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Viel Herzenswärme am Kalten Wasser

Mobile Tagesstätte EH-Mobil feiert 20-jähriges Bestehen Backnang und Schorndorf – Motto: Gemeinsam essen und Hilfe erfahren

Das EH-Mobil der Erlacher Höhe feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Eine der Geburtstagsfeiern fand gestern im evangelischen Gemeindehaus Am Kalten Wasser in Backnang statt, wo die Altpietistische Gemeinde der mobilen Tagesstätte seit 2008 ihre Räume zur Verfügung stellt. Backnangs OB Frank Nopper nutzte die Steilvorlage des Ortsnamens, sprach von „viel Herzenswärme am Kalten Wasser“ und lobte das riesige Engagement der Erlacher Höhe.

Helfer wie Frank Sinn sorgten gestern für den Service, sie brachten den Besuchern das Essen an den Tisch. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Helfer wie Frank Sinn sorgten gestern für den Service, sie brachten den Besuchern das Essen an den Tisch. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG/GROSSERLACH. Die Geburtsstunde des EH-Mobils schlug im Jahr 1999. Auslöser war laut Wolfgang Sartorius, dem Geschäftsführer der Erlacher Höhe, eine Krisensituation. In Schorndorf war es nämlich im Jahr zuvor zu einem Eklat mit jungen Punkern gekommen. Als die sich an der Kirchenstaffel der Stadtkirche aufhielten, schoss ein sich bedroht fühlender Polizist einem Jugendlichen in den Fuß. In der Folge versuchten Schorndorfer Stadträte und mehrere Streetworker sowie Vertreter der Polizei, der Kirchen und der Suchtberatungsstelle, mit den Punkern ins Gespräch zu kommen.

Die Verantwortlichen erkannten damals die Notwendigkeit einer Tagesstätte, die Idee des EH-Mobils entstand und die Kirchengemeinde stellte den Kirchplatz zur Verfügung. Sartorius: „Die Passanten staunten, als im März 1999 ein türkisblauer Transporter auf dem Kirchplatz Halt machte. Schiebetüren wurden aufgeschoben, Tische und Sitzbänke ausgeladen und vor dem Transporter aufgestellt, ein Sonnenschirm vervollständigte den Aufbau. Aus dem Auto wurden warme Mahlzeiten und Getränke an bedürftige Menschen gereicht: Die mobile Tagesstätte der Erlacher Höhe, das EHMobil, war geboren.“

Das gleiche Bild bot sich wenige Tage später in Backnang auf der Bleichwiese. Die „rollende Tagesstätte“ leistete zunächst an jeweils zwei Tagen in Backnang und Schorndorf ein niederschwelliges Angebot für 13 bis 20 Gäste pro Mobil-Tag. Der blaue Transporter ist inzwischen längst Geschichte. Heute gibt es fünf Stationen des EH-Mobils, zum Teil kommen bis zu 70 Menschen zu den Treffen. Anfangs war das Angebot primär an wohnungslose Menschen gerichtet. Sartorius: „Viele Besucher lebten damals und heute in versteckter Armut, oftmals ohne ausreichende materielle, medizinische und soziale Grundversorgung.“ In den kirchlichen Gemeindehäusern mit ihren niedrigen Zugangsschwellen werden Begegnungen zwischen sozial benachteiligten Personen und ehrenamtlichen und professionellen Helfern ermöglicht. Das EH-Mobil hilft heute auch Menschen, die überschuldet sind, die von Wohnungs-und Obdachlosigkeit bedroht sind, die in sozialen Schwierigkeiten und anderen Problemlagen leben, vielfach in ungesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen. Und es ist ein Ort für Menschen, die schlicht einsam sind.

Für OB Frank Nopper herrscht in Backnang am Kalten Wasser ein ganz besonderer Geist, „ein Geist der Nächstenliebe und der menschlichen Zuwendung“. Auch er würdigte: „Das EH-Mobil war in den 20 Jahren seines Bestehens eine ganz wichtige, in vielen Fällen sogar existenzielle Hilfe für Menschen in Not.“ Landrat Richard Sigel wandte sich direkt an Wolfgang Sartorius: „Ich bin dankbar, dass Sie so ein Angebot auf den Weg gebracht haben.“ Da der Leiter der Erlacher Höhe zuvor erklärt hatte, er wünsche sich, „dass die Zuschüsse der öffentlichen Hand verstetigt werden, damit wir nicht alle drei Jahre aufs Neue ums Überleben des Angebots fürchten müssten“, sagte Sigel nun: „Ich hoffe, wir werden weiterhin die Luft und die Kraft haben, solche Projekte zu unterstützen.“

Anton Heiser, Leiter der Abteilung Ambulante Hilfen Rems-Murr der Erlacher Höhe, würdigte die Arbeit der vielen, vielen Helfer, ohne die das EH-Mobil nicht überlebensfähig wäre. Den heftigsten Beifall in der langen Auflistung erhielt vermutlich das Ehepaar Hannelore und Karl-Heinz Graupmann, schließlich helfen sie an allen Ecken und Enden finanziell und organisatorisch. Und am wichtigsten: Hannelore Graupmann bringt jede Woche einen Kuchen vorbei, Heisers Berechnung nach müssten es bislang über 1000 Stück gewesen sein.

Die Geburtstagsfeier wurde musikalisch umrahmt von Toni Heiser und Michael Schubert. Im Anschluss an den offiziellen Teil und nach dem Segen von Pfarrer Martin Kaschler gab es das, was es im EH-Mobil immer gibt: ein leckeres Essen, Kaffee und Kuchen und jede Menge angeregter Gespräche.

Info
Die fünf Stationen des EH-Mobils

Backnang: In Kooperation mit der evangelischen Gesamtkirchengemeinde und der Altpietistischen Gemeinde im Gemeindehaus „Am kalten Wasser“, Eduard-Breuninger-Straße 47, dienstags 11.45 bis 13.30 Uhr. Verantwortlicher Mitarbeiter: Benjamin Bursztyn, Diplom-Sozialpädagoge.

Murrhardt: In Kooperation mit der katholischen Kirchengemeinde St. Maria im Begegnungscafe, Fornsbacher Straße 3, jeden letzten Donnerstag im Monat 14.30 bis 16 Uhr. Verantwortlich: Benjamin Bursztyn.

Schorndorf: In Kooperation mit der evangelischen Gesamtkirchengemeinde im Martin-Luther-Haus, Friedrich-Fischer-Straße 1, jeden Montag 12 bis 14 Uhr.

Waiblingen: In Kooperation mit der Evangelisch-methodistischen Kirche im Gemeindehaus Bismarckstraße 1, jeden Mittwoch 12 bis 13.30 Uhr.

Kernen: In Kooperation mit vier Kirchengemeinden im Gemeindehaus der Evangelisch-methodistischen Kirche, Kurze Straße 9, donnerstags 12.30 bis 14.30 Uhr.

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Erstellt:
23. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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