Und das arme Tauberl schaut zu

Der Brieftaubenzüchter-Verband scheitert mit dem Antrag, Teil des Immateriellen Kulturerbes zu werden

Wer den Brieftauben-Liebhabern vor allem Tierquälerei vorwirft, hat von der kulturellen Bedeutung der „Rennpferde des kleinen Mannes“ im Ruhrgebiet nichts verstanden. Eine Liebeserklärung.

Stuttgart/BErlin Sie haben es nicht ins Ziel geschafft. Im Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes sucht man die Brieftauben unter den 18 Neuaufnahmen vergebens.

Verstehen kann das nur einer, der von Brieftauben nichts versteht. Wer noch nie zugesehen hat, wie in Taubenschlägen harte Malocherhände zärtlich über das grau-blaue Gefieder ihrer Lieblinge streicheln. Wer nicht begreifen kann, wenn gestandene Kerle erleichtert in Tränen ausbrechen, wenn ihre Vögel nach langem Distanzflug gesund heimkehren.

Die Preisträger – darunter das Drechslerhandswerk, das Welttanzprogramm für Paartanz, der Markgröninger Schäferlauf und die Fürther Michaeliskirchweih – machten deutlich, „wie viele Menschen jeden Tag kreativ tätig sind, ihr Wissen und Können fortentwickeln und weitergeben und so einen unverzichtbaren Beitrag zum Zusammenhalt und zur nachhaltigen Entwicklung unserer Gesellschaft leisten“, gurrt der Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter, am Dienstag in Berlin. Sie alle dürfen sich über die symbolische Auszeichnung freuen. Auch die Handwerksmüllerei in Wind- und Wassermühlen oder die Wiesenbewässerung in den Queichwiesen zwischen Landau und Germersheim. Nur das arme Tauberl schaut zu.

Die Tierschützer haben ihm den Kulturerbe-Titel vermasselt – mag Kulturstaatsministerin Monika Grütters ruckedikuh noch so süß säuseln, nur der, der seine eigene Kultur kenne und pflege, könne sich „unbefangen und selbstbewusst auch Neuem stellen“. Egal. Hunderttausende Tiere kämen jedes Jahr bei Wettflügen ums Leben, klagt der Deutsche Tierschutzbund. Und die Stuttgarterin Sylvia Müller vom Verein „Straßentaube und Stadtleben“ reichte Dokumentationen ein, die das Ausmaß des Brieftauben-Elends veranschaulichen sollen.

Dass nicht alle Tauben auf ihren oft über viele Hundert Kilometer langen Distanzflügen in ihren Schlag zurückfinden und buchstäblich auf der Strecke bleiben, ist unbestritten. Doch dabei geht es vorrangig um Sport und Wettkampf, nicht um Profit und Quälerei. Brieftauben gehören zur Familie, und nicht wenige Taubenväter verbringen mit ihren fliegenden Rennpferden oder vor ihren Pokalen mehr Zeit als mit ihrer Frau.

Brieftauben und ihre Züchter gehören vor allem im Ruhrgebiet zur Alltagskultur. Wilhelm Herbert Koch hat in seiner Glosse „Kumpel Anton“ einem von ihnen ein literarisches Denkmal gesetzt. „Taumvattas Jupp“ ist kein Tierquäler. Sein Kummer, wenn ein Tier durch Strommasten, Windräder oder Beutegreifer ums Leben kommt, ist echt. Wie im echten Leben.

Im Ablehnungsschreiben bemängelt die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco), die Bewerbung habe die gesellschaftlichen Kontroversen um Tierhaltung und -nutzung nicht thematisiert. Was die Züchter nicht nachvollziehen können: „Das Wohlergehen der Brieftauben steht für uns jederzeit im Vordergrund“, teilt der Essener Züchterverband am Dienstag mit. Das Brieftaubenwesen sei eine „gelebte Tradition, welche Natur und Zivilisation seit Jahrhunderten verbindet“. Für ihn ist deshalb klar: „Eine zukünftige Bewerbung ist nicht ausgeschlossen.“

Zum Artikel

Erstellt:
12. Dezember 2018, 03:14 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!