Vom Intelligenzblatt zur Tageszeitung

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Der Murrthal-Bote wechselte zwischen 1832 und 1875 mehrmals den Besitzer. Unter Friedrich Stroh, der den Verlag und die Druckerei 1875 übernahm, entwickelte sich der „Murrthal-Bote“ zu einem Backnanger Tagblatt.

In der Druckerei in den 1920er-Jahren: Friedrich Stroh, Friedrich Stroh junior an der Setzmaschine und Liesel Stroh (von links).

In der Druckerei in den 1920er-Jahren: Friedrich Stroh, Friedrich Stroh junior an der Setzmaschine und Liesel Stroh (von links).

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Seit 1832 gibt es in Backnang eine Zeitung. Der aus Ulm stammende Buchdrucker Caspar Hack stellte 1831 den Antrag an die Königliche Regierung des Neckarkreises in Ludwigsburg, in Backnang eine Buchdruckerei zu eröffnen und ein „Amts- und Intelligenzblatt“ herauszugeben. Er musste zahlreiche Auflagen erfüllen, sodass sein am 19. März 1832 erstmals erschienenes „Intelligenzblatt“ außer Bekanntmachungen und Verkaufsangeboten nichts enthielt, heißt es in der Jubiläumsausgabe „175 Jahre Backnanger Kreiszeitung“, die am 17. März 2007 erschien. Weiter wird informiert, dass knapp 100 Exemplare mit einem Umfang von vier Seiten (DIN A4) zu Beginn zweimal wöchentlich erschienen, womit der Verleger sich nur mühsam über Wasser halten konnte.

Auch die Genehmigung der Kreisregierung im Mai 1836, für sein Blatt den Namen „Murrthal-Bote“ verwenden zu dürfen, hatte nur einen bescheidenen Aufschwung zur Folge. Der Nachfolger des Gründers, Josef Berthold, der 1840 den Verlag und die Druckerei übernahm, erhielt vom Oberamt Backnang erstmals die Genehmigung, auch politische Nachrichten drucken zu dürfen. Mehrfach wechselte der Murrthal-Bote den Besitzer. Erst unter Friedrich Stroh, der den Verlag und die Druckerei 1875 übernahm, entwickelte sich der „Murrthal-Bote“ zu einem Backnanger Tagblatt.

Schon als Jugendlicher träumt er davon, Zeitungsverleger zu werden.

Über Friedrich Stroh wird in der Jubiläumsausgabe zum 125-jährigen Bestehen der Backnanger Kreiszeitung vom 19. März 1957 berichtet, dass er die Lateinschule besucht hatte und als ältester Sohn bei seinem Vater Jakob Stroh, der im ersten Stock des Weinschanks Kunberger eine Buchbinderei hatte, in die Lehre ging. Sein Traum von früher Jugend an war es, Buchdrucker und Zeitungsverleger zu werden. Als sich ihm 1875 die Möglichkeit bot, griff er schnell zu und kaufte von Rechtsanwalt Wildt den Murrthal-Boten.

Für die Errichtung seines Geschäfts hatte er die Auswahl zwischen zwei Gebäuden: dem Haus neben dem Rathaus (heute Marktstraße 26) und der Wirtschaft zur Nächstenhilfe am Oelberg 1. Er entschied sich für den Oelberg wegen der Räumlichkeiten und auch wegen der schönen Lage mit freier Sicht auf die Bleichwiese und dem für die Arbeit so wichtigen Tageslicht, das hier immer gewährleistet war. Die Installation von elektrischem Licht konnte schon 1892 durch eine Überlandleitung von der Lederfabrik Breuninger in der Oberen Walke erfolgen, die mit einem Dynamo zur Stromerzeugung ausgestattet war.

Der Murrtal-Bote am Oelberg 1 in den 1920er-Jahren. Repros: P. Wolf

Der Murrtal-Bote am Oelberg 1 in den 1920er-Jahren. Repros: P. Wolf

An diesem Standort baute Friedrich Stroh den Murrthal-Boten weiter aus. Über eine neue Schnellpresse, eine Vergrößerung des Zeitungsformats und beliebte Beilagen wie die Blätter des Murrgauer Altertums-Vereins, konnte er die Auflage bis zum Jahr 1900 auf etwa 2000 Exemplare steigern, wird in der Jubiläumsausgabe von 2007 weiter informiert. Ab 1. Oktober erschien die Zeitung täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage. Friedrich Stroh, der im Jahr 1876 Marie Breuninger geheiratet hatte, war vielseitig in Backnang engagiert. Über viele Jahre war er Mitglied im städtischen Gemeinderat beziehungsweise im Bürgerausschuss und im Kirchengemeinderat. Im November 1912 erhielt er bei den Landtagswahlen das Abgeordnetenmandat.

Ab 1915 war Friedrich Stroh junior alleiniger Schriftleiter im Murrtal-Boten/Backnanger Tagblatt, nachdem er bald nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs schwer verwundet worden war. Nach dem Krieg war er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Emil als Herausgeber und Verleger tätig. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden im Juli/August 1933, wie überall im Land, auch die Verleger des Murrtal-Boten unter Druck gesetzt. Um einer Zerschlagung des Zeitungsverlags zu entgehen, wurde im September 1933 ein Gesellschaftsvertrag zwischen Dr. Weiss, dem bisherigen Zeitungsverleger des NS-Kuriers, und Friedrich und Emil Stroh geschlossen, der die Gründung einer Firma „NS-Presse Backnang GmbH“ zum Inhalt hatte. Täglich musste ein Exemplar der gedruckten Zeitung zur NS-Presse Württemberg nach Stuttgart zur Kontrolle geschickt werden.

In der Zeit der amerikanischen Besatzung sollte die Zeitung vier Jahre gar nicht mehr erscheinen. Nur das vom Landrat herausgegebene Amtsblatt wurde in der Druckerei Stroh hergestellt.

Ab 1951 gibt es die Bezeichnung Backnanger Kreiszeitung.

Erst am 29. Januar 1948 konnten die Verleger wieder über ihre Eigentumsrechte verfügen, allerdings mit Einschränkungen. Am 1. April 1951 erschien die erste Ausgabe der „Backnanger Kreiszeitung – Murrtal-Bote“ und wurde am 7. Juli 1951 zum letzten Mal umbenannt in „Backnanger Kreiszeitung, Murrtal-Bote, Backnanger Tagblatt“.

Die Zeitungsdruckmaschine ratterte ab 1939 im Verlagshaus Postgasse 7.

Die Zeitungsdruckmaschine ratterte ab 1939 im Verlagshaus Postgasse 7.

Im Jahr 1955 starb Friedrich Stroh junior, der bis zuletzt im Verlag tätig war. Von da an lag die Geschäftsleitung in den Händen seiner Tochter Liesel Stroh und seines Bruders Emil. Außer der Zeitungsdruckmaschine, einer 16-seitigen Vomag-Rotation, die noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im benachbarten Haus Postgasse 7 aufgestellt worden war, befand sich zu Anfang der 1950er-Jahre der gesamte Geschäftsbetrieb im Haus Oelberg 1.

Der rasche Auftrieb ermutigte die Inhaber, einen Neubau zu erstellen, sodass ab 1957 der Umzug der kompletten technischen Abteilungen in das neue Gebäude Postgasse 7 bis 11 erfolgen konnte. Die frei gewordenen Räume im Oelberg 1 wurden zu einer kundenorientierten Geschäftsstelle und zusätzlichen Büroräumen umgebaut. Im technischen Bereich schaffte man neue Bleisetzmaschinen an und ersetzte Maschinen, die teilweise mehr als 40 Jahre im Einsatz gewesen waren.

Mitte der 1960er-Jahre wurde eine neue Zeitungsdruckmaschine angeschafft und in der Sulzbacher Straße 118 ein Betrieb gebaut, der es ermöglichte, die Produktion ab 1969 den gestiegenen technischen Anforderungen anzupassen. Nach dem Tod von Emil Stroh 1981 lag die Geschäftsführung in den Händen von Verlegerin Liesel Stroh und dem 1970 zum Geschäftsführer bestellten Werner Stroh. Als im Jahr 1982 das 150-jährige Bestehen der Zeitung gefeiert wurde, hatten bereits der Fotosatz und der Offsetdruck ihren Einzug gehalten, und einige Jahre später tauschten die Redakteure ihre Schreibmaschine gegen den Computer.

Die Weiterentwicklung im technischen Bereich und größere räumliche Anforderungen führten zu der Entscheidung, den Druckbereich von der Sulzbacher Straße 118 in einen Neubau im Industriegebiet Süd zu verlegen. Mit dem Bau konnte 1995 begonnen werden. Bereits im November desselben Jahres wurde die Zeitungsproduktion mit der neuen 32-seitigen Zeitungsdruckmaschine aufgenommen. Nach dem Tod von Liesel Stroh im Jahr 2005 trat ihre Schwester Dorothea Stroh, Mitgesellschafterin der Buchdruckerei Fr. Stroh OHG und der Stroh. Druck und Medien GmbH Backnang, das Erbe an. Heute liegt die Geschäftsführung in den Händen von Werner Stroh und Brigitte Janus.

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Erstellt:
29. Mai 2021, 16:00 Uhr

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