Von ganz oben nach ganz unten – und zurück

Mandy Islacker war eine der erfolgreichsten deutschen Fußballerinnen. Über die Kreisliga ist sie nun beim VfB Stuttgart gelandet. Porträt einer außergewöhnlichen Spielerin.

Mandy Islacker will mit dem VfB Stuttgart aufsteigen.

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Mandy Islacker will mit dem VfB Stuttgart aufsteigen.

Von Gregor Preiß

Stuttgart - Nur 22 Minuten hat es gedauert, dann war der Neuzugang des VfB Stuttgart zur Stelle. Aus kurzer Distanz mit dem Treffer zum 2:0 im WFV-Pokal gegen den FSV Waldebene-Ost (Endstand 5:2). Ein Einstand nach Maß, dem ein weiterer Treffer zum 5:1 folgen sollte. Vorhang auf für Mandy Islacker!

Die 35-Jährige war jahrelang auf der ganz großen Bühne zu Hause. Champions League, Bundesliga, Olympische Spiele, Europameisterschaft. Zweimal wurde die gebürtige Essenerin Torschützenkönigin der Fußball-Bundesliga, mit Stationen beim FC Bayern, 1. FC Köln und 1. FFC Frankfurt. 2015 schoss sie die Frankfurterinnen zum Champions-League-Titel. Im Jahr darauf krönte sie ihre Karriere mit dem Gewinn von Olympia-Gold. Islacker hat in ihrer Karriere fast alles gewonnen und alles erreicht. Eine Instinktstürmerin mit eingebauter Torgarantie.

Die nun in der Oberliga Baden-Württemberg aufschlägt. Mit Gegnerinnen aus Derendingen und Gottenheim – Orte, von denen die Essenerin noch nie zuvor gehört hat. Ein klassischer Fall von Karriere-Downgrade? Islacker muss lächeln. „Es ist schon ein Sprung zur Bundesliga. Aber ich habe es mir so ausgesucht. Und das Niveau in der Truppe ist richtig gut“, sagt die 35-Jährige über ihren Einstand beim VfB Stuttgart. Die noch junge Frauen-Abteilung des Traditionsvereins strebt bekanntlich in die dritte Liga. Der Aufstieg ist das erklärte Ziel, vor dem Rückrundenstart am Sonntag (13 Uhr) beim VfL Herrenberg führt die Mannschaft von Trainer Heiko Gerber die Tabelle mit zwei Punkten Vorsprung an. Der Kader ist der beste und teuerste der Liga, doch die Zweitvertretung des SC Sand ist den Stuttgarterinnen dicht auf den Fersen.

Mit der Verpflichtung der erfahrenen Ex-Profispielerin will man in den verbleibenden elf Spielen nichts dem Zufall überlassen. Von VfB-Sportdirektor Sascha Glass als eine der „professionellsten Spielerinnen“ gelobt, „mit denen ich je zusammenarbeiten durfte“, hat die 25-fache Nationalspielerin keinerlei Berührungsängste mit dem fremden Terrain. „Als die Anfrage vom VfB kam, war ich direkt begeistert. Man merkt, hier entsteht etwas“, zeigt sich Islacker von den Strukturen und Voraussetzungen angetan. Die dritte Liga soll für das aus dem VfB Obertürkheim hervorgegangene Frauenteam nur Durchgangsstation sein. Langfristig ist die Bundesliga das Ziel.

Anpassungsschwierigkeiten sind bei Islacker ebenfalls nicht zu erwarten. In den vergangenen Monaten hat sie schließlich ganz andere Erfahrungen gemacht: bei Viktoria Köln in der Kreisliga, ganz unten. Das kam so: Schon in ihrer Zeit als Profi beim 1. FC Köln ging sie 20 Stunden pro Woche in einer Anwaltskanzlei arbeiten. Als im Sommer das Angebot kam, in Vollzeit einzusteigen, beschloss Islacker, ihre Profikarriere an den Nagel zu hängen. Ganz vom Fußball lassen wollte die Jüngste einer Fußballerfamilie – Großvater Franz wurde 1955 mit Rot-Weiss Essen deutscher Meister, Vater Frank spielte mit dem VfL Bochum in der Bundesliga – aber nicht.

Als Stadtrivale Viktoria, der mit seinem neu gegründeten Frauenteam in der untersten Liga an den Start ging, anfragte, war Islacker gleich dabei. Ein bisschen Feierabendfußball, ein bisschen Markenbotschafterin. Am Ende war sie in der Kreisliga aber maximal unterfordert. In zwölf Spielen gelangen ihr 58 Tore, allein beim 23:0 gegen den SC Hitdorf traf sie zwölfmal. So manche Gegnerin beklagte Wettbewerbsverzerrung. „Spaß gemacht hat’s trotzdem“, sagt Islacker. Mit einem Lächeln fügt sie hinzu: „Es gab auch Gegenspielerinnen, die gesagt haben: War cool, gegen dich zu spielen, und hinterher sogar ein Foto wollten.“

Nach einem halben Jahr meldete sich schließlich der VfB Stuttgart. In Person von Sascha Glass, einem alten Bekannten vom FC Köln. Wieder musste Islacker nicht lange überlegen – und sagte Köln Tschö. „So ein größerer Traditionsverein ist halt noch mal was anderes. Außerdem ist es schön zu sehen, wie hier alle hinter dem Projekt stehen“, sagt der routinierte Winterzugang. Im kommenden halben Jahr – so lange läuft ihr Vertrag – will Islacker vor allem die Jüngeren im Team an die Hand nehmen und mit ihrer „Erfahrung helfen“, wie es so schön heißt. Da der VfB ihr die Vereinbarkeit mit ihrem zweiten Standbein – der Fortbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten – ermöglichte, musste sie nicht zweimal überlegen. Die ICE-Verbindung zwischen der Domstadt und Stuttgart ist bekanntlich gut.

Nun muss es nur noch mit dem Aufstieg klappen. Dann kann sich Mandy Islacker sogar vorstellen, ihr Stuttgart-Engagement noch auszuweiten. Auf dem Weg von ganz oben nach ganz unten und zurück muss in der dritten Liga nicht Endstation sein.

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Erstellt:
5. März 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
6. März 2024, 21:49 Uhr

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