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Wanderheim Eschelhof unter neuer Ägide

Ehepaar Weller mit seinen fünf Töchtern übernimmt Hausmeisterdienste – Eschelhof-Verein freut sich über stärkeren Zuspruch

Auf dem prägnanten Fachwerkanwesen neben dem Jakobspilgerweg, idyllisch versteckt im Wald zwischen Sulzbach und Oppenweiler, ist seit März neues Leben eingekehrt: Das Ehepaar Bettina und Johannes Weller aus Sulzbach mit seinen fünf Töchtern im Alter zwischen einem und neun Jahren versieht dort jetzt die Hausmeisterdienste für das geschichtsträchtige Wanderheim des Schwäbischen Albvereins.

Vor dem Frieder-Ellwanger-Haus: Die neuen Gesichter auf dem Eschelhof bei Sulzbach an der Murr – die Eheleute Bettina und Johannes Weller mit ihrer Kleinsten Linda in der Mitte und ihren vier weiteren Töchtern (hinten von links) Emma, Emiliy, Laura und Leonie. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Vor dem Frieder-Ellwanger-Haus: Die neuen Gesichter auf dem Eschelhof bei Sulzbach an der Murr – die Eheleute Bettina und Johannes Weller mit ihrer Kleinsten Linda in der Mitte und ihren vier weiteren Töchtern (hinten von links) Emma, Emiliy, Laura und Leonie. Foto: J. Fiedler

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Für die Familie, die bis dato in einer Etagenwohnung im zweiten Stock direkt an einer Straße gewohnt hatte, ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen. Endlich können die Kinder unbeschwert Tretschlepper und Bobbycar fahren, toben und spielen. Auch den Eltern hatte ohne Garten „immer etwas gefehlt“. Jetzt werkelt Bauernsohn Johannes Weller, der hauptberuflich als Industriemechaniker arbeitet, nach der Frühschicht in Hof und Garten, baut neue Gartenzäune, mäht Rasen, stellt Spielgeräte auf. Die Kinder immer im Schlepptau. Am liebsten sitzen die Mädchen bei Papa auf dem Rasentraktor. Seine Frau kümmert sich um die Bestellungen und Einkäufe für die Bewirtung am Wochenende und die geschlossenen Gesellschaften in Scheune und Kaminzimmer. Hält Häuser und Hof sauber. Dafür bekommen beide ein Honorar beziehungsweise Lohn, im Gegenzug bezahlen sie regulär Miete für die oberen Stock-werke des ehemaligen Forsthauses, die sie bewohnen.

Die Belegung der Räume und 50 Betten sowie die Bewirtung am Samstag, an Sonn- und Feiertagen managt der Schwäbische Albverein mit seinen diversen Ortsgruppen, namentlich der bei der Übernahme des Anwesens eigens gegründete Eschelhof-Verein. Zuletzt war es schwierig gewesen, genügend Helfer zu finden. Mit den neuen Bewohnern aber kam auch neuer Wind in die alten Gemäuer: „Für nächstes Jahr sind alle Termine belegt“, freut sich Vereinsvorstand Günter Ostertag und möchte an dieser Stelle allen Helfern für ihren Einsatz herzlich danken. Darunter seien längst nicht mehr nur Wanderfreunde, auch die Feuerwehr und eine Bikergruppe zum Beispiel nutzten inzwischen die gesellige Möglichkeit, gegen freie Kost und Logis sowie einen kleinen Obolus gemeinsam Schnitzel, Maultaschen und Hausma-cher-Wurstteller zu verkaufen. In dieser stimmungsvollen „Oase zwischen Wald und Wiesen“.

Vor rund 600 Jahren wurde hier der Wald gerodet und zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben. 1509 wird der Weiler erstmals im Lagerbuch von Sulzbach genannt. Die heutigen stattlichen Bauernhäuser wurden zwischen 1760 und 1780 gebaut. Damals hatten die rund 25 Bewohner auch einige Fischteiche und sogar Weinberge hier oben. In der Kälteperiode nach 1816 mussten die Bauern mangels Ertrag an die Württemberger verkaufen, die Gebäude wurden als Forsthaus beziehungsweise Schulhaus für Ittenberg, Eschelhof und Siebenknie genutzt. Seit 1975 pachtet der Schwäbische Albverein die verbliebenen Gebäude.

Etwas kurzatmig ob des fast fertigen Kindes unter ihrem Herzen – diesmal soll’s tatsächlich ein Junge werden – sprüht Betty Weller gleichwohl vor Ideen: Den Gemüsegarten möchte sie wieder aktivieren, mit Salat und Kartoffeln haben sie schon mal angefangen, einen kleinen Weihnachtsmarkt veranstalten, Wintergrillen im Januar. Wieder Grillhähnchen zum Vatertag und eine Blume für jede Frau zu Muttertag.

Eine feste Schutzhütte statt des kurzlebigen Zeltdachs, mit einer Naturausstellung. Viele Familienfeiern bewirten, vor allem Hochzeiten. „Dadurch kommen dann ja vielleicht die jungen Familien wieder“, ist ihre Hoffnung. An ihnen hat die 31-Jährige ihre besondere Freude: „Wenn die Kleinen hier auf unserem Babyspielplatz toben, geht mir das Herz auf.“ Der ist zwar eigentlich ihr Privateigentum, aber das sehen die Wellers nicht so eng. „Man muss die eher bremsen“, stellt der Vereinsvorstand fest. Die gelernte Bäckerin steht um vier, halb fünf auf. So kann sie in Ruhe ihre Bestellungen aufgeben und die Facebook-Seite für den Eschelhof pflegen, bevor sie um sechs die Kinder weckt. Dann fährt sie die drei großen in Schule und Kindergarten und erledigt gleich Einkäufe, Behördengänge und Ähnliches. Der Tag gehört dem Wanderheim und den Kindern, der Haushalt muss bis abends warten. Aber auch dann wird kein müder Wanderer abgewiesen, solange nur ein freies Bett zur Verfügung steht.

Zum allabendlichen Ritual der Weller-Kinder hat sich der Gang über den Barfußpfad am Rand der Spielwiese entwickelt. Barfuß laufen sie derzeit ohnehin den ganzen Tag und sind dann mit viel Spaß auf dem großen Gelände unterwegs. „Man sieht sie nicht, man hört sie bloß.“ Gerade tasten sich über selbigen, holperigen Pfad auch zahlreiche junge Leute mit verbundenen Augen, ein Sehender dirigiert jeweils: „Jetzt kommt ein Baumstamm, Fuß hoch!“ Die neuen Lehrlinge einer großen Firma aus dem Heilbronner Raum verbringen ihre Kennenlerntage im Schwäbischen Wald. Gemeinsam kochen, Gemeinschaft und Natur erleben.

„Wir haben alles entrümpelt und dann komplett neu eingerichtet“

Besonders erfreut ob des neuerlich regen Zulaufs ist der Vorsitzende des Eschelhof-Vereins, welcher die Bewirtschaftung des Wanderheims organisiert. Denn die vergangenen Jahre war der Betrieb eher defizitär. Günter Ostertag war schon 1975 als junger Mann dabei, als das Anwesen durch den Schwäbischen Albverein übernommen und zum Wanderheim umgebaut wurde. „Wir haben alles entrümpelt und dann komplett neu eingerichtet.“

Stolz zeigt er den gewaltigen Gewölbekeller unter dem Gästehaus, in dem statt Weinfässern heute Kartoffeln und Getränkekisten kühl und dunkel lagern, dann den gemütlichen Gastraum und die professionell ausgestattete Küche im ersten Stock sowie die urigen Schlafräume unter dem Dach. Dann zückt er seinen Meterstab und misst die Matratzen ab: „Die gehören schon länger ersetzt, das ist jetzt endlich möglich.“ Auch die maroden hölzernen Spielgeräte beim Grillplatz sollen bald ausgetauscht werden. „Früher haben wir das ja alles einfach selbst gebaut“, erzählt der Architekt, der seit Jahrzehnten auch beim Technischen Hilfswerk aktiv ist, „aber das muss ja heute alles genormt und Tüv-geprüft sein, wegen der Haftung“.

Mit der quicklebendigen, rührigen, mit Kindern gesegneten Familie Weller ist also nun wahrhaft die Zukunft auf dem Eschelhof eingezogen.

Weitere Informationen gibt es im Netz unter www.eschelhof.de sowie auf Facebook unter dem Stichwort Eschelhof.

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Erstellt:
20. September 2019, 06:00 Uhr

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