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Ungewisse Zukunft für georgische Familie

Tamar Lagurashvili hat anlässlich ihres Abschlusses als Bäckergesellin eine Auszeichnung erhalten – Aufenthalt in der Schwebe

Es ist eine seltsam gespaltene Situation: Tamar Lagurashvili hat dieser Tage anlässlich ihres Abschlusses als Bäckergesellin eine Auszeichnung für besondere Leistungen erhalten. Ihr Chef, Bäckermeister Rolf Ganter, freut sich nicht nur über den Preis, für ihn ist die dreifache georgische Mutter auch eine wichtige Fachkraft. Aber es ist offen, wie lange noch. Der Asylantrag der Familie ist abgelehnt, und sie muss Angst haben, nicht im Land bleiben zu dürfen.

Rolf Ganter (von rechts) mit Tamar Lagurashvili und Tengo Gamkhitashuili vor dem Waiblinger Bürgerzentrum. Dort erhielt die Familienmutter für ihre Leistungen als frischgebackene Bäckergesellin bei der Lossprechung der Kreishandwerkerschaft eine Auszeichnung. B. Büttner

© Benjamin Büttner

Rolf Ganter (von rechts) mit Tamar Lagurashvili und Tengo Gamkhitashuili vor dem Waiblinger Bürgerzentrum. Dort erhielt die Familienmutter für ihre Leistungen als frischgebackene Bäckergesellin bei der Lossprechung der Kreishandwerkerschaft eine Auszeichnung. B. Büttner

Von Christine Schick

MURRHARDT. Andrea Stingel, die Tamar Lagurashvili und ihre Familie seit ihrer Ankunft Ende 2015 in der Fornsbacher Flüchtlingsunterkunft kennt und auf ihrem weiteren Weg begleitet hat, macht sich große Sorgen, seit die Beschäftigungserlaubnis – ursprünglich gültig bis Februar 2020 – scheinbar von den Behörden infrage gestellt ist, berichtet sie. Fest steht, dass der Asylantrag der georgisch-ossetischen Familie abgelehnt wurde. Zwar sei die Ausreisepflicht zunächst ausgesetzt, aber ob ein Aufenthalt für die Beschäftigung möglich ist, wird zurzeit vom Regierungspräsidium Karlsruhe geprüft. Vor rund vier Jahren hatte sich die Familie entschlossen, aus Georgien zu fliehen. Der Alltag war von zu viel Angst geprägt.

Rolf Ganter setzt auf seine Gesellin, ohne sie weiß er nicht, wie es im Betrieb weitergehen soll

Die Probleme verschärften sich mit dem militärischen Konflikt zwischen Georgien und Russland 2009 weiter, da Tamar Lagurashvilis Mann Tengo Gamkhitashuili als Angehöriger der ossetischen Minderheit in Georgien zwischen die Fronten geriet, erzählen die beiden Eheleute. „Mein Vater und Bruder sind schon Jahre zuvor bei dem Konflikt ums Leben gekommen“, sagt Tengo Gamkhitashuili. Er und auch seine Frau wurden später bei Angriffen in dem georgischen Dorf, in dem sie lebten, schwer verletzt. Sie berichten, dass Tengo Gamkhitashuili von einer Gruppe zusammengeschlagen, Tamar Lagurashvili bei einer erneuten Attacke – sie kam ihrem Mann zu Hilfe – mit dem Messer verletzt worden sei. „Ich bin knapp mit dem Leben davongekommen“, sagt sie. Mit der Ungewissheit, ob sie das Land verlassen müssen, „kommen all die Erlebnisse und die Ängste wieder hoch“.

Seit ihrer Ankunft hat sich die Familie intensiv für eine Integration in ihr neues Leben in Murrhardt engagiert – mit Erfolg. Man könnte sagen, sie hat dabei ein beachtliches, vorbildliches Tempo vorgelegt. Ein zentraler Baustein: Tamar Lagurashvili begann vor rund 2,5 Jahren ihre Ausbildung als Bäckerin in Murrhardt. Der Bäckermeister und Konditor Rolf Ganter war damals ebenso engagiert, die Mutter zu unterstützen. Das hat sich ausgezahlt, mittlerweile ist sie zu einer wichtigen Stütze des Betriebs geworden. „Sie arbeitet völlig selbstständig, ist zuverlässig und fleißig“, sagt er. „Ihre praktische Prüfung hat sie mit der Note 1,7 abgeschlossen, ihr Gesamtschnitt liegt bei 2,4.“ Schon zu Beginn ihrer Ausbildung war klar, dass Rolf Ganter darauf setzte, dass die Familienmutter später weiter bei ihm arbeitet. „Jetzt sitzen wir wieder auf Kohlen.“

Ganter versucht, von verschiedenen Seiten Unterstützung zu bekommen, hat sich mit der Landeshandwerkskammer in Verbindung gesetzt und auch Staatssekretär Wilfried Klenk angesprochen. Mittlerweile ist die Situation in seinem Betrieb wirklich schwierig: Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wird es für ihn immer schwerer, Auszubildende und Mitarbeiter zu gewinnen. Aktuell kommt hinzu, dass einer seiner Bäcker wegen Krankheit langfristig ausgefallen und zu befürchten ist, dass er nicht zurückkehren kann. „Das heißt, ich habe einen Einbruch von 25 Prozent, wenn Tamar Lagurashvili gehen muss, sind es 50 Prozent, und ich könnte den Betrieb nicht mehr aufrechterhalten“, sagt er. Somit ist die Lage für ihn und seine Bäckerei mit über 20 Mitarbeitern ebenso kritisch. Ganter arbeitet sieben Tage die Woche, um am Sonntag auch die Büroarbeiten erledigen zu können. Urlaub ist schon länger nicht mehr möglich. Nicht ganz verstehen könne er, dass, obwohl man mittlerweile auch händeringend im Ausland nach Fachkräften suche, es dem Handwerk in solch einer Situation schwer gemacht werde, jemand, der schon da ist, zu halten. Ähnliches gilt auch für Tengo Gamkhitashuili, der seit einem Vierteljahr im Seniorenhaus Hohenstein als Pflegeassistent arbeitet – einem Bereich, in dem immer wieder Thema ist, wie mehr personelle Unterstützung zu gewährleisten sein könnte. Trotz des drohenden Damoklesschwerts hat Rolf Ganter sich vorgenommen, nun erst mal ruhig zu bleiben. „Natürlich ist die Stimmung gedrückt.“

Das Leben soll in ruhigen Bahnen verlaufen

Gerhard Erchinger, der als Arzt im Ruhestand in den Ankunftsjahren Flüchtlinge medizinisch begleitet hat, kennt die Familie ebenfalls sehr gut und vervollständigt das Bild. „Ich bin bei der Lossprechung in Waiblingen auch kurz ans Mikro, um etwas zu Tamar und ihrer Situation zu sagen. Mein Appell war, dass sich unsere Politik etwas mehr bewegen sollte, um solche fähigen und engagierten Leute hierzubehalten“, sagt er. Beide Eheleute arbeiteten in Berufen, die absolut gebraucht würden: Tamar Lagurashvili als ausgezeichnete Bäckergesellin, ihr Mann als Pflegeassistent. „Auch er ist engagiert, da wäre vielleicht eine Ausbildung in der Pflege möglich.“ Die beiden haben ihren Arbeitsalltag so eingerichtet, dass sie die drei Kinder Andrea (3), Nina (5) und David (11) überlappend betreuen können, erzählt er. Vor anderthalb Jahren konnten sie über seine Vermittlung eine Wohnung in Murrhardt beziehen. Das Verhältnis zu dem älteren Eigentümer sei so gut, dass sie ihn im Garten und in Haushaltsdingen unterstützten. Ihr Sohn David geht mittlerweile aufs Gymnasium. „Wenn ihm das Lernen schwerfällt, sage ich ihm, wir haben nicht umsonst einen Kopf“, erzählt Tamar Lagurashvili. Natürlich weiß sie um die Herausforderung, hat sie doch ihre Ausbildung angefangen, als ihr drittes Kind zwei Monate alt war und sie Deutsch lernen musste. „Sie bekommen keinerlei Unterstützung vom Staat, auch kein Kindergeld“, ergänzt Gerhard Erchinger. Ihm will es einfach nicht einleuchten, dass die Familie nicht bleiben können soll. „Wir brauchen die Fachkräfte doch, sind auf sie angewiesen. Dass nur vier bei der Gesellenprüfung im Bäckerhandwerk im ganzen Rems-Murr-Kreis abgeschlossen haben, spricht doch für sich.“ Jetzt geht es für ihn und die anderen Unterstützer darum, dass Tamar Lagurashvili eine Aufenthaltserlaubnis bekommt, da sie in einem festen Arbeitsverhältnis steht. Dazu braucht es eine Absprache mit der Arbeitsagentur, die endgültige Entscheidung liegt aber beim Regierungspräsidium Karlsruhe. Die Familienmutter hofft so sehr, dass dieser große Wunsch wahr wird. Es geht ihr vor allem um ihre drei Kinder, die ohne Angst aufwachsen sollen. Finanziell stünden sie mittlerweile auf eigenen Beinen, könnten ihr Leben meistern, das einfach nur in ruhigen Bahnen verlaufen soll, sagt sie.

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Erstellt:
8. Oktober 2019, 16:00 Uhr

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