Von Influenzaviren kaum eine Spur

Die sonst zu dieser Jahreszeit übliche Grippewelle bleibt bislang aus. Auch Klagen über Magen-Darm-Beschwerden durch virale Infekte wurden bislang kaum verzeichnet. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronapandemie sowie die Impfungen im vergangenen Jahr zeigen hier Wirkung, wie Fachleute erklären.

Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln wirken sich auch auf die Verbreitung von Influenzaviren aus. Foto: A. Hermsdorf/pixelio.de

Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln wirken sich auch auf die Verbreitung von Influenzaviren aus. Foto: A. Hermsdorf/pixelio.de

Von Bernhard Romanowski

BACKNANG. In der Kalenderwoche 40 geht es für gewöhnlich los: Es beginnt mit einem Niesen hier, es folgt ein Schnäuzen da, und in den Wochen darauf steigert sich das Ganze zu einer viralen Kakofonie, die allenfalls die Hersteller von Papiertaschentüchern erfreuen dürfte. Mittlerweile befinden wir uns sogar schon in der sechsten Kalenderwoche des neuen Jahres, doch von den sonst um diese Jahreszeit grassierenden Landplagen ist noch kaum etwas zu bemerken. Täuscht das, oder sind angesichts der Coronapandemie, die weiterhin die Schlagzeilen bestimmt, Phänomene wie Grippe und Magen-Darm-Infekte kein Thema mehr? Wir haben uns dazu bei den Experten umgehört.

„Es sind deutlich weniger Fälle an bronchopulmonalen wie auch an Magen-Darm-Infekten zu verzeichnen“, bestätigt Jens Steinat. Er arbeitet als Allgemeinmediziner in Oppenweiler, ist aber auch stellvertretender Vorsitzender der Ärzteschaft Backnang sowie Pandemiebeauftragter der Kreisärzteschaften Rems-Murr und schätzt, dass es in diesem Jahr 75 Prozent weniger Fälle sind, um die sich die Ärzte kümmern müssen. Ansonsten weise das erste Quartal eines Jahres nämlich immer das höchste Patientenaufkommen auf, so Steinat. Vergangenes Jahr sei es zusätzlich zu Corona sehr hoch gewesen. Mittlerweile sei die zweite Coronawelle aber eben gebrochen und es gebe weniger Covid-19-Fälle.

Jens Steinat Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Jens Steinat Foto: A. Becher

Gegen Grippe haben sich 20 bis 25 Prozent mehr Menschen impfen lassen als ein Jahr zuvor, so Steinats Einschätzung. Dennoch sieht er als Hauptgrund für die ausgebliebene Grippewelle die Maßnahmen gegen das Coronavirus. „Die Grippeimpfungen wirken sich auf das Infektionsgeschehen kaum aus.“ Er persönlich ist freilich froh, dass es so ist. Die Phase zum Ende des Jahres 2020 sei für ihn und seine Kollegen sehr anstrengend und belastend gewesen. „Das Tagesgeschäft ist zurzeit etwas ruhiger. Das lässt Zeit zum Durchatmen“, berichtet er. Das sei doppelt gut, denn er ist der Meinung, dass sich die Coronapandemie noch einmal deutlich verschärfen wird. Dazu reiche ein Blick ins Ausland, etwa nach Tschechien, wo anscheinend eine Mutante des Coronavirus aufgetreten ist, die noch ansteckender und aggressiver im Krankheitsverlauf sein soll. Auch sei man hier und da eine Weile nachlässiger gewesen im Umgang mit der Pandemie, zudem wisse man noch nicht, ob die Impfstoffe, die in Umlauf sind, gegen die neuen Virenformen helfen. Demnach ist der Oppenweiler Mediziner sich sicher: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich eine weitere Welle aufbaut.“ Er würde es sich nicht zuletzt als Familienvater sicher gerne anders wünschen, aber das seien eben die Fakten. Nun brauche es mehr Impfstoff, um die Bevölkerung durchzuimpfen und eine Herdenimmunität aufzubauen. Auf flankierende Maßnahmen wie Abstandhalten und Hygienekonzepte werde man aber nicht verzichten können, so Steinat mit Bestimmtheit im Ton. Zumal dann nicht, wenn man bestimmte wirtschaftliche Bereiche und auch die Schulen wieder öffnen wolle. Er selbst ist noch skeptisch, dass das klappen wird. „Es ist noch nicht vorbei.“ Und wie sieht es in den Einrichtungen in Winnenden und Schorndorf mit Fällen der „normalen“ Grippe aus?

Bislang gibt es keine Nachweise von Influenza in den Rems-Murr-Kliniken.

„Dieser Trend spiegelt sich auch in den Zahlen der Rems-Murr-Kliniken wider: Während im Januar 2020 bei 27 Patienten Influenzaviren nachgewiesen wurden, gab es im Januar 2021 keine Influenzanachweise bei Patienten“, erläutert Monique Michaelis von der Pressestelle der beiden Häuser. Ob die hohe Impfrate oder die Regeln zu Abstandhalten, Hygiene und Maskentragen sowie die Kontaktbeschränkungen ausschlaggebend für die niedrigen Fallzahlen sind, könne man auch seitens der Rems-Murr-Kliniken aktuell nur vermuten. „Wir bieten unseren Mitarbeiterinnen alljährlich die Grippeschutzimpfung kostenlos an und sensibilisieren entsprechend. Aufgrund der hohen Nachfrage haben wir in der Saison 2020/2021 unsere Impfstoffbestellung nahezu vervierfacht“, so Michaelis abschließend. Auch beim Gesundheitsamt haben wir nachgefragt. „In der Phase vom 1. Oktober 2019 bis 15. Februar 2020 wurden für das Kreisgebiet 404 meldepflichtige Influenzafälle verzeichnet. Von Oktober 2020 bis Mitte Februar dieses Jahres waren es indessen nur zwei“, wie die Pressestelle des Kreises mitteilt. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza am Robert-Koch-Institut, die Meldungen von Haus- und Kinderarztpraxen auswertet, berichtet, dass im ambulanten Bereich in der fünften Kalenderwoche 2021 insgesamt weiterhin weniger Arztbesuche im Vergleich zur Vorwoche wegen ARE (Atemwegserkrankungen mit und ohne Fieber) registriert wurden. Die Werte befinden sich demnach derzeit deutlich unter den Vorjahreswerten um diese Zeit. Im Nationalen Referenzzentrum für Influenzaviren wurden in den eingesandten Proben hauptsächlich Rhinoviren (neun Prozent) und Sars-CoV-2 (sechs Prozent) nachgewiesen. Influenzaviren wurden nicht nachgewiesen. Die Coronapandemie habe dazu geführt, dass sich in diesem Winter wesentlich mehr Menschen gegen Grippe haben impfen lassen als sonst. Auch dank der Coronamaßnahmen gab es deshalb diesmal keine Grippewelle, so die Einschätzung der Arbeitsgemeinschaft.

Die „normale“ Grippe

Als Influenza oder „echte“ Grippe wird eine akute Infektion mit einem Influenzavirus bezeichnet, bei der es zu schweren, auch lebensbedrohlichen Komplikationen kommen kann. Sie unterscheidet sich wesentlich von den gängigen Erkältungen (grippalen Infekten), die durch andere Viren hervorgerufen werden können und in der Regel nicht lebensbedrohlich werden.

Charakteristisch für die Grippe ist ein plötzlicher Krankheitsbeginn mit Fieber, Halsschmerzen, trockenem Husten und Kopf-, Muskel- und/oder Gliederschmerzen. Es kann zu Komplikationen kommen, beispielsweise zu einer Lungenentzündung.

Besonders von Komplikationen betroffen sind ältere Menschen und Personen, deren Abwehrsystem geschwächt ist, die an Vorerkrankungen leiden oder bei denen andere Risikofaktoren für den schweren Verlauf von Infektionskrankheiten vorliegen.

Die Grippe wird von Mensch zu Mensch übertragen und ist sehr ansteckend. Wenn Erkrankte niesen, husten oder sprechen, gelangen kleine Tröpfchen, in denen das Virus enthalten ist, in die Luft. Menschen, die sich in der Nähe aufhalten, können diese Tröpfchen einatmen und sich dadurch anstecken. Die Ansteckung kann auch über die Hände erfolgen, wenn die Hände zum Beispiel beim Husten oder Naseputzen mit virushaltigen Flüssigkeiten (zum Beispiel Nasenflüssigkeit) in Kontakt gekommen sind.

Werden anschließend andere Menschen oder Gegenstände (zum Beispiel Türklinken) berührt, können die Viren übertragen werden. Gesunde Personen, die mit den Händen mit den Viren in Kontakt kommen und danach Mund, Nase oder Augen berühren, können sich anstecken. Zur Vermeidung von Grippeinfektionen ist daher besonders auf eine ausreichende Händehygiene zu achten.

Grippeerkrankungen treten hauptsächlich während der Wintermonate auf. Die Grippesaison beginnt mit der 40. Kalenderwoche eines Jahres und endet zwischen der 15. und 20. Kalenderwoche des folgenden Jahres. In der Regel treten die meisten Erkrankungen im ersten Quartal des neuen Jahres auf.

Es kommt dann zu einem sprunghaften Anstieg an Erkrankungsfällen, der sogenannten Grippewelle. Das Robert-KochInstitut (RKI) wertet verschiedene Daten zu Grippeerkrankungsfällen aus und gibt bekannt, wann die Grippewelle begonnen hat und endet. (Quelle: Robert-Koch-Institut)

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Erstellt:
19. Februar 2021, 06:00 Uhr

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