„Unser Leid muss anerkannt werden“

Die Backnangerin Mirsada Simchen-Kahrimanovic hat als Mädchen den Bosnienkrieg erlebt. Nun schreibt sie ein Buch über ihre Erlebnisse im KZ Trnopolje und über die schwierige Integration in Deutschland. Ihr Ziel: Geschichtslücken schließen und junge Menschen ermutigen.

Mirsada Simchen-Kahrimanovic hat in ihren Tagebüchern die Erlebnisse aus dem Krieg in Bosnien und der Integration in Deutschland aufgeschrieben. Nun macht sie daraus ein Buch – und will so Jugendliche über die schrecklichen Folgen des Kriegs aufklären. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Mirsada Simchen-Kahrimanovic hat in ihren Tagebüchern die Erlebnisse aus dem Krieg in Bosnien und der Integration in Deutschland aufgeschrieben. Nun macht sie daraus ein Buch – und will so Jugendliche über die schrecklichen Folgen des Kriegs aufklären. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

Backnang. Mirsada Simchen-Kahrimanovic war 13 Jahre alt, als in ihrem Heimatort Kozaruša plötzlich Panzer der Jugoslawischen Volksarmee in den Straßen standen. Von jetzt auf gleich endete die unbeschwerte Kindheit des bosnischen Mädchens. Statt wie jeden Morgen auf den Kirschbaum im Garten zu klettern, musste sie am Morgen des 21. Mai 1992 im Keller eines Nachbarhauses Schutz vor Granaten und Maschinengewehren suchen. Gleich zu Beginn des Kriegs wird ihr Vater erschossen, die Flucht mit ihrer Schwester und der Mutter in die Berge endete schnell – sie liefen serbischen Soldaten in die Arme und es folgte die Inhaftierung in das Konzentrationslager Trnopolje. Was sie dort sah, verfolgt sie bis heute: Psychische und physische Folter, Vergewaltigung und Mord sind in dem Lager an der Tagesordnung. „Auch nach so vielen Jahren kann ich gar nicht in Worte fassen, wie ich mich im Krieg gefühlt habe“, erzählt die heute 42-jährige Bosniakin, die in Kaisersbach aufgewachsen ist und nun seit 15 Jahren in Backnang wohnt. Nun will sie aber doch versuchen, die richtigen Worte zu finden – und diese in Form eines Buches mit dem Titel „Das Mädchen aus dem Lager Trnopolje“auch veröffentlichen.

In Tagebüchern hat sie ab 1995 ihre Erfahrungen und Emotionen festgehalten, diese Tagebücher dienen nun als Grundlage für ihr Manuskript. Dabei geht es ihr mit dem Buch gar nicht darum zu beschreiben, was ihr persönlich widerfahren ist. „Keiner weiß, dass es das letzte KZ in Europa nicht im Zweiten Weltkrieg gab, sondern 1992 in Jugoslawien. Mein größtes Ziel ist, dass diese Bildungslücke geschlossen wird. Dass unser Leid endlich in Europa anerkannt wird und man darüber unterrichtet“, sagt sie. Die Geschichtsbücher in den Schulen machen 1990 einen Schnitt, der Bosnienkrieg finde kaum Platz in den Bildungsplänen. Das möchte Simchen-Kahrimanovic ändern und hat auch schon Unterstützung von Backnanger Schulleitern bekommen. So schreibt Udo Weisshaar, Schulleiter des Tausgymnasiums, in einem Brief an das Kultusministerium: „Das ist eine Lektüre, die im Geschichts-, Politik-, Ethik- wie Religionsunterricht einen wertvollen Platz einnehmen könnte.“

Junge Menschen für die Folgen des Kriegs sensibilisieren

Denn es geht in dem Buch um mehr als die Erfahrung im KZ. Drei Monate nach Kriegsausbruch gelang Simchen-Kahrimanovic mit viel Glück die Flucht nach Deutschland. „Diese drei Monate fühlten sich für mich an wie 30 Jahre“, erinnert sie sich. Aber auch die ersten Jahre in Deutschland waren schwer für das junge Mädchen. Ohne Deutschkenntnisse, schwer traumatisiert und in Deutschland nur geduldet, fühlte sie sich allein gelassen. „Auch heute fehlt es in Deutschland immer noch an guter Integration, andere Religionen und Flüchtlinge erfahren täglich Anfeindungen und Diskriminierung“, sagt sie. Lange habe sie sich für das Erlebte geschämt. Nun könne sie aber auf ihre Tagebucheinträge zurückblicken und deren Wert erkennen. „Aus der Perspektive eines 13-jährigen Mädchens zu erzählen, wie es ist, als Fremde und Kriegsflüchtling in einem neuen Land anzukommen – ich bin mir sicher, ich kann damit Augen öffnen.“ Mit ihrer Geschichte möchte sie junge Menschen emotional fesseln und sie für die Folgen von Krieg sensibilisieren. „Das Mitfühlen der beschriebenen Grausamkeiten soll als Ermutigung dienen, gegenüber Ungerechtigkeiten im eigenen Umfeld nicht zu schweigen“, sagt sie. Und zwar auch in heutigen Alltagssituationen. Es lohne sich, für Frieden, Gleichheit, Liebe und Toleranz einzutreten. „Trotz der täglichen Grausamkeiten im KZ glaubte ich stets an das Gute in den Menschen“, sagt sie. Aktuell sucht sie nach einem passenden Verlag. Einige haben laut Simchen-Kahrimanovic auch schon Interesse gezeigt. Sie allerdings sucht nach einem Verlag, dem es nicht ausschließlich um das Kommerzielle geht, da das auch nicht ihr Ansporn ist. „Ich suche einem Verlag, der wirklich an der Auseinandersetzung mit dem Thema interessiert ist. Der mich dabei unterstützt, das in die Schulen zu bringen, auch in Form von Vorträgen.“ Den Entschluss, die Tagebucheinträge als Buch zu veröffentlichen, fasste sie im Oktober 2020. Immer wieder habe sie sehr interessierte Rückmeldungen zu ihrer Geschichte bekommen, sowohl ihr Umgang mit dem Trauma als auch der persönliche Blick auf die oft unbekannten historischen Ereignisse faszinierten Bekannte.

Nur noch Ruinen stehen von dem Haus, in dessen Keller Mirsada Simchen-Kahrimanovic ganz zu Beginn des Kriegs Schutz gesucht hat. Foto: privat

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Nur noch Ruinen stehen von dem Haus, in dessen Keller Mirsada Simchen-Kahrimanovic ganz zu Beginn des Kriegs Schutz gesucht hat. Foto: privat

Ein Ansporn, das Buch jetzt zu schreiben, ist auch die aktuelle politische Lage in Bosnien-Herzegowina. Zum einen beunruhigt Simchen-Kahrimanovic der Ton des serbischen Spitzenpolitikers Milorad Dodik. Immer wieder spiele dieser die verschiedenen Ethnien im Land gegeneinander aus, drohe mit Abspaltung des serbischen Landesteils und lässt Soldaten aufmarschieren. Auch habe sie selbst bei Besuchen mitbekommen, dass er Kampfflugzeuge sehr tief fliegen lässt. „Das weckt die schlimmen Erinnerungen an den letzten Krieg.“

Die Angst der Bosnier vor einem neuen Krieg ist groß

Die Bevölkerung, die den Krieg noch nicht verarbeitet hat, lebt nun in Angst und Schrecken vor einem erneuten gewaltsamen Konflikt. „Ich verlange von Baerbock und Scholz, dass sie jetzt aufstehen und Dodik sanktionieren“, sagt Simchen-Kahrimanovic. Die US-Regierung hat Dodik wegen angeblicher Korruption und dessen Bemühungen zur Destabilisierung kürzlich mit Sanktionen belegt, Europa müsse hier jetzt unbedingt mitziehen. „Ich habe die Angst, dass weitere Genozide passieren und wieder Konzentrationslager errichtet werden“, sagt sie. „Wir wissen in Europa gar nicht, was da gerade los ist.“ Dabei sei Bosnien eigentlich so nah. Gerade einmal 600 Kilometer liegen zwischen Deutschland und Bosnien.

Sie will der sich immer weiter aufheizenden Stimmung nicht tatenlos zusehen: Zum einen, indem sie ihre Forderungen direkt an Politiker richtet, zum anderen aber auch mit ihrem Buch. Mit der Beschreibung ihrer eigenen Erfahrungen will sie Jugendliche dafür sensibilisieren, was Krieg eigentlich bedeutet und welche schrecklichen Folgen er hat. „Wir müssen die Jugend aufklären und wir müssen lernen, respektvoll, liebevoll und solidarisch mit anderen Religionen und Ethnien umzugehen.“

Heute ist Mirsada Simchen-Kahrimanovic eine erfolgreiche Geschäftsfrau, mit den persönlichen Beschreibungen ihrer Gefühlswelt als Kriegsflüchtling möchte sie den Jugendlichen heute auch Mut machen. „Traumata können ja ganz unterschiedlich sein. Ich möchte den jungen Menschen zeigen, dass sie anders sein dürfen und es trotzdem schaffen werden.“Auch auf Social Media möchte sie sich nun für Menschenrechte einsetzen, unter anderem auf dem Instagram-Account „mirsada_autorin“.

Der Bosnienkrieg

Konflikt Der Krieg in Bosnien von 1992 bis 1995 war der grausamste Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund 100000 Menschen starben, mehr als 700000 Menschen flüchteten. Es kam zu „ethnischen Säuberungen“, Folter und Vergewaltigungen. In der Stadt Srebrenica gab es einen Völkermord, serbische Verbände ermordeten dort bis zu 8000 muslimische Jungen und Männer.

Auslöser In Bosnien lebten diverse Ethnien und Religionen: orthodoxe Serben, katholische Kroaten und muslimische Bosniaken. Auslöser des Kriegs war die Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas von Jugoslawien. Bei einer Volksabstimmung am 1. März 1992 hatten sich 99 Prozent dafür entschieden. Die bosnischen Serben boykottierten die Abstimmung allerdings. Daraufhin schlossen serbische Verbände am 5. April die Hauptstadt Sarajevo ein und belagerten diese jahrelang, im ganzen Land brechen Kämpfe aus.

Kriegsende Erst am 14. Dezember 1995 endete der Krieg mit dem Vertrag von Dayton. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen setzte einen hohen Repräsentanten – seit 2021 der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt – sowie eine anfangs 60000 Soldaten starke internationale Militär- und Stabilisierungsmission ein, um die Implementierung der zivilen Aspekte des Abkommens zu überwachen. Viele Konflikte der verschiedenen Gruppen sind bis heute ungeklärt.

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Erstellt:
12. Januar 2022, 11:30 Uhr

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