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„Verlässlichkeit ist ein wichtiges Thema“

Wir sind Familie (9): Fernpendlerin Karen Wefelmeyer wohnt 400 Kilometer von ihrem Arbeitgeber in Backnang entfernt. Eine gute und verlässliche Kinderbetreuung ist sehr wichtig, um die Form der Familie auf Distanz zu leben, sagt die 43-jährige Personalchefin.

Karen Wefelmeyer mit ihrem Mann Stefan und den beiden Jungs in Hannover. Foto: privat

Karen Wefelmeyer mit ihrem Mann Stefan und den beiden Jungs in Hannover. Foto: privat

Von Florian Muhl

BACKNANG/HANNOVER. Knapp 400 Kilometer liegen zwischen dem Wohnort und dem Arbeitgeber von Karen Wefelmeyer. Luftlinie. Mit dem Auto wären es sogar 500 Kilometer. Keine Frage, dass die 43-Jährige diese Distanz nicht jeden Tag zurücklegen kann. Sie pendelt zweimal in der Woche hin und her. Obwohl kein familiäres Betreuungsnetzwerk zur Verfügung steht, klappt das in der Praxis sehr gut. „Wir sind eine ganz klassische Familie“, sagt Karen Wefelmeyer. Zusammen mit ihrem ebenfalls 43-jährigen Partner Stefan, den sie meist als ihren Mann bezeichnet, hat sie zwei Jungs; der eine ist drei, der andere acht Jahre alt.

„Mein Mann ist in Hannover tätig und aufgrund der Umstände aktuell auch im Homeoffice.“ Beide Eltern sind voll berufstätig. In Absprache mit ihrem Arbeitgeber d+b Audiotechnik hat sich die Leiterin der Personalabteilung ihre Präsenzzeit eingeteilt. „Ich bin unter der Woche – wenn nicht Corona ist – dienstags bis donnerstags vor Ort in Backnang.“ In Ausnahmefällen könne das auch mal kürzer oder länger sein. Und wo wohnt sie in dieser Zeit? „Ich bin Dauergast im Hotel Murrtal. Ich bekomme immer dasselbe Eckzimmer, dort habe ich auch ein paar Sachen deponiert.“

„Die Kinder müssen wissen, wann ich außer Haus bin.“

Wie sieht das Pendeln konkret aus? „Aufstehen tu ich um fünf, aus dem Haus gehe ich 20 vor sieben, damit ich dann den Flieger um acht nehme und ich lande dann in Stuttgart um 20 nach neun. Dann spring ich in die S-Bahn und bin um elf im Büro, wenn alles gut läuft und keiner Quatsch macht. Das heißt, ich hab mein erstes Regelmeeting dienstags um elf gesetzt.“ Das schaffe sie auch in etwa 85 Prozent aller Fälle, und das sei schon ziemlich gut. Zu Beginn ist Wefelmeyer eine ganze Zeit lang mit der Bahn gefahren. Aber die sei oft sehr unzuverlässig gewesen, Ankunftszeiten konnten nicht eingehalten werden. „Irgendwann habe ich gesagt, das passt so nicht, und seitdem fliege ich.“

Am Donnerstag dann die umgekehrte Reihenfolge: „Da gehe ich am frühen Mittag so gegen halb zwölf die gleiche Strecke zurück, ne Stunde mit der S-Bahn zum Flughafen, damit ich den Nachmittagsflieger um 15.30, im Winter um 16.30 Uhr erwische, dann zurück ins Homeoffice und je nachdem, wie viel Uhr es ist, noch ein, zwei Gespräche.“

Das Wichtigste bei einer Familie auf Distanz sei Verlässlichkeit. „Die Kinder müssen wissen, wann bin ich außer Haus, wann bin ich nicht erreichbar und genauso auch, wann bin ich erreichbar und wann bin ich gut ansprechbar. Das Wochenende haben wir immer ganz für uns.“ Bei der Kinderbetreuung kann die Familie nicht auf die Großeltern der Kinder setzen. „Meine Eltern und Schwiegereltern wohnen etwa 100 Kilometer entfernt. Das heißt, wenn wir das Thema Krankheit haben, dann können wir das machen, aber es ist schon wirklich grenzwertig. Wir versuchen das im Idealfall selbst hinzubekommen, aus eigener Kraft.“ Deshalb müssten sich beide Eltern aufeinander verlassen können. „Bei Verabredungen muss jeder wissen: Wann ist wer da, wann ist wer erreichbar.“

Das Thema Verlässlichkeit spiele aber auch bezüglich der Kinderbetreuung eine ganz wichtige Rolle. „Da haben wir wahnsinnig Glück. Die Ganztagesschule meines älteren Sohnes ist nur zwei Straßen weiter. Er konnte von der 1. Klasse an schon allein hinlaufen.“ Es sei eine ganz tolle Schule mit jungen, engagierten Lehrern, die sich sehr viel Mühe geben. Dieser Umstand mache es auch extrem leicht, sein Kind für einen langen Zeitraum dort hin zu geben. „Wir besprechen mit unserem Sohn jedes halbe Jahr: Passt das für dich? Gefällt es dir?“ Seine Antwort sei bislang immer dieselbe gewesen. Er wolle lieber in die Ganztagesbetreuung, als bereits mittags schon nach Hause zu kommen. „Das ist so ein großer Wert, wenn man diese Möglichkeit hat und wenn das gut läuft und es nicht nur eine Verwahranstalt ist, da gibt’s ja auch ganz andere Schulen“, sagt die zweifache Mutter.

Hilfreich sei auch das private Netzwerk, das sich die Familie inzwischen aufgebaut hat: Dazu zählt auch das Kindermädchen, das einmal die Woche kommt. „Wichtig ist, dass man über solche fixen Rahmenbedingungen den Kindern auch Halt geben kann.“ Auch, wenn sie in Backnang ist, hält Karen Wefelmeyer den Kontakt zu ihrer Familie. „Abends skypen wir, sind miteinander im Austausch, dann geht das. Aber sobald dieses System ins Wanken gerät, weil ein Kind oder vielleicht der Vater oder die Mutter krank wird, dann müssen wir, wie jede andere Familie auch, schauen: Wie klappt das dann gut miteinander?“ Und die Personalchefin ergänzt: „Da haben wir beide, mein Mann und ich, unheimliches Glück mit unseren Arbeitgebern. Ich kann immer spontan umgestalten, ich kann viel aus dem Homeoffice heraus arbeiten.“ Das sei leider immer noch nicht selbstverständlich. „Die Flexibilität, die wir als Familie brauchen, weil immer irgendwie was sein kann, die haben wir.“ Letztlich auch dank ihres Backnanger Arbeitgebers.

„Wenn der Arbeitgeber Flexibilität zeigt, das zahlt sich immer aus.“

Eingestiegen bei d+b ist Karen Wefelmeyer im Februar 2016. Seitdem hat die 43-Jährige die Gesamtverantwortung für den Personalbereich. Davor hatte sie den Studiengang International Business in Paderborn als Diplomkauffrau abgeschlossen und im Jahr 2011 noch einen Master of Business Administration (MBA) draufgesattelt. Anschließend war sie für einen Werkzeugmaschinenhersteller tätig, hat in dieser Zeit auch drei Jahre in Schanghai gelebt, wechselte dann zum Kopfhörer- und Mikrofonhersteller Sennheiser in die Personalabteilung.

Jetzt, beim Backnanger Hersteller von Beschallungsanlagen, der die Flexibilität garantiert, fühlt sich die Personalleiterin angekommen und ist glücklich. „Wenn der Arbeitgeber Flexibilität zeigt, das zahlt sich immer aus. Die Menschen und Kollegen sind loyal, versuchen immer, ihre Themen fertigzukriegen, auch wenn’s dann mal abends ist, und, und, und.“ Wenn Karen Wefelmeyer in ihrem Freundeskreis Leute trifft, die noch ganz konservative Arbeitgeber haben, und sich dann deren Probleme anhören muss, dann sagt sie sich: „Toi, toi, toi, dass wir das ganz anders erleben. Und nur so funktioniert’s auch.“ Auf der anderen Seite seien auch ihre Kollegen genauso flexibel. „Das geht umso besser, je mehr Kollegen Sie haben, die mit dem Thema Familie vertraut sind und wissen, was es bedeutet, Familie und Beruf zu kombinieren.“

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Erstellt:
16. Mai 2020, 06:00 Uhr

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