„Und das mache ich freiwillig?“

Fünf Tage können lang sein. Vor allem, wenn man nichts isst. Beim Heilfasten nach Otto Buchinger stehen nur Tee, Säfte und Gemüsebrühen auf dem Speiseplan. Die Fastenwoche startet mit zwei Entlastungstagen und endet mit zwei Aufbautagen. Ein Selbstversuch.

Der Heilfastenalltag: Gemüsebrühe zum Mittag- und zum Abendessen. Das Frühstück? Ein Glas Saft. Foto: Adobe Stock/Paulista

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Der Heilfastenalltag: Gemüsebrühe zum Mittag- und zum Abendessen. Das Frühstück? Ein Glas Saft. Foto: Adobe Stock/Paulista

Von Melanie Maier

BACKNANG. Glaubt man der Wissenschaft, hat das Heilfasten sehr viele Vorteile. Es soll den Stoffwechsel ankurbeln, die Selbstheilungskräfte aktivieren und das Immunsystem stärken. Außerdem soll der Essensverzicht positive Auswirkungen auf Krankheiten wie Rheuma, Multiple Sklerose oder Schuppenflechte haben.

Genug Gründe, um es einmal selbst auszuprobieren. Das traditionelle Heilfasten nach dem Arzt Otto Buchinger (1878 bis 1966) beginnt in der Regel mit ein bis zwei Entlastungstagen und endet mit mehreren Aufbautagen. In den Tagen oder Wochen dazwischen (Buchinger zufolge beträgt die optimale Dauer zwei bis vier Wochen...) stehen nur Tee, Säfte und Gemüsebrühe auf dem Speiseplan.

Für meine Heilfastenwoche weiche ich von Buchingers Empfehlung ab. Nur fünf Tage möchte ich auf Nahrung verzichten. Verzichtet habe ich übrigens auch auf die Darmreinigung mit Glaubersalz, die für den ersten Fastentag vorgesehen ist. Die wird sowieso in erster Linie deswegen gemacht, damit das Hungergefühl am Anfang nicht ganz so groß ist. Das hält sich am ersten Entlastungstag aber überraschend in Grenzen. Ich starte den Tag mit Obstsalat und Schwarztee, zum Mittag- und Abendessen „gönne“ ich mir gekochtes Gemüse. Und bin euphorisch angesichts meiner eigenen Willensstärke. Dass die noch gar nicht auf die Probe gestellt wurde, blende ich geflissentlich aus. An diesem ersten Eingewöhnungstag kann mir nichts etwas anhaben. Dass die Kollegen im Büro Essen bestellen, Essen als Werbung quasi omnipräsent ist – ich stehe drüber! Zumindest am ersten Tag meiner neuntägigen Heilfastenwoche.

Am zweiten Entlastungstag schwant mir beim Frühstück: Der morgendliche Blick in den Newsletter der New York Times (NYT) könnte schwierig werden. Auch wegen der immer gruseligeren Nachrichtenlage, ja, aber für mich jetzt insbesondere wegen der Rubrik „Now, a break from the news“ (Jetzt eine Pause von den Nachrichten). Dort wird täglich ein Rezept vorgestellt. Mit Foto.

Abends machen sich die Reste meiner Gemüsepfanne neben den Pommes auf dem Nachbarteller ziemlich traurig aus. Wer hatte noch einmal die Idee zu diesem Heilfasten? Und das mache ich freiwillig?

Am folgenden Tag geht es endlich richtig los. Schon an Tag eins stelle ich fest: Das Heilfasten spart wahnsinnig viel Zeit. Man muss kein Essen mehr zubereiten, einkaufen (spart auch noch Geld) oder nach dem Kochen putzen. Der Saft ist schnell ins Glas geleert, die Gemüsebrühe in zwei Minuten aufgekocht. Nicht einmal den typischen Koffeinentzugskopfschmerz habe ich, da ich schon seit Aschermittwoch nur noch koffeinfreien Schwarztee trinke.

Einen Nachteil stelle ich aber schon fest: Das Leberkäsweckle der Passantin, der Fritteusengeruch aus der Imbissbude – sogar die Gurke der Bürokollegin, die mindestens vier Meter weit weg sitzt –, all das nehme ich jetzt viel intensiver wahr. Die Gerüche erinnern mich an das, was ich verpasse, aber an Tag eins ist die Motivation nach wie vor hoch.

Und noch etwas fällt mir auf: dass mir durchgehend kalt ist. Obwohl die Sonne scheint, fröstele ich. Eine Zeichen der fehlenden Energiezufuhr, vermutlich.

An Tag zwei wache ich ohne Hunger auf. Der mexikanische Reispudding im NYT-Newsletter ist schnell weggescrollt. Dafür ist mir jetzt richtig kalt. Und das den ganzen Tag lang. Abends mache ich mir eine Wärmflasche – von nun an jeden Abend bis zum Fastenende.

Mein Geruchssinn scheint meine neue Superkraft zu sein. Auch mit Coronaabstand rieche ich das Parfum einer Frau, die im Stechschritt an mir vorbeigeht. Unsichtbarkeit wäre mir lieber.

Tag drei startet mit einem Schwächeanfall. Ich fühle mich zittrig und mir ist schlecht. Nach dem Frühstück – einem Glas Traubendirektsaft – geht es wieder besser. Der Kabeljaukuchen der NYT wäre sowieso nichts gewesen, was ich nachkochen würde. Trotzdem kommt mir diese Woche auf einmal furchtbar lang vor. Faste ich wirklich erst den dritten Tag? Mir kommt es vor, als hätte ich seit Wochen nichts gegessen. Wie fühlen sich Kaubewegungen an? Schaffe ich es noch, mit Messer und Gabel zu essen? Überhaupt Essen. Beim Einschlafen verfolgen mich Visionen von riesigen Eiscremeschalen und triefenden Pizzastücken.

Scharfer Kichererbsensalat steht an Tag vier im NYT-Newsletter. Vor dem Frühstück ist mir wieder schlecht. Die Treppe zur S-Bahn strengt mehr an als normalerweise, bei der Arbeit muss ich zum Glück nur am Schreibtisch sitzen. Den Telefonhörer zu heben, schaffe ich gerade noch. Beim Spaziergang an der Murr in der Mittagspause frage ich mich, warum Menschen so viel essen. Dann denke ich an Lachsnudeln und Macarons zum Nachtisch.

Tag fünf fällt auf einen Samstag. Das heißt: kein NYT-Newsletter. Dafür postet die Redaktion auf Instagram den „weltbesten Schokokuchen“. Danke. Körperlich fühle ich mich dafür so gut wie schon lange nicht mehr. Keine Schmerzen, keine Wehwehchen, nichts. Ist das das berühmte „Fasten-High“, auf das ich seit Tag eins warte?

Und dann ist es auch schon wieder fast vorbei. Am ersten Aufbautag überlege ich mir kurz: Jetzt, wo es so gut läuft, könnte ich doch eigentlich noch ein paar Tage weiterfasten? Ja, warum eigentlich n...ein, doch nicht! Gute Entscheidung: Der Obstsalat zum Frühstück ist eine Geschmacksexplosion nach fünf Tagen Saft und Suppe. Süß, intensiv, köstlich!

Der zweite Aufbautag ist etwas zäh. Am liebsten würde ich schon wieder richtig essen. Das Müsli am Tag danach ist eine Offenbarung – so wie eigentlich alles, was ich seither gegessen habe. Obwohl es mich zeitweise körperlich mitgenommen hat, werde ich auch kommendes Jahr wieder fasten. Vielleicht sogar ein paar Tage länger. Fasten-High, ich komme!

Wer kann heilfasten?

Nicht fasten sollten Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende sowie Personen, die eine Essstörung haben oder hatten. Auch bei bestimmten Krankheiten, etwa Gicht oder Gallenbeschwerden, sollte aufs Heilfasten verzichtet werden.

Gesunde Erwachsene können problemlos ein paar Tage fasten. Bei längerer Fastenzeit, Medikamenteneinnahme oder Erkrankungen sollte vorher eine Rücksprache mit dem Hausarzt gehalten werden. In der Gruppe kann das Heilfasten – vor allem beim ersten Mal – leichter fallen.

Weitere Infos zum Thema findet man auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Ernährung unter www.dge.de/ernaehrungspraxis/diaeten-fasten/heilfasten/?L=0.

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Erstellt:
1. April 2021, 11:30 Uhr

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