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Unerschrockene Helden auf der Murr

Spaßbootregatta des Backnanger Jugendzentrums bietet zum 34. Mal ein großes Spektakel für Teilnehmer und Zuschauer

Eine riesige Bananenkiste, drei coole Jungs auf einem schwimmenden Sofa, Wikinger mit Rauch speiendem Drachen als Galionsfigur, Müllsammler, Sommerfrischler, schwimmende Gärtner, ein Überraschungs-Ei, Piraten: Allerhand schipperte da die Murr abwärts. Der Fluss war am Samstag wieder Schauplatz der weltgrößten Spaßbootregatta.

Tapfer über die Stromschnellen der Murr: Die mutigen Teams konnten auf die Unterstützung erfahrener DLRG-Helfer zählen. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Tapfer über die Stromschnellen der Murr: Die mutigen Teams konnten auf die Unterstützung erfahrener DLRG-Helfer zählen. Fotos: J. Fiedler

Von Renate Schweizer

BACKNANG. An den Murrtreppen, 14.45 Uhr: Es sieht aus wie das übliche Sommeridyll zwischen Bleichwiese und Sulzbacher Brücke: Gemächlich fließt die Murr, eine Entenmutter versucht, ihre Kükenschar zusammenzuhalten – die Kleinen kommen jetzt eindeutig ins rebellische Alter – Menschenmütter breiten Picknickdecken auf den breiten Stufen der Murrtreppe aus, einige zücken Sonnenschirme, Kinder kreischen vergnügt im seichten Wasser der unteren Stufen (Bernhard Engelmann hat sie morgens geputzt, er lebe hoch!), Hunde jagen Bällen nach, Flaneure flanieren, irgendjemand hat einen Pavillon auf der Sulzbacher Brücke aufgebaut, und im Kaffee nebenan gehen Eiskaffees und Fruchtshakes über den Tresen. Alles wie immer? Weit gefehlt! Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Es ist Juze-Murr-Regatta.

An den Murrtreppen, 15.02 Uhr: Das erste Wasserfahrzeug wird gesichtet. Begrüßt vom Johlen der Menschenmenge und dem Geheul der Juze-Sirene (ah, der Pavillon auf der Brücke), nähert es sich ein wenig zögerlich dem Wehr. Niedrigwasser auf der Murr: Nur wenige Zentimeter Wasser überspülen das steinerne Hindernis. Wird das gut gehen? Dem etwas tieferen Wasser hinter dem Wehr entsteigen zwei DLRG-Recken (genau genommen eine Reckin und ein Recke) in Neoprenanzügen, stellen sich auf das Wehr und geben dem Gefährt den entscheidenden Schubs. Die nautische Crew bleibt sitzen, angespannt, das Volk am Ufer hält den Atem an und: Jaaa! Holterdiepolter rumpelt das „Boot“ über die Steine hinunter. Triumphgeschrei aus allen Richtungen. Kinder spritzen die heldenhaften Flussfahrer nass. Die winken vergnügt und entschwinden unter der Sulzbacher Brücke – auf der Höhe des Willy-Brandt-Platzes erwartet sie das nächste Wehr, noch steiler und tiefer als das eben überwundene.

An den Murrtreppen, 15.48 Uhr: Es geht jetzt Schlag auf Schlag am Wehr. Ein selbst gebautes Boot nach dem anderen passiert das Hindernis: Eine riesige Bananenkiste, navigiert von johlenden Premium-Bananen aus Maubach. Drei saucoole Jungs auf einem schwimmenden Sofa, total relaxt – allerdings sind Männer und Polster dann wesentlich schneller unten als der Rest ihres Gefährts, das tut aber ihrer Würde keinen Abbruch. Schmetterlinge, Ironmänner, Supergirls, Wikinger mit Rauch speiendem Drachen als Galionsfigur, Müllsammler, Sommerfrischler, schwimmende Gärtner, ein Überraschungs-Ei, Piraten natürlich, eine Handvoll Zimmerleute in Handwerkerkluft mit einem riesigen (also, für Murr-Verhältnisse riesigen) Katamaran – das Ding kann die halbe Zeit nicht wirklich geschwommen sein – Mädels-Teams, Jungs-Teams, auch jede Menge Vater-Sohn oder -Tochter Kombinationen. Besonders cool die drei jüngsten Teilnehmer der gefährlichen Murrwehr Überquerung: Beide Väter gingen unfreiwillig, aber aufopferungsvoll über Bord, während die Kids (vier, fünf, sieben) völlig gechillt in ihren auf dem Holzfloß fest verschraubten Campingstühlchen saßen.

Murr-Regatta 2019

Die 34. Murr-Regatta des Backnanger Jugendzentrums am Samstagnachmittag war wieder ein großes Spektakel. Fotos: J. Fiedler

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Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

© Jörg Fiedler

Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

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Am Bleichwiesenwehr
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Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
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© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
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© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)

© Jörg Fiedler

Am Aldi-Wehr (Adolff-Wehr)
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© Jörg Fiedler

Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

© Jörg Fiedler

Am Bleichwiesenwehr
Am Bleichwiesenwehr

© Jörg Fiedler

Überhaupt spielten sich dramatische Szenen ab: Boote lösten sich bei der Fahrt über das Wehr in Einzelteile auf. Eine Familie, die auf aneinandergebundenen Gummireifen unterwegs war, blieb in der Fischtreppe hängen, ein Reifen platzte und alles purzelte durcheinander. Der aus der Murr gefischte, angerostete Einkaufswagen der Müllsammler ging über Bord und konnte nur mit erheblicher Mühe wieder eingefangen werden. Wasserschlachten zwischen Publikum und Bootscrews wurden erbittert ausgetragen, endeten aber in aller Regel versöhnlich. Mehrere Besatzungen mussten von Juze-Mitgliedern mittels von der Brücke zugeworfenen (Plastik-)Bierflaschen vor einem jammervollen Tod durch Verdursten bewahrt werden. Neugierige Erpel wurden vom DLRG energisch des Platzes verwiesen. Und schließlich fing sogar eines der Boote an zu brennen: Die Avengers, das Funken speiende Gefährt zweier Ironmänner, fing Feuer, der Brand konnte aber recht schnell mit Murrwasser gelöscht werden. Das größte Spaßbootrennen der Welt (steht so im Guinness-Buch der Rekorde) bot zur Freude der Zuschauer und unerschrockenen Teilnehmer menschliche Dramen, aufregende Rettungsaktionen, Kämpfe, Versöhnungen, Verschnaufpausen, Lebensgefahr und wundersame Bewahrung, Emotion pur und nackte (öhm, ja, das kam vor…) Lebensfreude am laufenden Murrmeter.

Murrwiesen bei Zell, 13 Uhr: In langer Reihe auf der Riesenwiese stehen sie bereit: die selbst gebauten Boote, die ihre Hochseetauglichkeit auf dem wilden Wasser der Murr erst noch erweisen sollen. Alles, aber auch alles, was irgendwie schwimmfähig schien, war da verbaut worden: aufgeschnittene Öltanks, Regentonnen, Kanister, Drainageröhren, Surfbretter, Europaletten, holzverkleidete Luftmatratzen, Mörtelwannen (begrenzt tauglich, wie sich bald herausstellte), Schwimmnudeln, aber auch für Spaßbootlaien eher abwegige Dinge wie Kühlergrills, Sofas und sogar ein funktionsfähiges Trampolin. Benjamin Wich hatte sich die Kapitänsmütze aufgesetzt (über den Rest seiner Garderobe sei hier taktvoll hinweggegangen) und regierte das Treiben mithilfe eines Mikrofons und eines Organs, das man auf Schwäbisch „Schwertgosch“ nennt. Ein hochdeutsches Wort für die ätzenden Kommentare, die er den Booten nebst ihren Besatzungen mitgab, die sich da todesmutig fast senkrecht in die Tiefe stürzten, ist der Reporterin nicht bekannt. „Oh, oh, oh, da hat jemand seinen Peniskomplex verarbeitet. Groß, größer, am größten.“ – „Endlich mal ein politisches Boot: Rettet die Badeente – eine gefährdete Art, ihr habt meinen Segen.“ Zwischendurch väterliche Tipps zum Sonnenschutz oder zum Trinken: „Wasser natürlich. Wasser sollt ihr trinken, Kinder, kein Bier!“. Kein Zweifel, dieser Mann liebt das Juze, die Murr, Boote, Menschen und ganz besonders die Regatta, die sie alle verbindet.

Tesatparkplatz beim Juze, ab 17 Uhr: Bevor die erschöpften Helden der Regatta sich im Festgetümmel vor dem Juze bei Speis und Trank von den Strapazen der wilden Fahrt erholen können, gilt es, das Gefährt die Böschung hinauf zu zerren, mindestens ebenso weit und ebenso steil, wie sie es ein paar Stunden vorher in Zell zu Wasser gelassen haben. Eine echte Herausforderung. Wer früher ankommt, hilft tatkräftig mit – die einen mehr, die anderen weniger freiwillig – und das ist auch nötig, denn die Boote sind schwerer geworden: Vollgelaufen (die Öltanks), vollgesogen (das Sofa). Und die Böschung eine schlammige Rutschpartie. Einmal reißt das Seil, an dem alle zerren. Doch die Belohnung am Ende aller Mühen ist groß, wie immer, wenn eine Schlacht siegreich geschlagen ist: Klamotten werden ausgewrungen, Blessuren verpflastert, Schmerzen weggelacht, Grillwurst gefuttert, Bewunderung genossen, Heldengeschichten erzählt, Bier fließt in Strömen, Adrenalin rauscht durch die Adern, Preise werden verteilt. Es gibt drei Kategorien: den für das schnellste Boot (Startnummer 21 – Vater und Sohn), den für das originellste Boot (Avengers mit zwei Ironmen) und den Umweltpreis für die Besatzung, die unterwegs den meisten Müll gesammelt hat (Startnummer 11 mit Beiboot – fünf junge Leute).

Am Ende kommen alle irgendwie an. Keine wesentlichen Verluste zu verzeichnen. Massenhaft Müll aus der Murr geholt. Die größte Spaßbootregatta der Welt wieder einmal erfolgreich gemeistert. Die Veranstalter können zufrieden sein und sie sind es auch. Benjamin Wich und seine getreuen Helfer streben dem Getränkestand zu. Die Juze-Mannschaft vom Pavillon auf der Sulzbacher Brücke stößt dazu. DLRG und THW haben Feierabend und dürfen mitfeiern. Das Leben ist kurz. Die Nacht ist jung. Der Sommer ist jetzt.

Johlende Premium-Bananen in einer überdimensionalen Kiste am Bleichwiesenwehr.

© Jörg Fiedler

Johlende Premium-Bananen in einer überdimensionalen Kiste am Bleichwiesenwehr.

Freibeuter unterwegs: Die Totenkopf-Fahne ist immer wieder ein beliebtes Regatta-Motiv.

© Jörg Fiedler

Freibeuter unterwegs: Die Totenkopf-Fahne ist immer wieder ein beliebtes Regatta-Motiv.

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Erstellt:
8. Juli 2019, 06:00 Uhr

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