Von der Massenware zum Spitzenwein

Der Höhenflug des Aspacher Weins gipfelt bei der Weinprämierung in einer Flut von Auszeichnungen. Die Wengerter vom Kelterberg haben in der Qualität einen Quantensprung vollzogen und mit dem Ehrenpreis den Ritterschlag erhalten.

Dass die Wengerter die Qualität der Trauben an die erste Stelle stellen, hat sich ausgezahlt. Der Aspacher Wein hat heute einen guten Ruf.

© Pressefotografie Alexander Beche

Dass die Wengerter die Qualität der Trauben an die erste Stelle stellen, hat sich ausgezahlt. Der Aspacher Wein hat heute einen guten Ruf.

Von Matthias Nothstein

Aspach. Wenn die EU-Abgeordneten zum Essen ein Gläschen Wein trinken wollen, dann können sie im Restaurant des Brüsseler Parlaments auch einen edlen Tropfen der Aspacher Weingärtnergenossenschaft kredenzt bekommen. Der steht seit Neuestem in der Weinvitrine und buhlt inmitten der Erzeugnisse renommierter Weinregionen um die Gunst der Weinzähne. Möglich wurde dies durch die jüngsten Erfolge der Aspacher WG. Sie erhielt nicht nur den Ehrenpreis als einer der besten Weinbaubetriebe Württembergs, sondern ihre 2019er Grauburgunder Spätlese auch das Große Gold des Weinbauverbands, der Ritterschlag sowohl für die Wengerter als auch die Kellermeister. Joachim Schöffler, der bei der WG Aspach für Vertrieb und Marketing zuständig ist, schwärmt: „Damit sind wir in die erste Liga der Weinerzeuger vorgestoßen.“ Auch Marco Holzwarth vom gleichnamigen örtlichen Weingut sieht das so: „Wir können stolz darauf sein, dass der Aspacher Wein dort angeboten wird. Das wäre vor 20 Jahren nicht möglich gewesen.“ Das Lob für den WG-Wein kommt ganz selbstverständlich aus dem Mund des 20-jährigen Selbstvermarkters, zwischen den örtlichen Winzern gibt es keine Konkurrenz, sondern die Erfolge sind vielmehr gegenseitiger Ansporn. So demonstrieren sie auch nach außen hin Geschlossenheit, wenn sie etwa für das Gemeindejubiläum 2022 gemeinsam einen Cuvée kreieren. Vater Matthias Holzwarth sieht es so: „Weinbau ist heute Leidenschaft pur. Wer das nicht lebt, bei dem bleibt der Erfolg aus.“ Und Schöffler ergänzt: „Aspacher Weine sind sexy und trendy. Da gibt es mittlerweile andere Regionen, die haben derzeit eher Probleme. Wir sind ein kleines, aber feines Anbaugebiet.“

Beim Thema Qualität hat der Wein aus Aspach in den vergangenen Jahrzehnten einen Quantensprung gemacht, er wurde innerhalb weniger Jahre aus dem tiefsten Mittelalter in die Neuzeit katapultiert. Wie war das möglich? Die drei Wengerter können eine ganz Latte an Gründen auflisten.

Die Flurbereinigung schuf erst die überlebenswichtigen Strukturen

Angefangen haben die Verbesserungen mit der Flurbereinigung, die in den 60er-Jahren allerorten umgesetzt wurde. Matthias Holzwarth ist sich sicher, „ohne Flurbereinigung wäre der Weinbau in Kleinaspach eingeschlafen“. Viele Rebstücke verliefen quer zum Berg und waren mit einem Schlepper nicht zu erreichen. Der Reihenabstand betrug 1,40 Meter und für den Pflanzenschutz war riesiger Aufwand nötig. Es gab kein Wegenetz im Rebberg, eigentlich nur eine Straße. Die Trauben mussten in der Lese über große Distanzen getragen werden.

Trotz der Vorteile zählten die Aspacher Wengerter eher zu den Spätzündern. Während ringsum schon in den späten 60erJahren effizient geschafft werden konnte, wurden in Kleinaspach erst 1972 die umgelegten Weinberge erstmals aufgestockt. Die Wengerter hatten begriffen, wenn sich strukturell etwas ändert, kann es mit dem Weinbau weitergehen. Nach der Umlegung waren die Grundstücke größer und die Steigungen gleichmäßig. Matthias Holzwarth: „Nach der Flurbereinigung hat man richtig schaffen können.“

Masse, Masse, Masse – die Wengerter setzten ausschließlich auf die Menge

Es folgten die Jahre, in denen richtig gut verdient wurde. Matthias Holzwarth erinnert sich: „Stellenweise wurden 400 Kilogramm Trollinger pro Ar geerntet, manchmal sogar noch mehr. Es war selbstverständlich, dass pro Rebe drei Bögen gelassen wurden, heute unvorstellbar. Aber der Wein wurde auch benötigt, die gesamte Ernte wurde Jahr für Jahr weggetrunken.“ Und Schöffler ergänzt: „Wahrscheinlich wären zu dieser Zeit auch 500 Liter pro Ar weggegangen.“ Marco Holzwarth rechnet vor: „Während man damals von einem Hektar Weinbau eine ganze Familie ernähren konnte, benötigt heute ein Winzer, der seinen Wein nicht selber ausbaut, sondern die Trauben abliefert, 15 bis 18 Hektar, um davon leben zu können.“

Aber es war damals noch die Zeit, in der Wein als „Grundnahrungsmittel“ galt. Zum Mittagessen ein Liter Wein – „wo ist das Problem?“, hieß es damals. Auch das Auto vor der Tür änderte daran nichts. Eine Promillegrenze wurde überhaupt erst 1953 eingeführt, und dann lag sie bei 1,5 Promille. Sie wurde auch erst zum Problem, wenn der Fahrer einen Unfall verursachte. Erst 1973 wurde die Grenze erstmals gesenkt, auf immer noch beachtliche 0,8 Promille. Heute sind die Werte viel strenger.

Ungeachtet von Verkehrssicherheit, Gesundheitsaspekten und Qualität – der Wein fand seine Käufer. Aber dem Ruf des Württembergers hat es mächtig geschadet, nur auf Masse zu setzen. Der Trollinger wurde belächelt und galt als leichter Besen- und Festleswein, mehr nicht. Das Ausland und andere deutsche Weinbauregionen spielten längst in einer anderen Qualitätsliga.

Freuen sich über die Auszeichnungen als Lohn der Mühen und ziehen an einem Strang: Joachim Schöffler sowie Marco und Matthias Holzwarth (von links). Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Freuen sich über die Auszeichnungen als Lohn der Mühen und ziehen an einem Strang: Joachim Schöffler sowie Marco und Matthias Holzwarth (von links). Fotos: A. Becher

Wegen der Überproduktion war der Wein nicht mehr vermarktbar

Dann kam die Wende, die schiere Masse an Wein wurde nicht mehr gebraucht, so Schöffler. Die Faktoren waren vielfältig. Das Gesundheitsbewusstsein entwickelte sich immer stärker, die Nachteile von übermäßigem Alkoholgenuss wurden bekannt, die unbeirrt trinkfreudige Generation starb weg. Die Weintrinker entschieden sich immer öfter für qualitativ hochwertigere Weine. Die Versuche, die Ware außerhalb Württembergs zu vermarkten, scheiterten kläglich. Sollte man ein Datum nennen, wann der Wandel von der Quantität zur Qualität stattfand, so würde Matthias Holzwarth das Jahr 1989 nennen. In diesem Jahr hingen die Rebstöcke so voller Trauben, dass die Wengerter nicht wussten wohin mit dem Most. „Jedes Behältnis, was befüllt werden konnte, wurde genutzt“, erinnert sich der 49-Jährige. Die Wengerter hatten Glück, dass der Herbst 1990 ein Spitzenjahrgang war. Das heißt: hohe Qualität, wenig Masse. Wenn in diesem Jahr auch nur ein durchschnittlicher Ertrag zusammengekommen wäre, hätten die Wengerter den Most gar nicht lagern können. So aber war der 90er-Jahrgang Spitze. Holzwarth schnalzt mit der Zunge und erinnert sich noch gut an eine Trollinger Spätlese, „das war damals etwas ganz Außergewöhnliches“. Gleichzeitig wollte dann niemand den lumpigen 89er kaufen, der lag bis 1995 wie Blei in den Kellern.

Das Zauberwort lautete vor 30 Jahren Mengenbegrenzung

Damit war ein Umdenkungsprozess eingeleitet. Ende der 80er-Jahre wurden die ersten offiziellen Mengenbegrenzungen eingeführt. Es ging nicht mehr um Masse, sondern um Qualität. Eine Ernte von maximal 140 Kilo beziehungsweise 110 Liter pro Ar gilt seither in Württemberg als Obergrenze. Die Zahl der Bögen pro Weinstock wurde auf zwei reduziert, oft bleibt nur einer stehen. Matthias Holzwarth weiß, dass diese Vorgehensweise vielen Wengertern in der Gegend, zumeist den älteren, zutiefst gegen den Strich ging. „Das hat bei manchen noch viele Jahre gebraucht, bis es angekommen ist. Und manche tun sich heute noch schwer damit.“ Das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass früher jede Beere, die auf den Boden fiel, aufgelesen wurde. Oft wurde eine Übermenge einkalkuliert, diese dann tatsächlich auch nicht abgeliefert, sondern jenseits des Kontingents privat vermarktet.

Und heute? Sobald sich im Sommer abzeichnet, wie gut die Blüte verlaufen ist, gilt es auszuschneiden. Gesunde Trauben werden entfernt, damit die Rebe alle Energie auf die festgelegte Traubenmenge konzentrieren kann. Für Schöffler ist klar, was die Kriterien für Qualität sind: „Die Mengenbegrenzung ist das A und O. Nutze ich die erlaubten 140 Kilogramm pro Ar aus, dann erhalte ich einen normalen Qualitätswein, aber nicht mehr. Aber wenn ich etwas Besonderes möchte, was die Kunden heute auch verlangen, dann geht das nur mit einem Ertrag von maximal 80 Kilo, beim Prädikatswein auch nur 70 Kilogramm.“

„Wir sind mit unseren Premiumprodukten in die erste Liga der Weinerzeuger vorgestoßen.“

Joachim Schöffler, zuständig bei der WG Aspach für Marketing und Vertrieb

Der Pflanzenschutz wird viel konsequenter umgesetzt

Mit der Mengenbegrenzung können die Oechslegrade oder Zuckerwerte gesteuert werden, aber mindestens ebenso wichtig ist es, gesunde Trauben zu erhalten. Das Ausdünnen hilft dabei schon viel, da die Trauben dann lockerer hängen und sich nicht so schnell Pilzkrankheiten einfangen. Doch der fristgerechte Pflanzenschutz ist die wichtigste Säule für ein gesundes Lesegut. Auch hier hat sich eine rasante Entwicklung vollzogen. Früher, als mühselig mit Schläuchen gespritzt wurde, erhielten die Trauben alle 10 bis 14 Tage ihre Chemiedusche, unabhängig davon, ob es nötig war oder nicht. Marco Holzwarth weiß, dass manch ein Senior immer noch am liebsten nach der Tageszählung agieren würde. Doch der Nachwuchswengerter steht für die junge Generation, die mit modernen Maschinen und fundiertem Wissen nur so viel Pflanzenschutz wie nötig betreibt, zumal die Mittel sehr teuer sind. „Dieses Jahr hatten wir wegen des vielen Regens ein großes Peronospora-Problem. Ich habe täglich die Regenmenge bestimmt und nur gespritzt, wenn die Litermenge den Einsatz zwingend gemacht hat.“

Das gesunde Lesegut ist ein weiterer wichtiger Garant, um aus einem guten Wein einen exzellenten machen zu können. Auch hier hat ein Umdenkungsprozess eingesetzt. Früher wurde viel fauliges Lesegut angeliefert, es bescherte dem Winzer oft mehr Oechsle und somit mehr Geld. Künftig sollen die Trauben auch noch nach Fäulnisgrad bezahlt werden. Wer gesundes Lesegut bringt, bekommt mehr Geld und erleichtert dem Kellermeister die Arbeit. Joachim Schöffler bringt es auf den Punkt: „Wer gesunde Trauben bringt, muss auch belohnt werden. Wir brauchen Premiumtrauben, damit uns Premiumweine gelingen.“

Höchste Medaillenausbeute aller Zeiten

Weinprämierung 2020/21 Noch nie in ihrer Geschichte haben die Weinbauern aus Aspach bei der Landesweinprämierung des Weinbauverbands Württemberg in Weinsberg so viele Auszeichnungen abgeräumt wie zuletzt.

WG Aspach Von 21 vorgestellten Weinen und Sekten der WG Aspach wurden stolze 18 Weine ausgezeichnet.

Großes Gold, die höchste Auszeichnung, gab es für eine Grauburgunder Spätlese 2019. Zudem durfte sich die WG über viermal Gold, achtmal Goldrand und fünfmal Silberrand freuen.

Ehrenpreis Für die immer hochwertigeren Weine und die ständige Weiterentwicklung der Qualität wurde die Weingärtnergenossenschaft Aspach zudem mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet. Dieser Preis geht an Betriebe, die im Prämierungsjahr durch besondere Qualität ihrer Weine und die Anzahl ihrer Preise auffallen. Und auch die Anzahl der Weine des Betriebs mit Großem Gold und Gold in den vergangenen drei Jahren wird in die Bewertung miteinbezogen. Beeindruckt hat die Jury zudem die Vinothek und der gesamte Auftritt der Genossenschaft.

Weinbau Holzwarth Auch der Weinbaubetrieb Holzwarth hat bei der Landesweinprämierung so erfolgreich abgeschnitten wie noch nie. Von den elf vorgestellten Weinen wurden neun ausgezeichnet. Einmal Gold gab es für eine Grauburgunder Spätlese trocken 2018 vom Kelterberg. Dreimal Goldrand und fünfmal Silberrand komplettierten die Medaillensammlung. In früheren Zeiten waren fünf bis sieben Medaillen das höchste der Gefühle, die Ausbeute der jüngsten Prämierung stellt damit eine deutliche Steigerung dar und bestätigt die Arbeit des Betriebs.

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Erstellt:
8. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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