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Prozess: Geldboten rauben sich selbst aus

dpa/lsw Karlsruhe. Tag für Tag sammelten die beiden Geldboten Einnahmen in enormer Höhe ein. Dann hatten sie eine Idee: Wir rauben uns selbst aus und sind alle Geldsorgen los. Doch die Polizei kommt ihnen auf die Spur. Allerdings gibt der Ablauf noch Fragen auf.

Die Statue der Justitia steht mit einer Waage und einem Schwert in der Hand. Foto: Arne Dedert/dpa/Archivbild

Die Statue der Justitia steht mit einer Waage und einem Schwert in der Hand. Foto: Arne Dedert/dpa/Archivbild

Irgendwann muss die Versuchung zu groß gewesen sein. Immer wieder fuhren die beiden Geldboten dieselbe Tour durch Nordbaden. Sie klapperten mit ihrem Transporter die Supermärkte und Tankstellen in Bruchsal und Weingarten ab, die Baumärkte und Schnellrestaurants, sie verstauten Hunderttausende von Euro in ihrem schwer gesicherten Wagen - und Abend für Abend mussten sie das ganze schöne Geld wieder abgeben, obwohl sie zu Hause Schulden plagten und beide ihre Familien ernähren wollten.

Also fassten die beiden Männer im vergangenen Juli einen Plan: Wir rauben uns selbst aus und werden reich. Die Story vom vorgetäuschten Überfall hielt allerdings nicht lange. Vor Gericht in Karlsruhe zeigten sich beide Männer am Dienstag reumütig. Sie räumten ein, die Polizei mit ihrem Lügenmärchen von den unbekannten Räubern und dem Überfall am helllichten Tag ebenso belogen zu haben wie ihr ehemaliges Unternehmen.

Allerdings wiedersprechen sich die Ex-Kollegen bei ihren Darstellungen des Ablaufs. Der 36 Jahre alte Angeklagte sagte zum Prozessauftakt aus, beide Männer hätten die Tat im vergangenen Juli aus Geldsorgen gemeinsam geplant und die Beute später in gleichen Teilen aufteilen wollen. „Ich wurde gierig, ich habe es wirklich nur aus Habgier gemacht“, gab er zu. Allerdings habe er die Idee eines vorgetäuschten Überfalls auf ihrer angestammten Fahrtroute, der Tour 23, zu Beginn auch gar nicht ernst genommen. „Das hat alles im Witz angefangen“, sagte er. Zunehmend seien die Pläne gereift, schließlich führte man sie aus.

Der angebliche Raubüberfall nach Hollywood-Manier hatte im vergangenen Sommer für Schlagzeilen und anfängliches Rätselraten bei den Ermittlern gesorgt. Denn von den mutmaßlichen Geldräubern fehlte zunächst natürlich jede Spur. Die angeklagten Männer hatten anfangs behauptet, sie seien an der Autobahn 5 bei Weingarten von falschen Polizisten in einem zivilen Auto angehalten und auf einer schmalen Straße zwischen Bruchsal und Weingarten ausgeraubt worden. Das Geld - rund 825 000 Euro - hatten sie zwischendurch in einem abgestellten Auto, einem sogenannten Bunkerwagen, deponiert, um es später in Sicherheit zu schaffen.

Der 30-jährige zweite Geldbote ließ allerdings über seinen Anwalt mitteilen, er sei keineswegs gleichwertig in die Planungen eingebunden gewesen. Vielmehr sei er von seinem früheren Kollegen in den vorgetäuschten Raubüberfall hineingeredet worden und habe nur einen kleinen Teil der Beute als eine Art Belohnung für die Kumpanei erhalten.

Sogenannte Innentäterschaften in Form von vorgetäuschten Überfällen kommen laut Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) „immer mal wieder“ vor, allerdings gehe es um vergleichsweise wenige Fälle. Die geringe Zahl der Überfälle auf Geldtransporter habe eindeutig mit den schärferen Sicherheitsrichtlinien zu tun, sagte BDGW-Sprecherin Silke Wollmann der dpa. „Viele Überfälle auf Spezialgeldtransportfahrzeuge bleiben glücklicherweise aufgrund dieser Maßnahmen im Versuchsstadium stecken.“

Im Jahr 2018 wurden laut Kriminalstatistik der Polizei sieben gesicherte Spezialtransporte überfallen, einige davon erfolglos. Zudem wurden 69 Geldboten ausgeraubt - vor zehn Jahren (2008) waren es noch 114. Zahlen für 2019 liegen noch nicht vor.

Unklar ist noch, wie Polizei und der Sicherheitsdienst den beiden mutmaßlichen Selfmade-Gangstern aus Baden auf die Schliche gekommen sind. Nach früheren Angaben soll es einen Anfangsverdacht gegeben haben, weil beide Mitarbeiter gegen interne Sicherheitsvorschriften verstoßen hatten. Bei Durchsuchungen fanden die Beamten dann bei den Verdächtigen hochwertige Gegenstände wie E-Bikes, Schmuck, Uhren und Fernseher, die erst kurz vorher gekauft worden waren. Ein Großteil der Beute - sowohl Bargeld als auch Gold - wurde sichergestellt. Gut einen Monat nach der Tat waren die Verdächtigen festgenommen worden und sitzen seitdem in Untersuchungshaft.

Die Vorwürfe gegen die beiden Deutschen lauten auf Diebstahl mit Waffen und Vortäuschen einer Straftat. Bei einer Verurteilung drohen mehrjährige Haftstrafen. Ein Urteil soll Anfang April gesprochen werden. (4 Kls 670 Js 29424/20)

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Erstellt:
17. März 2020, 02:03 Uhr

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