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Über Schulverpflegung wird zu wenig gesprochen

Beim Fachtag „Gutes Essen für die Schule“ wurden die Ergebnisse einer kreisweiten Umfrage vorgestellt – Schüler haben wenig Einfluss auf den Speiseplan

Immer mehr Kinder nehmen ihr Mittagessen in der Schule zu sich. Die kommunale Gesundheitskonferenz Rems-Murr-Kreis hat sich daher dieses Themas angenommen und eine Erhebung zur Schulverpflegung im Landkreis durchgeführt. Das Ergebnis: Vielerorts ist noch Luft nach oben. Vor allem die Kommunikation wird bemängelt.

Die Mensa im Berufsschulzentrum Backnang hat sich im kreisweiten Vergleich durch frisch vor Ort gekochtes Essen hervorgetan. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Die Mensa im Berufsschulzentrum Backnang hat sich im kreisweiten Vergleich durch frisch vor Ort gekochtes Essen hervorgetan. Foto: J. Fiedler

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Dass das Mittagessen zu Hause mit der Familie eingenommen wird, ist immer seltener. Das liege, so Gesundheitsdezernent Peter Zaar, an den veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Diese wirken sich auch auf die Bildungsinstitutionen aus. Die Zahl der Schulen mit Ganztagsbetrieb im Land ist von 1177 im Jahr 2011 auf 1665 im Jahr 2016 angestiegen und diese Entwicklung setzt sich weiter fort – das bedeutet, dass mehr Schüler mittags in der Schule essen. Gleichzeitig nimmt der Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder zu oder stagniert auf hohem Niveau. Wie also kann eine gute Schulverpflegung gelingen? Damit hat sich Vanessa Holste in ihrer Masterarbeit befasst und den Rems-Murr-Kreis als Untersuchungsobjekt gewählt. An alle 160 Schulen im Kreis schickte sie Fragebögen, der Rücklauf lag mit 83 Prozent sehr hoch. Bei einem Fachtag stellte sie die Ergebnisse ihrer Untersuchung vor.

Immerhin 70 Prozent der Schulen im Landkreis bieten ein warmes Mittagessen an, wie das gehandhabt wird, sei aber sehr unterschiedlich. In zwei Drittel der Fälle übernehmen Caterer diese Aufgabe, bei der Art der Verpflegung dominiert mit 37 Prozent das Warmverpflegungssystem. Das bedeutet, warmes Essen wird anderswo zubereitet und angeliefert. Der Haken dabei: Diese Verpflegungsart wurde von den Schulleitungen durchschnittlich mit einer Note von 3,0 und damit am schlechtesten bewertet. „Die Spannbreite war groß, zwischen 2 und 6 war alles dabei“, führte Holste aus. Sie sieht an dieser Stelle Optimierungspotenzial. Ein Faktor, der die Verbesserung aber hindert, ist, dass die Partizipation der Schüler in Sachen Verpflegung oft leidet. An fast 60 Prozent der Schulen haben die Schüler demnach keinen Einfluss auf den Speiseplan, an einem Drittel der Schulen können sie noch nicht mal Feedback dazu abgeben.

In Experteninterviews hat die damalige Studentin der Gesundheitsförderung nach den Gründen dafür gefragt, warum die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für die Schulverpflegung, die einen Leitfaden für ausgewogene Verpflegung bieten, nicht umgesetzt werden. Die Antworten waren vielschichtig: Einerseits wurde bezweifelt, dass die Standards umsetzbar sind, da sie nicht mit den Vorlieben der Kinder in Einklang zu bringen seien. Des Weiteren werde eine Zertifizierung der Schule bei Umsetzung der Standards nicht als Mehrwert wahrgenommen. Holste ermittelte zudem, dass den Schulleitungen konkrete Idealbilder und manch einem engagierten Experten hingegen die Kompetenzen fehlten.

Dass es auch anders geht, zeigt die Mensa im Berufsschulzentrum Backnang, wo der Fachtag auch stattfand. Sie diente als eines von fünf „Best-Practice-Beispielen“. „Wir kochen alles frisch vor Ort“, erklärte Mensaleiter Sascha Gabriel. Auch habe er es aufgegeben, einen Wochenspeiseplan zu erstellen: „Wir wollen keinem Schüler aufzwingen, Tage vorher entscheiden zu müssen, was er essen will.“ Ein Geheimrezept sei auch, Essenstrends aufzugreifen. „Was die Schüler von Food Festivals oder so kennen, wollen sie auch in der Schule haben.“

Verknüpfungspunkte zwischen Unterricht und Essen helfen

Deshalb sei es auch ein Irrtum zu glauben, gesundes Essen sei nicht mit den Vorlieben der Schüler zu vereinbaren, erklärte Beate Laumeyer, Coach für Kita- und Schulverpflegung in Baden-Württemberg. „Die essen im Döner rohes Kraut“, erinnerte sie zur Erheiterung der Besucher. Sie referierte darüber, wie die Schulverpflegung nachhaltig gestaltet werden kann. Ihre Empfehlungen: überwiegend pflanzlich, gering verarbeitet, ökologisch erzeugt, regional und saisonal. Warum das sinnvoll ist, sei den Schülern auch gut zu vermitteln, wenn das eigene Essen im Unterricht eine größere Rolle spiele. „Es gibt viele Ideen für Verknüpfungspunkte“, befand sie. Beispielsweise könne man mit den Kindern auf Streuobstwiesen Früchte ernten und weiterverarbeiten. Mit etwas älteren Schülern könne man auch die Wertschöpfungskette genauer beleuchten und in Betrieben nachschauen. Wichtig sei, da stimmte Laumeyer ihrer Vorrednerin Holste zu, besser mit den Schülern zu kommunizieren: „Sagen Sie den Kindern, wo die Lebensmittel herkommen, und fragen Sie nach ihrem Feedback.“ Ein paar kleine Tricks hatte sie aber parat, um die Kommunikation zu lenken: Statt „gesund“ solle man lieber „lecker“ oder „vollwertig“ sagen. „Schließlich wird man ja von Pommes nicht krank – zumindest nicht sofort.“

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Erstellt:
25. Mai 2019, 06:00 Uhr

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