Wandel statt Subventionen

Die Chemieindustrie in Deutschland steht vor großen Problemen. Ein Blick nach China könnte helfen.

Von Tobias Heimbach

Berlin - Deutschland hat in der Geschichte der Chemieindustrie große Spuren hinterlassen. Bis heute wird Ammoniak, einer der wichtigsten Grundstoffe der Chemie, nach dem Haber-Bosch-Verfahren hergestellt. Entwickelt vor mehr als 100 Jahren von den deutschen Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch.

Die deutsche Chemieindustrie ist verbunden mit Namen wie BASF, Bayer und Wacker, mit Städten wie Ludwigshafen oder Leuna. Dort ist die Chemie nicht nur Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber, sondern auch Stifter von Identität. Doch die Chemieindustrie in diesem Land steht vor einer ungewissen Zukunft.

Besonders die hohen Energiepreise machen der Industrie zu schaffen. Aus Russland kommt seit 2022 kein günstiges Pipelinegas mehr. Im Vergleich zu China oder den USA kostet Energie in Deutschland das Dreifache. Das setzt besonders die Unternehmen unter Druck, die im globalen Wettbewerb stehen. In den vergangenen Wochen hat sich diese Lage verschärft. Gerade die Chemieindustrie ist auf Erdgas angewiesen. Man braucht es als Energieträger, um Prozesswärme bereitzustellen, aber auch als Rohstoff etwa für die Düngerproduktion.

Nach der Energiekrise zu Beginn des Ukraine-Kriegs ist die aktuelle durch den Iran-Krieg bereits die zweite innerhalb von vier Jahren. Das stellt den Chemiestandort Deutschland grundsätzlich infrage. Denn der Energiehunger der Branche ist gigantisch. 13 Prozent des gesamten Erdgases in Deutschland und zehn Prozent des Stroms nutzt allein die Chemieindustrie. Um das ins Verhältnis zu setzen: Die Herstellung von chemischen Erzeugnissen verbraucht fünf Mal mehr Energie als der gesamte Maschinenbau und die Autobranche zusammen.

Das zeigt sich auch am Haber-Bosch-Verfahren zur Herstellung von Ammoniak. Es ist technologisch relativ einfach zu beherrschen. Im Vorteil ist, wer über günstige Energie verfügt. Deutschland jedoch war immer ein Land mit hohen Energiekosten, und wird es bleiben. Die Bundesregierung versucht zwar, mit einem Industriestrompreis die Kosten herunterzusubventionieren. Das wird die Chemiebranche aber auch nicht retten. Der Industriestrompreis wird nur für drei Jahre gelten, länger erlaubt es die EU-Kommission nicht.

In anderen Wirtschaftszweigen würde man sagen, man spezialisiert sich auf andere Geschäftsbereiche. Günstig herzustellende Massenprodukte überlässt man anderen Ländern. So einfach ist es in der Chemie nicht. Nimmt man hier einen Baustein heraus, fällt womöglich mehr zusammen. Deutschland ist ein Vorreiter bei den sogenannten Verbundstandorten. Auf großen Chemiearealen haben sich über Jahrzehnte eigene wirtschaftliche Öko-Systeme ausgebildet. Dort sind Dutzende Firmen angesiedelt, die voneinander profitieren.

Dass Wandel möglich ist, beweist die deutsche Chemieindustrie selbst, etwa in China. Während BASF in Deutschland über die hohen Energiekosten klagt, wird das neue Werk in Zhanjiang zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben. Das ist klimafreundlich und sogar günstiger als fossiler Strom. Deswegen muss auch der Ausbau der Erneuerbaren weitergehen.

Auch steckt viel Kraft in der Branche. Die Unternehmen investieren viel in die Forschung, sind etwa Vorreiter bei grüner Technologie. Entscheidend ist aber, dass Veränderungen auch abseits der Energiepreise notwendig sind. Die Chemie leidet genauso unter Bürokratie, Fachkräftemangel und hohen Sozialabgaben wie alle anderen Industrien. Wenn die Politik hier bedacht reformiert, dann hat die Chemieindustrie in Deutschland nicht nur eine große Vergangenheit. Sondern auch eine Zukunft.

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Erstellt:
21. April 2026, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
21. April 2026, 23:59 Uhr

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