Viele Tote nach Attentat auf Afghanistans Vizepräsident

dpa Kabul. Afghanistans Vizepräsident entgeht knapp einem Mordanschlag. Erst am Wochenende hatte er sich im Fernsehen kritisch über die Taliban geäußert. Noch immer ist kein Termin für Friedensgespräche zwischen Regierung und Islamisten in Sicht.

Am Anschlagsort in Kabul ist die Straße aufgerissen. Foto: Rahmat Gul/AP/dpa

Am Anschlagsort in Kabul ist die Straße aufgerissen. Foto: Rahmat Gul/AP/dpa

Afghanistans Vizepräsident Amrullah Saleh ist in der Hauptstadt Kabul nur knapp einem Mordanschlag entkommen. Mindestens zehn Menschen wurden bei dem Bombenattentat auf sein Auto getötet, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mitteilte.

Saleh zeigte sich nach dem Anschlag, bei dem er seinen Sohn an der Seite hatte, in einem Video. Er berichtete: „Wir haben ein sehr leichtes Brennen am Gesicht und Kopf. Meine Hand ist ein wenig verletzt, weil es eine sehr starke Druckwelle gab. Das Autofenster ist geschmolzen.“

Rund um den Anschlagsort im Herzen der Hauptstadt waren zerstörte Geschäfte und ein weites Trümmerfeld zu sehen. Nach Berichten von Augenzeugen soll die Autobombe explodiert sein, als der Vizepräsident in einem Konvoi auf dem Weg zur Arbeit war. Mehrere Leibwächter und viele Passanten wurden verletzt. Selbst aus mehreren Kilometern Entfernung war noch eine Rauchwolke zu erkennen. Die militant-islamistischen Taliban dementierten umgehend, hinter dem Bombenanschlag zu stehen.

Präsident Aschraf Ghani verurteilte das Attentat. „Terroristen und ihre ausländischen Unterstützer können Frieden, die Republik und eine strahlende Zukunft, die die größte und grundlegende Forderung des Volkes ist, nicht durch solche Verbrechen schwächen“, sagte Ghani laut einer Mitteilung des Präsidentenpalasts.

Die EU äußerte sich ähnlich. „Wer den Friedensprozess schwächen will, indem er Amtsträger und Zivilisten angreift und verletzt, wird sich nicht durchsetzen (...)“, kommentierte der Außenbeauftragte Josep Borrell. Die Europäische Union sei fest entschlossen, alle Bemühungen zur Aufnahme eines innerafghanischen Verhandlungsprozesses zu unterstützen.

Saleh gilt als scharfer Kritiker der Taliban, mit denen demnächst Friedensgespräche beginnen sollen. Am Sonntag hatte er sie in einem Interview mit dem TV-Sender Tolonews als Terroristen bezeichnet, vor allem von Gewalt bestimmt. Afghanistans ehemaliger Geheimdienstchef hatte bereits im Juli 2019 ein Attentat überlebt. Bei dem damaligen Angriff auf sein Büro in Kabul töteten Angreifer 24 Menschen. Etwa 50 wurden verletzt.

Der Anschlag erfolgte vor dem geplanten Beginn innerafghanischer Friedensgespräche, die in Katar am Persischen Golf abgehalten werden sollen. Noch immer gibt es für die Gespräche zwischen Taliban und Regierung kein konkretes Datum. Diplomaten sind bereits in der katarischen Hauptstadt Doha eingetroffen. Auch das Verhandlungsteam der Taliban ist schon in einem Hotel direkt am Meer. Streit gibt es um das Schicksal einiger Talibankämpfer, deren Freilassung die Islamisten als Vorbedingung für Friedensgespräche fordern.

Bereits in den vergangenen Monaten wurden in Afghanistan Politiker, Aktivisten und Religionsvertreter angegriffen oder getötet. Experten sehen dahinter den Versuch, die Lage vor den geplanten Friedensverhandlungen zu destabilisieren. Die Drahtzieher der Attentate bleiben in der Regel im Verborgenen.

© dpa-infocom, dpa:200909-99-487051/6

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Erstellt:
9. September 2020, 11:16 Uhr

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