Evolution des aufrechten Gangs

Vormensch lief schon vor sieben Millionen Jahren aufrecht

Von unseren frühen Verwandten sind nicht viele Knochen erhalten. Auch daher ist es schwierig, festzustellen, ab wann sie aufrecht liefen. Nun bringt eine Studie weitere Erkenntnisse.

Rekonstruktion des Schädels eines Sahelanthropus tchadensis.

© Imago/alimdi

Rekonstruktion des Schädels eines Sahelanthropus tchadensis.

Von Markus Brauer/dpa

Bereits vor sieben Millionen Jahren bewegten sich frühe Verwandte der Menschen auf zwei Beinen. Ein US-Forscherteam kommt aufgrund von neuen Knochenanalysen zu dem Schluss, dass der Vormensch Sahelanthropus tchadensis dazu in der Lage war und bekräftigt damit frühere Erkenntnisse.

Sahelanthropus tchadensis gilt gemeinhin als frühester bekannter Hominine. Er lebte den Studienangaben zufolge vor 6,7 bis 7,2 Millionen Jahren. Bereits nach dem Fund eines Schädelknochens und von Zähnen in der Djurab-Wüste im nördlichen Tschad 2001 schlossen Forscher aus der Stelle, an der die Wirbelsäule im Schädel verankert ist, dass sich dieser Vormensch auf zwei Beinen fortbewegte. Zu den Homininen zählen die Forscher den Menschen und seine ausgestorbenen Verwandten.

Frühere Studie war infrage gestellt worden

2022 präsentierten Wissenschaftler aus Frankreich und dem Tschad dann Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Nature“ auf Basis der Untersuchung zweier Unterarm- und eines Oberschenkelknochens. Die Beschaffenheit des Oberschenkelknochens weise darauf hin, dass sich der Vormensch üblicherweise auf zwei Beinen am Boden bewegte, aber auch in Bäumen unterwegs war.

Diese Interpretation wurde jedoch infrage gestellt, da die Beinknochen des Vormenschen jenen von Schimpansen ähnelten, wie das Forscherteam um Scott A. Williams von der New York University in der neuen Studie erläuterte. Es prüfte daher diese Knochen erneut.

Evolution des aufrechten Gangs war ein Prozess

„Unsere Untersuchungen zeigen, dass die beiden Gliedmaßenknochen zwar in Größe und geometrischer Form am ehesten denen von Schimpansen (Gattung Pan) ähneln, ihr relatives Verhältnis jedoch eher dem von Homininen entspricht“, heißt es in der neuen Studie, nun veröffentlicht in der Zeitschrift „Science Advances“.

#New analysis of Sahelanthropus tchadensis fossils uncovers anatomical features linked to upright walking, indicating bipedalism emerged in human ancestors seven million years ago. @ScienceAdvanceshttps://t.co/LSFuSDgKZdhttps://t.co/GFRHtj03Ht — Phys.org (@physorg_com) January 2, 2026

S. tchadensis besaß im Verhältnis zu seinem Unterarmknochen einen relativ langen Oberschenkelknochen, wie die Universität erläutert – ein Hinweis auf aufrechten Gang. Außerdem fanden die Wissenschaftler unter anderem einen Höcker am Oberschenkelknochen – „ein Merkmal, das nur bei zweibeinigen Homininen vorkommt“.

Evolution des aufrechten Gangs als Prozess

Das Team um Williams schließt daraus: „Zusammengenommen deuten diese Merkmale auf eine homininenähnliche Hüft- und Kniefunktion bei S. tchadensis hin. Sie könnten einige der frühesten Anpassungen an den aufrechten Gang in der Homininenlinie darstellen.“

Allerdings betonen die Forscher auch: „Wir betrachten die Evolution des aufrechten Gangs als einen Prozess“, der sich nicht plötzlich einstellte, sondern im Laufe der Evolution zunehmend stattfand.

Der Vormensch Sahelanthropus könnte in diesem Prozess gewohnheitsmäßig, aber nicht dominant einen aufrechten Gang gehabt haben. In den Bäumen nutzte er wahrscheinlich auch die Fortbewegung auf allen Vieren oder hangelte sich mit den Vorderbeinen entlang, was beim heutigen Menschen die Hände sind.

Ob er ein Vorfahr in der direkten Linie zum Menschen war oder ein Verwandter, der zu einem Seitenzweig gehörte, sei noch unklar.

Wie die Evolution des aufrechten Gangs ablief

Wie die evolutive Prozess ablief, haben andere Forscher herausgefunden. Demnach spielte das Becken eine Schlüsselrolle in der Evolution des aufrechten Gangs des Menschen. Über Millionen von Jahren hat sich seine Anatomie radikal verändert und letztlich zum Gang auf zwei Beinen geführt.

Eine Studie unter Leitung von Wissenschaftler der Harvard University und des Museums für Naturkunde Berlin hat die Schritte entschlüsseln können, die das menschliche Becken im Laufe von Millionen von Jahren so veränderten, dass zweibeiniges Gehen möglich wurde. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht.

Das Becken bei der Gattung Homo

Während unsere nächsten Verwandten, Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas, ein hohes, schmales Becken besitzen, das perfekt zum Klettern geeignet ist, hat der Mensch ein schüsselförmiges Becken.

Es bietet Ansatzstellen für die Muskeln, die es Menschen erlauben, beim Gehen und Laufen auf zwei Beinen das Gewicht gleichmäßig von einem Bein aufs andere zu verlagern und das Gleichgewicht zu halten.

Evolution in zwei Schritten

Die Studie zeigt nun, dass die Veränderungen in der Anatomie des Beckens maßgeblich in zwei Schritten erfolgten:

Zum einen durch die Rotation einer Wachstumsfuge um 90 Grad, die dazu führte, dass das menschliche Illium (Darmbein, ein Knochen des Beckens) eine breite, statt eine hohe Form hat.

Anschließend kam es in einem zweiten Schritt zu einer Veränderung in der zeitlichen Abfolge der Knochenformation während der Embryonalentwicklung, bei der die vollständige Verknöcherung des Beckens um ganze 16 Wochen verzögert wurde. Dies führte dazu, dass die Form des Beckens im Wachstum beibehalten werden konnte und die finale Geometrie fundamental verändert wurde.

Embryonalen Gewebeproben von Primaten untersucht

Die Studie identifiziert nicht nur über 300 Gene, die diese Veränderungen auf molekularer Ebene steuern, sondern analysiert sie auch im Kontext menschlicher Gendefekte, die die Beckenform beeinflussen.

Außerdem spielt die Analyse von mehr als 120 embryonalen Gewebeproben von Menschen und anderen Primatenarten – darunter auch wertvolles historisches Material von pränatalen Schimpansen aus der embryologischen Sammlung des Museums für Naturkunde Berlin eine Schlüsselrolle für die Studie, die mit histologischen und bildgebenden Verfahren untersucht wurden. Mit Hilfe von CT-Scans konnten die Forscher diese historischen Proben neu auswerten und in die Studie integrieren.

„Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie wertvoll naturkundliche Sammlungen sind und wie selbst historisches Material neue Antworten auf grundlegende Fragen zur Evolution liefern können“, betont Vivien Bothe, Wissenschaftlerin am Museum für Naturkunde und Mitautorin der Studie.

Veränderungen begannen bereits vor 8 Millionen Jahren

Die Ergebnisse legen nahe, dass der erste Schritt – die Rotation der Wachstumsfuge im Becken – bereits vor fünf bis acht Millionen Jahren stattfand, zu der Zeit, als sich die menschliche Linie von den der Linie der afrikanischen Menschenaffen abspaltete.

Mit der folgenden evolutiven Zunahme der Gehirngröße in der menschlichen Linie kam dann noch ein weiterer wichtiger Faktor hinzu und machte einen evolutiven Kompromiss notwendig: zwischen einem schmalen Becken geeignet für effizientes Laufen und einem breiten Becken für die Geburt von großköpfigem Nachwuchs.

Die Studie legt nahe, dass die zweite Veränderung, die Verzögerung der Verknöcherung des Beckens, in den letzten zwei Millionen Jahren der menschlichen Evolution auftrat.

„Unsere Arbeit integriert genetische, entwicklungsbiologische und paläontologische Ansätze und erzählt so eine umfassende Geschichte, wie der Mensch zum Zweibeiner wurde“, erklärt die Hauptautorin Gayani Senevirathne von der Harvard University.

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Erstellt:
4. Januar 2026, 12:32 Uhr

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