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Vom Alltag einer Geheimrätin

Esther Krauter hat sich im Rahmen ihres Studiums mit den Tagebüchern von Martha Franck, der Frau des Unternehmers Robert Franck, befasst. Ihre Arbeit gibt Einblicke ins Leben der damaligen Upperclass – zu der Zeit, in der auch die Villa Franck in Murrhardt entstand.

Die Familie 1911 (von rechts): Robert und Martha Franck gemeinsam mit ihren Kindern Otto, Marianne und Wilhelm. Die Aufnahme stammt aus dem Fundus der Villa Franck, findet sich auch auf der aktuellen Homepage von Haus und Anwesen – und ziert das Titelblatt von Krauters Arbeit.

Die Familie 1911 (von rechts): Robert und Martha Franck gemeinsam mit ihren Kindern Otto, Marianne und Wilhelm. Die Aufnahme stammt aus dem Fundus der Villa Franck, findet sich auch auf der aktuellen Homepage von Haus und Anwesen – und ziert das Titelblatt von Krauters Arbeit.

Von Christine Schick

MURRHARDT. Esther Krauter studiert Lehramt in der Fächerkombination Geschichte, Religion und Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Als sie sich an ihren Professor Gerhard Fritz wandte, hat sie eines der Themen, das er ihr für die Zulassungsarbeit anbieten konnte, sofort angesprochen: das Tagebuch der Geheimrätin Franck (abgeleitet vom Titel „Geheimer Kommerzienrat“ ihres Mannes). Die Frage „Wie lebte eine Dame der besseren Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts?“ (Titel ihrer Arbeit) fand sie absolut spannend, auch wenn sie noch nicht ahnte, dass es einige Hürden zu nehmen galt. Denn als sie die Tagebücher der beiden Jahre 1905 und 1906, die Gerhard Fritz von einer Nachfahrin als Leihgabe erhalten hatte, einscannte, stellte sich heraus, dass sie so gut wie gar nichts lesen konnte. Ihre Vorkenntnisse in Sütterlin schienen nicht auszureichen. Sie besorgte sich ein Fachbuch, das neben dieser auch die Kurrentschrift behandelt. Ihr wurde klar, dass die Tagebücher größtenteils in Kurrent verfasst sind, und sie eignete sich diese noch ältere Variante an.

„Martha Franck hat über diese zwei Jahre mit wenigen Ausnahmen sehr diszipliniert Tagebuch geführt, der Umfang lag zwischen einem Wort und einer Dreiviertelseite“, erzählt Esther Krauter. Die Notizen haben mehr die Funktion einer Erinnerungsstütze denn einer emotionalen Aufarbeitung. Trotzdem bedeuten sie spannende Einblicke in das Familien- und Arbeitsleben. Um die Aufzeichnungen auch insgesamt besser verstehen zu können, erarbeitete sich die Studentin aus Gschwend den Hintergrund beider Familien.

Martha Seeger hat eine noch bessere gesellschaftliche Stellung als Robert Franck.

Der Name Franck ist fest mit dem Zichorien-Kornkaffee-Unternehmen verbunden, das Robert Franck (1857 bis 1939) später zu einem internationalen Konzern ausbaute. „Trotz dieser Erfolgsgeschichte muss man sagen, dass er durch die Verbindung mit Martha geborene Seeger sozusagen nach oben geheiratet hat. Ihre Familie war ihm vom Stand her überlegen“, erklärt Esther Krauter. Marthas Vater Albert von Seeger war Militärarzt und als Träger des Ehrenkranzes der königlich-württembergischen Krone hatte er einen Adelstitel. Die Wurzeln der Familie liegen in der Region – der Großvater kam 1798 nach Murrhardt. „Er war Sternenwirt und Holzhändler. Gastwirte hatten Einfluss, machten die Politik in dieser Zeit.“ Die Familie reüssierte später im unternehmerischen Bereich – in der Tuch- und Verbandsstoffherstellung.

Marthas Eltern ließen sich in Backnang nieder. „Sie ist das älteste von zehn Kindern.“ Robert Franck lernte Martha Seeger als Freundin seiner Schwester in Ludwigsburg auf einem Maienfest kennen. Eines war für ihn klar, sozusagen Bedingung: Seine Frau musste zur Familie und zum Geschäftssinn passen, was Martha ganz offensichtlich erfüllte. Im Oktober wurde Verlobung gefeiert. Diese haben die beiden auch nach rund 20 Jahren Ehe noch feierlich begangen, insofern geht Esther Krauter davon aus, dass die Beziehung eine sehr gute war, wie man heute sagen würde, und da auch durchaus Romantik mitschwang.

Versteckt hat sich Martha Franck allerdings nie. „Sie gehörte zur Oberschicht, hat das auch selbstbewusst gelebt, in den höchsten Kreisen verkehrt.“ In Ludwigsburg war sie nur in der Upperclass unterwegs, mit Menschen aus der Arbeiterschicht oder noch Ärmeren hatte sie ausschließlich Kontakt, wenn es um ihr soziales Engagement bei der Karlshöhe ging. „Dort hat der Vater bereits ehrenamtlich gearbeitet, das entsprach auch ihrem Glauben und dem Pietismus, den sie lebten.“

Einerseits war es beispielsweise ganz selbstverständlich, Personal wie Amme, Chauffeur oder Koch zu haben, andererseits fühlte sich die Familie zutiefst sozial verantwortlich. Zwar war Robert Franck Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, aber seine Frau dürfte dort keinen geringen Einfluss gehabt haben, und die Fahrten zu Pflegefamilien von Kindern oder andern Betreuten erfolgte teils sogar gemeinsam mit ihren Kindern, um sie auf ihre künftige Rolle vorzubereiten. Frau Geheimrat gründete zudem eine Nähschule, um Mädchen, die nicht so begütert waren, auszubilden zu lassen. Das Arbeitspensum von Martha Franck beurteilt Esther Krauter als beachtlich.

Auch geht sie davon aus, dass das Familienleben wirklich großgeschrieben wurde, und charakterisiert es als herzlich und humorvoll. Ein perfektes Promileben also? Fast. Auch in Martha Francks Alltag gab es Probleme. Die waren vor allem der Gesundheit geschuldet. Sie bekam vier Kinder, ihre zweite Tochter aber starb ein Jahr nach ihrer Geburt. „Die Sterblichkeit kannte keine Standesunterschiede“, sagt Esther Krauter. Marthas Nichte Mia verletzte sich mit einer Nadel, die im Körper feststeckte. Zwar gab es schon moderne medizinische Technik – das Röntgen. Aber die mangelnde Erfahrung, die Bilder zu interpretieren, setzte der Praxis klare Grenzen.

Auch Martha selbst kämpfte mit gesundheitlichen Beschwerden. Ohrensausen, das heute wohl als Tinnitus beschrieben werden würden, Heiserkeit und Husten bis hin zu einem Lungenkatar plagten sie. Ein Ausgleich für die vielen Verpflichtungen waren lange Wanderungen, die sie vor allem in Murrhardt bestritt. Dort war sie übrigens nach den Analysen Krauters auch sehr viel nahbarer und auf Tuchfühlung mit der normalen Bevölkerung unterwegs. Medizinisch verordnet wurde ihr beispielsweise auch der Aufenthalt an der See – auf Sylt. „Das Verreisen war ein absolutes Privileg, geschah aber immer mit dem Zug, auch wenn Robert Franck eng mit der Familie Daimler befreundet war. 1905 kaufte er sich ein Auto.“

Ebenfalls um diese Zeit herum entstand die Villa Franck, die Sommerresidenz der Familie. Sie wurde zwischen 1904 und 1907 von den Architekten Paul Schmohl und Georg Staehelin erbaut, Albert Lilienfein war für die Konzeption des Jugendstilparks verantwortlich. Für heutige Vorstellungen ungewöhnlich: „Dazu gehörte, dass die Familie mit den Architekten auch die Möbel einkaufen ging. Alles musste bis ins letzte Detail passen, die Villa war als Gesamtkunstwerk zu sehen.“

Dass Martha Franck in all ihren Wirkungsfeldern ein sehr gesundes Selbstbewusstsein an den Tag legte, beurteilt Esther Krauter als nicht so ungewöhnlich, wie man vielleicht aus heutiger Sicht denkt. In dieser Schicht habe es viele selbstbewusste Frauen gegeben. Wie angesehen und einflussreich Martha Franck war, zeigte sich beispielsweise auch dadurch, dass sie bei Firmensitzungen in Streitsituationen eine Art moderierende Rolle übernahm und die Geschäftspartner sie in dieser Position wohl akzeptierten. Für ungewöhnlicher hält sie das Familienleben und die Beziehung zu ihrem Mann inklusive seiner fürsorglichen Art für sie. „Mein Eindruck war, dass das schon etwas Besonderes gewesen ist.“

Esther Krauter hat sich die Kurrentschrift angeeignet, um die Tagebücher überhaupt lesen zu können, und intensiv recherchiert. Belohnt wurde sie mit spannenden Einblicken. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Esther Krauter hat sich die Kurrentschrift angeeignet, um die Tagebücher überhaupt lesen zu können, und intensiv recherchiert. Belohnt wurde sie mit spannenden Einblicken. Foto: J. Fiedler

Arbeit erscheint in Sammelband

Die Arbeit von Esther Krauter enthält viele weitere spannende Details und Einordnungen. Um sie einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erscheint sie im aktuellen Band von „historegio“, den Professor Gerhard Fritz herausgibt (zugleich Schriftenreihe des Instituts für Gesellschaftswissenschaften der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd). Der Titel: „Mikrohistorische Studien aus einem halben Jahrtausend. Untersuchungen aus Krieg und Frieden vom 16. bis zum 20. Jahrhundert.“ Der Band legt Arbeiten zur historischen Demografie, zu Kriegen im 19. und 20. Jahrhundert sowie besagte Studie Esther Krauters vor. Ihre Abhandlung ist auch die umfangreichste. Der Band soll bis Ende des Jahres vorliegen – beim Verlag Manfred Hennecke, Remshalden.

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Erstellt:
21. August 2020, 06:00 Uhr

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