Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff
Virologe erklärt: So kam es zur Ansteckung
Ein Experte vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg erklärt, wie sich das Hantavirus auf dem Kreuzfahrtschiff verbreiten konnte.
© Qasem Elhato/dpa
Drei Tote nach Hantavirus-Ausbruch auf Kreuzfahrtschiff: Das Gesundheitspersonal verlässt die unter niederländischer Flagge fahrende MV Hondius.
Von Regine Warth
Die Gefahr ist noch nicht gebannt: Noch immer können die Passagiere des kleinen Kreuzfahrtschiffs „MV Hondius“ nicht wie ursprünglich geplant auf Kap Verde von Bord gehen. Es gebe noch keinen gesicherten Zielort, eine Weiterfahrt in Richtung der Kanarischen Inseln werde aber geprüft, teilte der Schiffsbetreiber Oceanwide Expeditions mit. Aktuell liegt das Schiff dort vor dem Hafen von Praia.
Das Kreuzfahrtschiff mit 150 Passagieren und 61 Besatzungsmitgliedern hatte sich vor einigen Wochen auf den Weg von Argentinien nach Kap Verde gemacht. Unterwegs kam es dann zu mehreren Todesfällen unter den Passagieren - ein älteres niederländisches Ehepaar und ein Deutscher. Bei der verstorbenen Niederländerin wurde das Hantavirus nachgewiesen, wie die Reederei unter Berufung auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte. Ein weiterer Passagier ist ebenfalls am Hantavirus erkrankt und wird auf einer Intensivstation in Südafrika behandelt. Zudem gibt es an Bord weitere Hantavirus-Verdachtsfälle. So zeigen zwei Besatzungsmitglieder Symptome, die für eine solche Erkrankung typisch sind.
Ein Virus-Stamm ist von Mensch zu Mensch übertragbar
Selbst für erfahrene Virologen wie Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg ist dieser Vorfall „ein außergewöhnliches Infektionsgeschehen, das man in dieser Form auf einem Kreuzfahrtschiff nicht erwarten würde“. So werden die Viren durch infizierte Nagetiere übertragen. „Die Infektion des Menschen erfolgt typischerweise durch Einatmen von erregerhaltigem Staub, der mit Urin, Kot oder Speichel der infizierten Nager kontaminiert ist“, sagt Schmidt-Chanasit.
Teils geschieht dies auch durch direkten Kontakt mit solchen Ausscheidungen. „Der Mensch ist bei den meisten Hantaviren ein Fehlwirt oder auch Endwirt, sodass keine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung stattfindet“, so der Virologe.
„Sollte es sich um das Anden-Virus handeln, wäre bei engem Kontakt eine Weiterübertragung an Bord denkbar“ Jonas Schmidt-Chanasit Tropenmediziner aus Hamburg
Eine Ausnahme bilde das südamerikanische Anden-Virus: „Für dieses Hantavirus ist eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung bei engem Kontakt beschrieben“, sagt Schmidt-Chanasit. Grundsätzlich kommen daher zwei Szenarien infrage: Erstens könnten sich eine oder mehrere Personen in Argentinien infiziert und das Virus an Bord gebracht haben. „Sollte es sich um das Anden-Virus handeln, wäre bei engem Kontakt eine Weiterübertragung an Bord denkbar“, so der Virologe. Diese könnten auch zeitverzögert auftreten: Die Inkubationszeit kann je nach Virus und Exposition mehrere Tage bis Wochen betragen.
Zweitens wäre auch eine Infektion durch Nagetiere an Bord oder durch kontaminierte Lebensmittel, Lagerbereiche, Kabinen, Oberflächen oder Staub denkbar – etwa wenn Mäuse oder Ratten das Schiff beziehungsweise Vorratsbereiche besiedelt haben. „Beide Möglichkeiten müssen durch epidemiologische Untersuchung, Umweltinspektion, Nagetierkontrolle und virologische Diagnostik abgeklärt werden.“
Wichtig ist, alle Passagiere zu screenen
Der Experte empfiehlt, zunächst alle Passagiere und Crewmitglieder medizinisch zu screenen und nach Symptomen, Expositionen und engen Kontakten zu befragen. Personen mit grippalen Beschwerden, Problemen im Magen-Darm-Trakt, sowie Zeichen einer schweren Atemwegs- oder Lungenerkrankung sollten umgehend medizinisch untersucht und isoliert werden. Ebenso wenn es Anzeichen für Nasenbluten oder Einblutungen in der Haut geben sollte.
Für die breitere Öffentlichkeit sieht die WHO jedenfalls kein größeres Risiko. Eine detaillierte epidemiologische Untersuchung sei ebenfalls im Gange, bestätigt die Reederei. Werde dem Schiff die Weiterfahrt in Richtung Kanaren ermöglicht, könnten in Las Palmas auf Gran Canaria oder auf Teneriffa weitere medizinische Untersuchungen stattfinden. Diese könnten unter Aufsicht durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und niederländische Gesundheitsbehörden stattfinden.
Hantaviren in Deutschland
In Deutschland erkranken jährlich wenige Hundert Menschen an dem von Nagetieren übertragenen Virus. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gab es in den vergangenen 25 Jahren hierzulande nur einen Todesfall. Die Wissenschaftler geben dennoch einige Hinweise zur Prävention der Erkrankung:
Lagerung Lebensmittel in dicht schließenden Schränken und Metall- oder Plastikbehältern aufbewahren, um Mäuse nicht anzulocken. Essensreste und tierische Abfälle sollten zudem nicht auf dem Kompost entsorgt werden.
Befall Bei Befall sollten Mäusefallen aufgestellt und tote Mäuse sicher beseitigt werden. Das RKI rät hierbei zu Gummihandschuhen und bei Staubentwicklung zu einem eng anliegenden Mund-Nasen-Schutz, am besten einer FFP3-Atemschutzmaske. Kontaminierte Flächen sollten sorgfältig gereinigt werden.
Infektion In Mitteleuropa sind typische Symptome grippeähnliche Infektionen mit über drei bis vier Tage anhaltendem Fieber sowie Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen. Darauf können Blutdruckabfall und Nierenfunktionsstörungen bis hin zum Nierenversagen folgen. Auswirkungen auf die Lunge und sichtbare äußere Blutungen sind sehr selten.
