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Von Nähkursen zu Fahrrädern

215. Altstadtstammtisch: Hans-Jörg Gerste referiert über die Backnanger Firma Fahrrad Hahn

Eine schöne Sache der Altstadtstammtische im Backnanger Helferhaus ist, dass immer wieder wenig bekannte oder vergessene Dinge ausgegraben werden. Nun ging es um eine spannende Firmengeschichte. Hans-Jörg Gerste hatte über die Firma Fahrrad Hahn recherchiert und konnte seine Erkenntnisse in einem interessanten Vortrag vorstellen.

Gottlob Krumm, der sich als „genialer Vertreter und Verkäufer“ erwies, wurde ein wichtiger Mitarbeiter des Unternehmens. Er war für Hahn viel auf Reisen.Foto: privat

Gottlob Krumm, der sich als „genialer Vertreter und Verkäufer“ erwies, wurde ein wichtiger Mitarbeiter des Unternehmens. Er war für Hahn viel auf Reisen.Foto: privat

Von Klaus J. Loderer

BACKNANG. Hans-Jörg Gerste räumte gleich mit einigen Mythen der Firmengeschichte auf. Unklar war bisher schon die Gründung. Da schwirrte das ominöse Datum 1869 herum. Damals erschien eine Anzeige für ein Velociped von E. Hahn. Doch hat dieser E. Hahn wohl nichts zu tun mit der späteren Firma Christian Hahn in Backnang. Dieser gab in den Anzeigen im Murrtalboten als Gründungsjahr gerne 1888 an. Doch auch dieses Datum stimmt nicht. Wie Gerste herausfand, eröffnete Hahn sein Geschäft nämlich schon 1887 im von ihm erworbenen Haus bei der Aspacher Brücke. Christian Hahn stammte aus Untersielmingen auf den Fildern und lebte einige Zeit in Mittelschöntal, bevor er nach Backnang zog. Er scheint einer dieser schwäbischen Tüftler gewesen zu sein, gleich drei Reichspatente ließ er eintragen, darunter für eine Wring- und eine Nähmaschine. Nähmaschinen und Haushaltsgeräte gehörten zu den Dingen, die es bei Hahn gab. Für 1890 entdeckte Gerste die erste Fahrradwerbung. Ein Sicherheitsfahrrad und ein Kinderfahrrad bot Hahn an.

Doch schon 1893 scheint er die Fahrräder wieder aufgegeben zu haben und bot sie mit großem Rabatt an. 1897 brannte die benachbarte Kronenscheune ab, was auch zur Zerstörung seines Hauses führte. Hahn zog in die Nähe des Rathauses. Von Fahrrädern war erst einmal nicht die Rede, eher von Näh- und Waschmaschinen. Besonders mit dem Einstieg des Sohns Emil Hahn wurden Fahrräder dann aber zu einem wichtigen Thema in der Firma. Er hatte seine Ausbildung in Bielefeld genossen, damals ein wichtiger Standort der Fahrradherstellung. 1908 verkaufte man schon 74 Fahrräder, darunter waren edle Marken wie NSU, Wanderer und Mars. Mit den Firmen Teufel und Schiff hatte Hahn in Backnang aber auch eine starke Konkurrenz an Fachhändlern. Emil Hahn baute die Firma immer weiter aus. Mit dem Erwerb eines Autos für 3000 Mark bot er dann sogar eine Autovermietung an. Filialen in Gaildorf und Welzheim wurden eröffnet. Ab 1919 firmierte die Firma dann als Emil Hahn. Den Einzelhandel gab Hahn aber schon 1924 auf und konzentrierte sich auf den Großhandel mit Fahrrädern. Ein wichtiger Mitarbeiter wurde 1923 Gottlob Krumm, mit Gerstes Worten „ein genialer Vertreter und Verkäufer“.

Dass Gerste über die Zeit Emil Hahns viele Details aufspüren konnte, liegt auch daran, dass sich dessen Notizbücher erhalten haben, in denen er von den Ein- und Verkäufen über die Geburtstagsgeschenke für die Mitarbeiter bis zu den Umsatzzahlen alle möglichen Daten sammelte, die heute einen detaillierten Einblick in sein Geschäftsleben ermöglichen. So verkaufte er 1928 sogar 316 Mercedes-Fahrräder. Hahn stieg immer weiter in die Fahrradbranche ein und ließ nun auch Fahrräder bauen. Dazu kaufte er nacheinander verschiedene Markennamen auf, 1928 Diavolo, 1930 Puma, 1930 Dabera und 1933 Terra, unter denen er nun seine Fahrräder anbot. 1931 gründete er in Stuttgart die Württembergische Fahrradgesellschaft. So konfektionierte er unterschiedliche Fahrräder. Dazu kamen noch weitere Marken, die er als Großhändler führte. 1937 entstanden etwa 6000 Fahrräder. Zum 50-jährigen Jubiläum der Firma ließ er 1938 erstmals ein eigenes Hahn-Fahrrad bauen. Damals hatte die Firma etwa 60 Mitarbeiter, darunter viele Frauen. Der Zweite Weltkrieg sorgte für einen Einbruch des Gewinns. Die Werkstatt in Stuttgart wurde 1944 gar ausgebombt. 1946 trat Willi Haag in die Firma ein, der später Hahns Tochter Alice heiratete. 1947 verkaufte Hahn gerade einmal elf Fahrräder. Doch stieg die Zahl ab 1948 mit 2356 Fahrrädern bis 1951 auf 24000 Fahrräder. 1960 eröffnete die Firma den Neubau in der Eduard-Breuninger-Straße. Damals als erster Schritt der Altstadtsanierung gefeiert, wurde das Gebäude übrigens kürzlich abgerissen. 1967 zog man in den größeren Neubau in der Stuttgarter Straße im Süden der Stadt. 1996 entstand schließlich das letzte Hahn-Fahrrad. Im Publikum des Vortrags saßen neben mehreren Sammlern historischer Fahrräder auch einige ehemalige Mitarbeiter, die noch einige Details erzählen konnten. Hans-Jörg Gerste hat aber auch für an der Backnanger Geschichte Interessierte einen spannenden Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte geliefert. Für das Jahr 2020 plant er eine Ausstellung zur Firma Fahrrad Hahn in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Backnang. Da inzwischen eine richtige Sammlung von Hahn-Fahrrädern entstanden ist, fände Gerste auch eine dauerhafte Präsentation dieses wichtigen Backnanger Produkts wünschenswert.

Referent Hans-Jörg Gerste mit einem Fahrrad der Firma Hahn. Foto: privat

Referent Hans-Jörg Gerste mit einem Fahrrad der Firma Hahn. Foto: privat

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Erstellt:
22. Mai 2019, 11:30 Uhr

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