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Erstellt:
16. Februar 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
16. Februar 2024, 23:58 Uhr

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