Wandern Backnanger Freibadbesucher ab?

2020 wurden die Preise im Backnanger Wonnemar angehoben. Die Besucher sind nach wie vor nicht erfreut über den Anstieg, einige gehen daher in Oppenweiler oder Erbstetten ins Freibad. Dort sind die Eintrittspreise um einiges niedriger. Auch wegen des Wetters bleiben Gäste aus.

Am Kinderbecken im Backnanger Wonnemar: So schön wie an diesem Junitag war das Wetter in dieser Saison noch nicht oft. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Am Kinderbecken im Backnanger Wonnemar: So schön wie an diesem Junitag war das Wetter in dieser Saison noch nicht oft. Foto: T. Sellmaier

Von Melanie Maier

BACKNANG. Gestern Morgen hatte Irmgard Hestler das Mineralfreibad des Backnanger Wonnemars fast für sich. „Anfangs waren wir zu viert im Wasser, später zu zweit – und als ich gegangen bin, war niemand mehr im Schwimmerbecken“, berichtet die 69-jährige ehemalige Lehrerin aus Weissach im Tal, die für die SPD im Gemeinderat der Tälesgemeinde sitzt. Letztes Mal lag es am Wetter, doch richtig voll sei es während dieser Saison so gut wie nie gewesen, sagt Hestler – was für sie als Schwimmerin sehr angenehm ist. Unter der Woche geht sie fast jeden Morgen eine Dreiviertelstunde bis Stunde schwimmen. Immer im Wonnemar, denn das findet sie besonders schön.

Weniger gefallen ihr die Eintrittspreise. Die hat die Firma Interspa, die das Bad im Auftrag der Stadt Backnang betreibt, 2020 um einen Euro erhöht. Sechs statt fünf Euro zahlt ein Erwachsener nun für die Tageskarte, bei Kindern sind es vier statt drei Euro. Grund dafür waren die Mehrausgaben infolge der Coronapandemie – etwa für mehr Personal und Desinfektionsmittel –, der spätere Saisonstart und dass weniger Besucher zeitgleich ins Freibad dürfen. Zu Beginn der Saison hat sogar eine Erhöhung um zwei Euro pro Karte im Raum gestanden, doch diese war nach allgemeiner Aufregung über die neuen „Coronatarife“ und einer erneuten Sitzung des Aufsichtsrats, in dem auch die Stadt als Badeigentümer vertreten ist, doch noch einmal um einen Euro reduziert worden. Dennoch: Im Vergleich zu den anderen Freibädern in der näheren Umgebung (siehe Infokasten) bleiben die Preise happig. Manche ihrer Bekannten würden deshalb nicht mehr ins Wonnemar, sondern nach Erbstetten oder Oppenweiler ins Freibad gehen, sagt Irmgard Hestler. „Aus Protest.“ Ein Paar, das im Sommer jeden Tag zum Baden nach Backnang fuhr, komme nur noch zwei- oder dreimal die Woche. „Das kostet sie mehr als 140 Euro im Monat“, rechnet sie vor. „Mehr können die beiden sich bei ihrer Rente nicht leisten.“

Obwohl auch die Freibäder in Murrhardt, Oppenweiler und Erbstetten unter den Coronaauflagen zu leiden hatten, standen dort keine Preiserhöhungen zur Debatte. „Unser Freibad wurde erst im vergangenen Jahr nach der Sanierung wiedereröffnet“, sagt Burgstettens Bürgermeisterin Irmtraud Wiedersatz. „Wir haben die Preise ganz neu festgelegt.“ Der Eintritt sei sehr günstig. Dass die Besucher nicht nur aus der eigenen Gemeinde, sondern auch aus Backnang und den umliegenden Kommunen kommen, ist auch Wiedersatz schon aufgefallen. „Ob das an den Backnanger Preisen liegt, kann ich aber nicht sagen“, erklärt sie lachend.

Ralf Wallau sagt, in Murrhardt sei es eine bewusste Entscheidung gewesen, die Preise nicht zu erhöhen. „Die Bevölkerung hat im vergangenen Jahr genug unter den vielen Einschränkungen gelitten, da war es nicht in unserem Interesse, sie zusätzlich auch noch zu belangen“, so der Vorstand des Fördervereins des Freibads. Die Hoheit über die Preisentscheidung liege allerdings bei der Stadt, betont er. Dass es in Murrhardt keinen „Coronaaufschlag“ wie andernorts gegeben hat, habe aber noch einen anderen Grund: „Der Mehrwert einer solchen Preiserhöhung ist zu gering“, sagt Wallau. „Ein Freibad ist eigentlich nie wirtschaftlich tragbar, das ist immer ein Verlustgeschäft.“ De facto habe es in der Walterichstadt aber doch eine Preiserhöhung gegeben, räumt er ein: „Zeitweise mussten wir ein Zwei-Schichten-System fahren. Die Preise galten also nicht mehr für den ganzen Tag.“ Das kam in Backnang noch dazu. Dort waren es vorübergehend sogar drei Badeschichten. Inzwischen gibt es keine Zeitfenster mehr, der Eintritt gilt wieder für den gesamten Tag. „Für den gleichen Preis bekommt man viel mehr Leistung“, sagt Backnangs Erster Bürgermeister Siegfried Janocha und verweist auf die Vielschwimmerkarte (siehe Infokasten), „ohne die wäre es für die Leute, die nur eine Stunde reingehen, sehr teuer“.

Irmgard Hestler hat so eine Karte und zahlt damit immerhin nur drei Euro Eintritt. „Das ist für mich erträglich.“ Sie würde es begrüßen, wenn es wieder eine Saisonkarte gäbe, auch wenn die etwas teurer wäre. „Wenn die 100 Euro kosten würde, wäre das für die allermeisten auch kein Problem“, meint sie. Über den Sommer hinweg würde sich das rechnen. Dass es in diesem Jahr keine Saisonkarte gibt, liege daran, „weil die Saison ja viel, viel später losging“, sagt Janocha. Beschwerden über die Preise seien in diesem Jahr aber noch keine bei der Stadt eingegangen. Auch Markus Dechand, seit diesem Jahr Wonnemar-Betriebsleiter, sagt, die Preiserhöhung von 2020 sei „derzeit kein Thema“. Dass die Umsätze hinter den Erwartungen bleiben, erklärt er mit dem schlechten Wetter. Dechand hofft auf einen schönen August und regen Zulauf während der Sommerferien: „Steigt das Thermometer, steigen auch die Besucherzahlen.“

Irmgard Hestler ist da skeptisch. Sie geht zwar auch davon aus, dass bei schönem Wetter wieder mehr Leute ins Wonnemar kommen, kann sich aber auch vorstellen, dass es viele trotzdem in die umliegenden Freibäder zieht. „Ich weiß nicht, ob die Rechnung des Freibadbetreibers aufgeht“, sagt sie. Hestler hätte neben Saisonkarten noch einen anderen Vorschlag. „Die Zeitfenster“, sagt sie, „fand ich gar nicht schlecht. Die Rentner kommen fast immer morgens, die Familien eher nachmittags – eigentlich wollen die wenigsten den ganzen Tag bleiben.“ Günstigere Tickets für jeweils ein Zeitfenster hält sie für einen Ansatz, um den Betrieb anzukurbeln.

Das wird in dieser Saison jedoch kein Thema mehr sein. Wegen der nach wie vor reduzierten Besucherzahlen müsse man weiter mit den jetzigen Preisen kalkulieren, sagt Markus Dechand. „Sollten irgendwann die Coronaregelungen aufgehoben sein, werden wir zusammen mit der Stadt das Thema aufgreifen und neu besprechen.“

Freibäder in der Umgebung: Zeiten und Eintrittspreise

Backnang Das Mineralfreibad des Wonnemars ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt (für den ganzen Tag) kostet sechs Euro für Erwachsene und vier Euro für Kinder. Eine Vielschwimmerkarte (einmalig 40 Euro) reduziert den Eintrittspreis um die Hälfte. Tickets können zurzeit nur vor Ort an der Kasse gekauft werden.

Erbstetten Das Freibad in Erbstetten ist von 10 bis 13 Uhr, von 14 bis 17 Uhr sowie von 17.30 bis 20.30 Uhr zugänglich. Die Jahreskarte kostet 50 Euro für Erwachsene, Kinder und Studierende bezahlen 25 Euro. Die Zehnerkarte kostet 30 respektive 17 Euro, sie ist aufs Folgejahr übertragbar. Tagestickets werden pandemiebedingt nicht angeboten.

Murrhardt In Murrhardt ist das Freibad von 9 bis 20 Uhr, für Frühschwimmer von 8 bis 10 Uhr geöffnet. Tickets müssen vorab online gebucht werden. Sie kosten 3,30 Euro für Erwachsene, 1,50 Euro für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren beziehungsweise 1 Euro für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren. Eine Mitgliedschaft im Förderverein des Freibads inklusive Erwachsenensaisonkarte kostet 70 Euro (30 Euro für Jugendliche, 100 Euro für Familien).

Oppenweiler Der Eintritt ins Mineralfreibad ist nur nach vorheriger Online-Reservierung möglich. Es gibt drei Buchungszeiten: Dienstag und Donnerstag von 6 bis 8 Uhr (Ticket: 1,60 Euro), Montag bis Sonntag von 8.30 bis 13 Uhr und Montag bis Sonntag von 14.30 bis 19 Uhr (Ticket: 3,50 Euro für Erwachsene, 1,60 Euro für Kinder von 6 bis 16 Jahren). Die Abendkarte ab 17.30 Uhr kostet 1,60 Euro.

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Erstellt:
3. August 2021, 06:00 Uhr

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