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Und ewig schnappt das Krokodil

Gregor Oehmann beweist im Backnanger Bandhaus, dass klassisches Kaspertheater nicht aus der Mode kommt

Der Kasper ist schlau, der Zauberer ist böse und das Krokodil ist gefräßig – die Figuren und ihre Charaktere sind immer dieselben. Trotzdem oder vielleicht genau deswegen verliert das Kaspertheater nie seinen Reiz. Im Backnanger Bandhaus pflegt Gregor Oehmann mit „Professor Pröpstls Puppentheater“ die nostalgische Tradition.

Gregor Oehmann spielt seine Stücke grundsätzlich alleine: Deshalb können immer nur zwei Figuren gleichzeitig auf der Bühne sein.Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Gregor Oehmann spielt seine Stücke grundsätzlich alleine: Deshalb können immer nur zwei Figuren gleichzeitig auf der Bühne sein.Fotos: J. Fiedler

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Der Kasper wohnt in einem uralten Koffer. „Den hat meine Tante von einem Münchner Maskenbildner-Ehepaar geerbt“, erzählt Gregor Oehmann. Einst lagerten darin Requisiten aus alten Ufa-Filmen, heute bewahrt der Puppenspieler seine Figuren darin auf. Etwa 20 Stück besitzt Oehmann, alle hat er selbst aus Pappmaschee modelliert. Für das Stück „Kasperl und die Brotzeit“, das heute gespielt wird, braucht er aber nur sechs: Kasperl und Seppel natürlich, den Hund Vinzenz, den Wachtmeister Wirsing, den Zauberer Petrus Jacobi und dessen Haustier, das Krokodil Chantal.

Eine Stunde bevor die Gäste kommen, befreit Oehmann seine „Schauspieler“ aus dem Koffer und klemmt sie zwischen Garderobenstangen, die auf der Rückseite des hölzernen Kaspertheaters befestigt sind. An Nägeln befestigt er auch DIN-A4-Blätter mit dem Text, obwohl er den eigentlich längst auswendig kennt. „Ich bin da immer ein bisschen paranoid und fühle mich besser, wenn ich im Notfall nachschauen kann.“ Wenn sich der Vorhang öffnet, ist Gregor Oehmann ganz alleine hinter der Bühne. Das liege ihm besser, als zu zweit zu spielen, sagt er. Allerdings ist es auch eine Herausforderung, weil dadurch immer nur zwei Figuren gleichzeitig auf der Bühne sein können. Einige Stücke, die er zum Teil von seinem Bruder, der ebenfalls Puppenspieler ist, übernimmt, musste er deshalb entsprechend umschreiben.

Auch die Erwachsenen kommen auf ihre Kosten

Als die Vorstellung beginnt, sind die Reihen gut gefüllt. Bevor es losgeht, erklärt Gregor Oehmann noch die Theaterregeln: „1. Leise sein. 2. Wahnsinnig laut klatschen. 3. Während der Vorstellung nicht in der Nase bohren.“ Dann beginnt das Abenteuer um den Hund Vinzenz, der verdächtigt wird, die „Amtsbrotzeit“ des Herrn Wachtmeister Wirsing gestohlen zu haben. Die Kinder dürfen dem Kasper bei der Hundeerziehung assistieren, indem sie laut „bei Fuß“ oder besser noch „Wurst“ rufen, um den trottelige Vinzenz aus seinem Versteck zu locken.

Auch für die Eltern und Großeltern hat Oehmann einige Gags eingebaut, etwa, wenn sich Seppel zum „Internationalen Deppentreffen“ verabschiedet, das auch als Oktoberfest bekannt ist, oder wenn sich das Krokodil im Wald auf die Suche nach einem Jägerschnitzel macht.

Gregor Oehmann spielt Kaspertheater, seit er Teenager ist. „Damals bin ich auf Kinderfesten aufgetreten und habe mir damit mein Taschengeld verdient.“ Nach ein paar Jahren Pause, in denen er sich ganz auf sein zweites Standbein, die Bildhauerei, konzentrierte, fing er 1996 wieder an mit dem Puppenspiel. Seit 2001 hat der gebürtige Bayer eine feste Spielstätte, zunächst in Großaspach, seit 2013 im Backnanger Bandhaus.

„Bis heute macht mir jede einzelne Vorstellung Spaß“, sagt Oehmann. Denn auch wenn er die meisten Stücke schon viele Male gespielt hat, sind seine Aufführungen weit entfernt von Routine. Jedes Mal bezieht er sein Publikum mit ein, sodass keine Vorführung wie die andere ist. Auch die Figuren verändern sich mit der Zeit. Oehmann mag die unterschiedlichen Charaktere, wie den überkorrekten Wachtmeister Wirsing oder den nöligen Prinz Jochen, denen er auch jeweils eine ganz eigene Stimme leiht. Und er ist immer wieder fasziniert davon, wie seine Puppen selbst für erwachsene Zuschauer zu lebendigen Wesen werden: „Ich glaube, Kaspertheater funktioniert deshalb so gut, weil es so simpel ist“, sagt Oehmann. „Den Kasper muss man nicht erklären, der ist halt der Kasper.“

Dieses einfache Rezept geht auch an diesem Sonntagnachmittag auf. Nach einer Dreiviertelstunde sitzt das Krokodil im Gefängnis, der böse Zauberer muss zur Strafe Butterbrote schmieren und das Publikum geht zufrieden nach Hause. „Das ist kein Kaspertheater von der Stange, sondern etwas Außergewöhnliches“, findet Heidi Link aus Spiegelberg, die mit ihrem Mann Michael und der zehnjährigen Tochter Viola zu den Stammgästen zählt. Julian Wölfle ist mit seiner Frau Vera und den beiden Töchtern sogar extra aus Stuttgart nach Backnang gekommen: „Das ist das beste Kaspertheater, das wir kennen“, sagt er. Und in einer Zeit, in der jede Menge digitale Unterhaltung auf die Kinder einprasselt, sei so ein ganz analoger Nachmittag für alle ein schönes Erlebnis.

www.kasperl-theater.net

Bei Professor Pröpstls Puppentheater sind die Gäste nicht nur Zuschauer, sondern müssen auch mithelfen, etwa wenn der Kasper den trotteligen Hund Vinzenz erziehen will.

© Jörg Fiedler

Bei Professor Pröpstls Puppentheater sind die Gäste nicht nur Zuschauer, sondern müssen auch mithelfen, etwa wenn der Kasper den trotteligen Hund Vinzenz erziehen will.

Info

Beim Kaspertheater gibt es einen Polizisten, einen Zauberer und einen Räuber, aber keinen Professor. Wer also ist dieser Professor Pröpstl, nach dem das Theater benannt ist? „Den Namen habe ich mir ausgedacht“, verrät Gregor Oehmann. Sein Bruder betreibt in München „Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater“. Um das zu toppen, musste schon ein Professor her, und der bekam den typisch oberbayrischen Namen Pröpstl.

Jahre später stellte Oehmann bei einer Internetrecherche fest, dass es tatsächlich einen Professor Pröpstl gibt, der sogar Ehrenvorsitzender der bayerisch-belgischen Gesellschaft war. Auch ein Foto von dem Mann fand Oehmann im Netz: „Er sah so aus, als ob ich ihn erfunden hätte.“ Zu einer Begegnung mit dem echten Professor Pröpstl kam es aber leider nicht mehr: Der Mann ist 2012 gestorben.

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Erstellt:
2. März 2020, 06:00 Uhr

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