Wolfgang Grupp im Gespräch mit Gysi
Um sein Enkelkind kümmert sich der Ex-Trigema-Chef „jeden Tag“
Am Montagabend trafen sich Gregor Gysi und Ex-Trigema-Chef Wolfgang Grupp in Tübingen zum Gespräch. Es war der erste öffentliche Auftritt des Unternehmers seit seinem Suizidversuch.
© Sascha Maier/STZN
Wolfgang Grupp (links) und Gregor Gysi in Tübingen im Gespräch
Von Sascha Maier
Das erste Bild des Montagabends wird wohl in Erinnerung bleiben: Gregor Gysi hilft Wolfgang Grupp in den Mantel, als der Ex-Trigema-Chef zur Gesprächsreihe „Gysis Begegnungen“ vor dem Neuen Kunstmuseum in Tübingen erscheint und aus dem Auto steigt. Etwa 400 Menschen sind gekommen, darunter auch Tübingens OB Boris Palmer (parteilos), um einen der ersten wirklich öffentlichen Auftritte des Burladinger Unternehmers mitzuerleben, der das letzte halbe Jahr eher zurückgezogen zugebracht hatte – kleinere Geschichten, als er etwa mal in einer Trigema-Filiale im September 2025 mit anpackte, ausgenommen.
Da stehen die beiden älteren Herren Gysi (78) und Grupp (83) und der eine hilft dem anderen in den Mantel. Beide versichern sich gegenseitig, laut und deutlich zu sprechen, da beide nicht mehr so gut hören würden. Mit großem Applaus wird Wolfgang Grupp wenig später im Saal empfangen, als er die Wendeltreppe herunterkommt, nachdem Gysi ihn angekündigt hatte.
Grupp ist jeden Tag in seiner Hauskapelle
Für den ersten Lacher des Abends im Publikum sorgte Gysi, als er Burladingen falsch aussprach, mit der Betonung auf dem „A“. Zunächst ging es um Religion. „Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich konvertierte, ich bin ein gläubiger Katholik“, sagte Grupp, „ich verlasse dass Haus nicht, ohne dass ich kurz in meiner Hauskapelle war.“ Dort danke er auch dafür, dass er „ein nicht ganz so schlechtes Leben“ habe.
Gysi sagte, er glaube ja nicht an Gott. Daraufhin sagte Grupp: „Ich lade sie auch zu mir in die Hauskapelle ein.“ Gysi strukturierte das Gespräch so, dass der Anfang von Wolfgang Grupps Leben auch am Anfang der Podiumsdiskussion stand und sie sich dann langsam die Jahrzehnte vorarbeiteten.
Ob Grupp sich im Alter von drei Jahren an das Kriegsende erinnere, wollte Gysi wissen. Dieser bejahte – die Familie lebte bei einem französischen Militär, mit der Familie sei die Familie Grupp noch heute freundschaftlich verbunden.
Auf die Frage, welches Schulfach für Grupp das schlimmste gewesen sei, antwortete er: „Alle!“ Es folgte ein Ausflug, der Grupps Studienzeit in Köln behandelte. Zwei „Verkehrsmittel“, wie Gysi diese nannte, habe der Kult-Unternehmer aus wohlhabendem Elternhaus also gehabt: „Ein Reitpferd und einen Sportwagen.“ Gysi fügte trocken hinzu: „Wie jeder Student.“
Das Publikum gut unterhalten
Es ging darum, wie Grupp die Firma übernahm, seine heutige Ehefrau Elisabeth Grupp kennenlernte. Per Sie seien sie zunächst gewesen, Grupp erzählte folgende Anekdote: Als er seine Frau – womöglich im Sportwagen – mitgenommen hatte, fragte diese, ob Grupp das Fenster öffnen könnte. Dieser verneinte – wegen des Zugs und der Gesundheit. Als das Gespräch auf das Thema schwitzen kam, soll Frau Grupp gesagt haben: „Disziplinierte Männer schwitzen nicht.“ Lacher im Publikum. „War es beim zweiten Treffen netter?“, so Gysi. Noch mehr Lacher. Und auch Boris Palmer lachte an diesem Abend viel.
Mit der Ehe, erzählte Grupp, hatte er es die ersten 46 Lebensjahre ohnehin nicht so: „Mit 40 bin ich noch schweißgebadet aufgewacht, habe geträumt, ich sei verheiratet.“ Sechs Jahre später habe er sich gesagt: „Ich gebe das Heft in die Hand meiner Frau, ich tue alles, was sie sagt, und das hat funktioniert.“
„Knick“ vor Milliardären oder nicht?
Über die bekannte Firmengeschichte, gute Zeiten und schlechte Zeiten, kamen Gysi und Grupp schließlich im Heute an. Da ging es um aktuelle Fragen im Bereich Wirtschaft. Da zeigten sich dann doch Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Unternehmer und dem Sozialisten. „Wenn ich einem Milliardär begegne, dann mache ich einen großen Knick“, sagte Grupp. „Ich mache vor niemandem einen Knick“, erwiderte Gysi.
Und dann ging es auch ein bisschen um Politik. „Kretschmann hat das sehr gut gemacht“, sagte Grupp, der sich daran erinnerte, zunächst auf die grün-rote Landesregierung geschimpft zu haben. „Aber dann habe ich das erste Mal grün gewählt, ich kann ihm nicht die Hand schütteln und ihn gleichzeitig abwählen“, so Grupp. Jetzt wähle er nicht mehr grün.
Ob er noch jage, wollte Gysi schließlich wissen – und das war das einzige Mal an diesem Abend, dass Wolfgang Grupps gescheiterter Selbstmordversuch im Sommer des vergangenen Jahres zur Sprache kam. „Nach meinem Suizidversuch habe ich auch den Jagdschein abgegeben und alles“, sagte Grupp – und meinte damit wohl auch die Waffen.
Grupp kümmert sich „jeden Tag“ um sein Enkelkind
Gysi las schließlich noch vom Blatt ab, schilderte den Suizidversuch – und fragte, ob Grupp sein Leben trotz der Altersdepressionen genießen könne. Dieser nickte nur. Beifall – der emotionalste Moment des Abends.
Sie sollten sich jetzt um ihr Enkelkind kümmern, sagte Gysi zum Ende des Gesprächs. „Das tue ich jeden Tag“, versicherte Wolfgang Grupp.
Unternehmer Grupp ist wieder ganz der Alte
Schön zu sehen war, dass Wolfgang Grupp wieder ganz der witzige, sprücheklopfende Kult-Unternehmer war, für den ihn viele schätzen. Falls ihn die Altersdepressionen, die ihn zu einem Selbstmordversuch im Juli 2025 getrieben hatten, doch noch plagen sollten, war davon an diesem Abend nichts zu spüren. Die letzte Nachricht, mit der die Familie Grupp in den Schlagzeilen war, war ohnehin eine erfreuliche: Wolfgang Grupps Tochter Bonia Grupp ist zum ersten Mal Mama geworden – und Wolfgang Grupp Opa.
Zuschauer, die Hoffnungen hegten, unbekannte Details über das Enkelkind zu erfahren, bei dem weder Name noch Geschlecht öffentlich sind, musste enttäuscht werden: Die Grupps behandeln dies weiterhin ganz privat, das Thema kam über den kurzen Satz, dass Wolfgang Grupp sich jeden Tag um das Kind kümmere, nicht zur Sprache. Und es war auch nur Wolfgang Grupp Junior im Publikum – womöglich kam Bonita Grupp ganz ihren mütterlichen Pflichten nach.
Sie haben suizidale Gedanken? Hier wird Ihnen geholfen
Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Es ist wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde besonders aufmerksam sind, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Anzeichen von Depressionen oder Suizidgefahr auftreten. Im Jahr 2023 war Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren.
Auch hier gibt professionelle Hilfe:
www.deutsche-depressionshilfe.de
Info-Telefon Depression für Betroffene und Angehörige: 0800 33 44 5 33
E-Mail-Beratung für Betroffene und Angehörige: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de
Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis samstags 14 bis 20 Uhr)
Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/
