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Verkehrsrowdys und genervte Anwohner

Über die Geschichten rund um die Baustelle der Brücke in Bartenbach könnte man wohl schon bald ein Buch schreiben. Weil die Verkehrsverstöße weiterhin zahlreich sind, zeigt die Polizei nun deutlich mehr Präsenz.

Lieferdienste fahren in Bartenbach durch die enge Durchfahrt und drehen auf dem Grundstück um– trotz roter Ampel. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Lieferdienste fahren in Bartenbach durch die enge Durchfahrt und drehen auf dem Grundstück um– trotz roter Ampel. Foto: J. Fiedler

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Samstagnachmittag. Der BKZ-Fotograf lichtet ein Auto auf der gesperrten Busspur ab. Die Fahrzeuginsassen steigen aus, gehen den Pressevertreter an und wollen die Kamera zerstören. Während dieser gelassen bleibt, mischen sich die längst genervten Anwohner vom Balkon aus ein. Der Wortwechsel eskaliert „mit Worten weit unter der Gürtellinie“, bis der Fahrer entnervt in einer Staubwolke über die rote Baustellenampel davonfährt. Pech für den Verkehrssünder, denn gerade jetzt biegt der gerufene Streifenwagen um die Ecke, sieht das Überfahren des Rotlichts und nimmt die Verfolgung auf.

Samstagabend, 21 Uhr. Es wird schon dunkel, als Martin Mach aus seinem Haus tritt, um das Auto zu fotografieren, der zum wiederholten Male rasant auf der gesperrten schmalen Straße und über die rote Baustellenampel fuhr. Der Fahrer hielt an, stieg aus und rief: Haben Sie mir etwas zu sagen? „Dann stieß er mich mit Wucht um und ich stürzte rücklings und mit dem Hinterkopf auf den Asphalt.“ Den 61-Jährigen, der am Hinterkopf und beiden Ellenbogen blutete, ließen sie liegen. Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung.

Sonntagnachmittag. Zwischen 14 und 15 Uhr zählt der Bewohner des letzten Hauses am ehemaligen Feldweg, der jetzt die innerörtliche Umleitung ist, 108 Fahrzeuge. Alles Einheimische? Landwirt Frieder Weller hat in seiner überdachten Durchfahrt Getreide zum Trocknen ausgebreitet. Ein Motorradfahrer fährt mitten durch, um auf kürzestem Weg die Baustelle zu umfahren. Beinahe fährt er dabei noch die beiden Kinder über den Haufen. Überhaupt Familie Weller: Einerseits fahren jetzt wildfremde Menschen sowie Paketdienste durch ihren Milchviehbetrieb, andererseits bleiben die gewohnten Eierkunden weg. „Ich hab‘ 60 Prozent weniger Absatz seit der Vollsperrung“, klagt Sandra Weller. Ihre aktuell rund 1000 Hühner legen pro Tag um die 850 Eier, die sonst ab Hof vermarktet werden, und „die sind ja nicht unendlich haltbar!“ In ihrer Not hat sie jetzt welche an die Gastronomie verramscht, für 3,5 Cent das Stück, statt sonst 23 bis 30 Cent.

Montagmorgen, 6.15 Uhr. Ein Mitarbeiter der Firma HES in Sulzbach fährt auf dem Weg zur Arbeit mit den vorgeschrieben Tempo 30 auf der einspurigen, unübersichtlichen Umleitungsstrecke, „da kommt von hinten einer angeschossen, der hatte mindestens 80 km/h drauf. Der hat sich saumäßig aufgeregt, dass er wegen mir scharf abbremsen musste“. Gleich darauf taucht hinter einer Kuppe plötzlich ein entgegenkommendes Fahrzeug auf – ein Geisterfahrer. Ein Ausweichen ist an dieser Engstelle nicht möglich, aber eine Vollbremsung verhindert Schlimmeres. „Wäre ich da nicht gewesen, wären die beiden voll auf einander drauf gerauscht.“

An der Brückenbaustelle wird derweil fleißig gearbeitet.

Montagmittag. „Ja wo will denn der hin? Jetzt war er doch schon fast durch!“, wundern sich zwei Spaziergänger über den gewaltigen Sattelzug aus der Slowakei, der schwerfällig am Dorfbrunnen des Dörfleins Schleißweiler wendet und durch die Haydnstraße zurück Richtung Sulzbach fährt. Wegen der Umleitung ist dies eigentlich eine Sackgasse. Den Brummifahrer scheint dies nicht zu stören, unbeirrt fährt er gegen die Einbahnstraße, mit deutlich mehr als den erlaubten 3,5 Tonnen, Richtung Sulzbach. Der Gemeindestraße sieht man die Überlastung schon an: Schlaglöcher, Absenkungen, Brüche haben sich im Asphalt gebildet. „Wenn man da nicht jemand hinstellt, der das kontrolliert, hört das nicht auf“, meint ein Sulzbacher Handwerker.

Die Polizei immerhin zeigt diese Woche deutlich mehr Präsenz, sowohl an der Ampel für die Busspur, als auch am Ende der Einbahnstraße in Schleißweiler. Wenn sich durch wiederholte Missachtung der Umleitungsregelungen die Gefährdungen häuften, würden auch die Überwachungsmaßnahmen verstärkt.

An der Brückenbaustelle wird derweil fleißig gearbeitet. Heute versenkt der Kran einer Spezialfirma lange Rollen aus Baustahlmatten in den riesigen Bohrlöchern, die das Fundament der zukünftigen Schwerlastbrücke bilden werden. Ein Betonmischer steht schon bereit und wartet mit rotierendem Kessel auf seinen Einsatz. Das langwierige Aushärten dieses Betons ist einer der Gründe für die elf Wochen Vollsperrung.

Das Regierungspräsidium Stuttgart als Bauträger bittet die Verkehrsteilnehmer, sich an die ausgeschilderte Umleitungsstrecke zu halten oder sich eine andere geeignete Route zu suchen, dabei aber auf die Durchfahrt durch Bartenbach zu verzichten. Vorschläge für solche Alternativrouten kommen von den beiden Murrhardtern in Schleißweiler, die sich das Chaos anschauen wollten, prompt: „Da kann man als Einheimischer doch über Steinberg fahren oder über Trauzenbach oder über Zwerenberg oder auch über den Eschelhof – so viel Umweg ist das doch nicht.“ Und nach Backnang könne man ebenso gut über Vorderwestermurr oder Sechselberg oder Trailhof fahren. „Wenn jeder eine andere Route nimmt, dann verteilt sich das doch.“

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Erstellt:
6. August 2020, 06:00 Uhr

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