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Vom Wein auf den Lambrusco gekommen

Beim Lausch-Picknick auf dem Willy-Brandt-Platz in Backnang gibt Marina Heidrich Selbstgeschriebenes rund um den Alkohol zum Besten. Gäste des „Wohnzimmers“ lauschen, mit Kopfhörern ausgestattet und nach anfänglichen Pannen, aufmerksam mit.

Zwei junge Damen bleiben beim goldgelb glitzernden Riesling (liegen) und hören die Geschichte von Charly, der vor allem Chardonnay kredenzte. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Zwei junge Damen bleiben beim goldgelb glitzernden Riesling (liegen) und hören die Geschichte von Charly, der vor allem Chardonnay kredenzte. Fotos: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Die Idee dahinter ist, die Genusspalette zu erweitern. Auf den Ausschank von Gaumenfreuden wie Bier, Wein oder Hochprozentigem sei man eingerichtet, sagt Alexander Lisson, der Chef der Musikkneipe „Das Wohnzimmer“. Warum nicht auch etwas für die Ohren bieten? Und weil Marina Heidrich oft zu Gast – sie selbst spricht vom Wohnzimmer als ihrer Lieblingskneipe – und auch ihre Geschichten bekannt seien, fragte man sie, ob sie nicht etwas über Alkohol schreiben könne. Sie tat es. Und brachte es nun beim Lausch-Picknick zu Gehör.

Das heißt, der Anlauf war etwas mühsam. Von den äußeren Bedingungen hätte es besser nicht sein können. Der für den Tag angesagte Regen hält still. Ein blauer Himmel mit Wattebauschwolken wölbt sich über den Willy-Brandt-Platz. Die Abendsonne taucht die Gebäude am anderen Murrufer in strahlendes Weiß und sorgt damit für einen imposanten Hintergrund. Nicht viele, aber doch einige Gäste haben sich eingestellt, manche sehr wohl vorbereitet. Sie haben Decken oder sogar Klappstühle mitgebracht und es sich auf dem Pflasterrund bequem gemacht. Das Personal des Wohnzimmers ist unermüdlich unterwegs, um Köstlichkeiten aus der Küche zu servieren. Nebst Getränken, wie sich versteht.

Marina Heidrich flüstert jedem Gast ihre Zeilen in die Ohren.

Währenddessen wird für Marina Heidrich ein Aufblassofa vorbereitet. Um die Autorin stimmlich nicht zu überfordern, will man sich der Technik bedienen. Die Gäste des Wohnzimmers werden nach Vorsprache mit Kopfhörern ausgestattet. Marina Heidrich wird dann ein Mikrofon am Körper tragen und auf diese Weise jedem Gast ihre Zeilen in die Ohren flüstern. So zumindest die Idee. Dass es dann doch länger dauert, liegt daran, dass diese Technik ihre Tücken hat. Das Sofa wird an das auf dem Platz befindlichen Wasserspiel gerückt, Marina Heidrich nimmt Platz, spricht ein paar einleitende Worte, aber bei den Gästen kommt nichts an. Durch Ortswechsel versucht man das zunächst zu beheben, aber die Übertragung bleibt schlecht. Es gibt immer wieder Aussetzer. Marina Heidrich steht schließlich in den Räumen des Lokals hinter einem Gitter – sie kommentiert das scherzhaft mit einem „Bitte nicht füttern“ – aber das ist dann doch zu weit weg vom Publikum. Schließlich klappt die Übertragung, Marina Heidrich ist am Platz. Da gibt es die nächste Unterbrechung. Dazu muss man wissen, zwischen den Lokalen „Das Wohnzimmer“ und „Tante Emma“ befindet sich das bereits erwähnte Wasserspiel. Über einem Wasserbecken erhebt sich eine u-förmige Stahlkonstruktion, die, wie von Geisterhand gesteuert, immer wieder Wasserfälle aus sich entlässt. Es muss nicht erwähnt werden, dass dies gewisse Geräusche macht, die dann die Worte der am Wasserbeckenrand sitzenden Marina Heidrich übertönen. Das Wasserfallspektakel dauert zwar nur einige Sekunden. Aber diese Zeitspanne über ist dann – trotz modernster Technik – nichts anderes mehr zu verstehen. Marina Heidrich wartet geduldig.

Der Aufgabe, etwas über Alkohol zu schreiben, hat sie sich derart unterzogen, dass sie das Thema Männer und Wein kombiniert hat. Und so ist es sehr Persönliches, was sie unter der Überschrift „Mein Wein verliebtes Liebesleben“ preisgibt. Die Männer, mit denen sie länger oder auch kürzer zusammen war, werden mit der von diesen bevorzugten Weinsorte charakterisiert. Manchmal, aber auch nur manchmal, ist es der Vorname des Herrn, von dem sich die Lieblingsweinsorte erschließt. So im Falle von Charly, der vor allem Chardonnay kredenzte. Aber die in das Leben von Marina Heidrich ein- und austretenden Männer verleiden ihr so Schritt für die Schritt die mit den Herren verknüpften Weinsorten. Sodass es schließlich zu der Frage kommen muss: Was jetzt? Soll sie, Marina Heidrich, aufs Wasser zurückgreifen?

Perfekter hätte man es nicht planen können, dass just bei dieser Frage die bereits beschriebenen Sturzbäche wieder einsetzen. Marina Heidrich muss selbst über solches Zusammenspiel schmunzeln. Aber sie ist nicht auf Wasser gekommen, verrät die Autorin. Wie sollte es nach solcher Leidenszeit auch anders sein: In ihrer Lieblingskneipe hat Alex Lisson Mitleid mit der Enttäuschten und tröstet sie mit Lambrusco.

„Der Tag, an dem der Minister meinen Ouzo wegsoff.“

Eine Pause ist nötig, denn dringend müssen bei den Gästen die Getränke wieder aufgefüllt werden. Zwei junge Damen bleiben beim goldgelb glitzernden Riesling. Zumindest hat ihnen – so muss man annehmen – noch kein Mann dieses Getränk vermiest. Marina Heidrich bleibt bei den Getränken. Das zweite Machwerk, doppelt so lang wie das erste, das sie mit ausdrucksstarker Stimme und unterstreichenden Gesten vorträgt, heißt: „Der Tag, an dem der britische Premierminister meinen Ouzo wegsoff.“ In dieser Geschichte blüht die Fantasie. Sie beginnt und endet in der Psychiatrie, in die die Protagonistin der Geschichte eingeliefert wird, nachdem sie einen Herrn mit einem Küchenmesser übel zugerichtet hat. Letzterer war in die Wohnung der Dame eingedrungen und hatte ihr deren Lieblingsgetränk Ouzo einfach weggetrunken. Was natürlich auf die bereits beschriebene Art geahndet werden musste. Nachzutragen wäre nur noch, dass es dabei in Anspielung auf den Brexit der Engländer aus der EU um den britischen Premierminister gehandelt haben soll. Der auf diese Weise seinen Exit erlebte.

Auch Marina Heidrich erklärt mit dieser zweiten Geschichte ihren Exit. Oder besser gesagt: das Ende ihres Vortragens. Alex Lisson verweist noch darauf, dass nach Trinken und Hören demnächst in seiner Musikkneipe das Tanzen dran wäre. Ein DJ würde auflegen.

In ihrer Geschichte „Mein Wein verliebtes Liebesleben“ gibt Marina Heidrich Persönliches preis.

© Alexander Becher

In ihrer Geschichte „Mein Wein verliebtes Liebesleben“ gibt Marina Heidrich Persönliches preis.

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Erstellt:
24. August 2020, 06:00 Uhr

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