Wandern mit Extrafitnessprogramm

Harald Zehetner ist Gesundheitswanderführer. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff? Ist Wandern an sich nicht schon gesund? Eine Tour entlang der Murr zeigt, wie das Wandern noch gesünder wird als ohnehin und alle Sinne anspricht.

Fitnessübungen in der Natur sind Teil des Konzepts „Gesundheitswandern“. Foto: R. Zehetner

Fitnessübungen in der Natur sind Teil des Konzepts „Gesundheitswandern“. Foto: R. Zehetner

Von Heidrun Gehrke

Backnang. Wandern an sich ist ja schon gesund. Warum gibt es ein extra „Gesundheitswandern“? Harald Zehetner hört die Frage häufig: „Der Unterschied ist, dass verschiedene Übungen integriert sind“, sagt der Backnanger. Er hat beim Schwäbischen Albverein einen Lehrgang gemacht und führt regelmäßig ins gesunde Wandern ein. Diesen Sommer wurde er vom Deutschen Wanderverband als tausendster Gesundheitswanderführer zertifiziert.

Die Gruppe folgt ihm zur ersten Bewegungseinheit auf eine ruhige, offene Auwiese am Murrufer. Die Teilnehmer stehen im Kreis und machen seine kreisenden Armbewegungen nach. Eine Packung Beweglichkeit für jene Körperteile, die beim Wandern meist am allerwenigsten beansprucht werden – vielleicht mal, um in den Rucksack zu greifen und Vesper oder Trinkflasche herauszukramen.

Die Übung steigert sich im Schwierigkeitsgrad, wie die Bemerkung einer Teilnehmerin zeigt: „Ja, ich merk’s, es zieht schon.“ Beide Arme rudern vorwärts, malen Luftkreise nach vorne und zurück, parallel und versetzt zueinander – wie „Windmühlen“, so der Name der Übung. Die Arme bleiben die ganze Zeit über in der Luft, das soll für einen starken Oberkörper sorgen. Außerdem tut’s gut, einfach mal hinzustehen, das Tempo zu drosseln und die Arme zu spüren. „Auch zur Lockerung für Schreibtischschultern absolut zu empfehlen“, so Harald Zehetner.

Auf seinen Wanderungen wird geschwätzt und geschwiegen. Zehetner lenkt die Aufmerksamkeit zu den Vogelrufen und zum Plätschern der Murr. Ansonsten ist es ruhig und er hat eine Stelle gefunden, an die kein Autogeräusch dringt. Die Sinne sind damit befasst, Stille als akustische Fülle zu erleben. Das alleine erdet schon und fühlt sich sehr gesund an.

Die Übungen wählt Zehetner so aus, dass Dehnen, Bewegen und Kräftigen sich die Waage halten. Mobilisation, Koordination und Kraft werden geschult. Geübt wird in stehender Position – eine Turnmatte müsse niemand mit durch die Natur schleifen. Denn die biete ja ausreichend „Gymnastikgeräte“ an: Wenn vorhanden, improvisiere er mit liegenden Bäumen, Baumstümpfen und Sitzbänken, sagt Zehetner. Mehr als 50 Übungen habe er in petto.

Nach den ersten Übungen ist klar, wohin die Reise geht beim Gesundheitswandern: weg vom rein beinlastigen Gehen, hin zu einer Ganzkörperbetätigung, die auch noch die Sinne anspricht. Wer käme schon beim Wandern auf die Idee, den Schritt zu verlangsamen, um einmal auf einem Bein zu stehen oder die Arme hin und her zu schwingen? „Im Alter merkt man, dass man mehr Bewegung braucht“, sagt Teilnehmer Rüdiger Brand aus Burgstall. Seine Frau Christel sagt, sie sei täglich in Bewegung, am liebsten spazieren gehend draußen. Durch das Gesundheitswandern gingen zudem ihre Gleichgewichtsprobleme zurück.

Irmi hat schon ein paar Gesundheitstouren mit Harald Zehetner gemacht. „Mir bringt es Entspannung“, sagt sie. „Ich kann die Gedanken mal loslassen und einfach die Natur genießen.“ Ihr Mann Klaus sagt, er sei bis vor einigen Jahren noch 100 Kilometer Fahrrad gefahren, ohne mit der Wimper zu zucken. Bewegungsorientiert ein Leben lang, sei im Alter nicht schlagartig Schluss damit. „Man muss einfach das Richtige finden und die Bewegung anpassen an seine Kräfte und Beweglichkeit.“ Statt Ochsentouren mit dem Rennrad zu machen, sehe er durch das Gesundheitswandern vieles, an dem er jahrelang vorbeigerast sei. Auch der Perspektivwechsel, ein neuer Blick auf Altgewohntes, gehöre zum Gesundheitswandern, erklärt Zehetner.

Als Nächstes führt er eine Übung für lockere Schultern vor. „Die ist für alle Bürotäter gedacht, die den ganzen Tag in den PC schauen.“ Erstaunlich, was sich ohne Geräte und Matten alles machen lässt: Sogar Bauchmuskeltraining im „Einbeinstand“ und der „Seiltänzer“ mit geschlossenen Augen sind im wahren Wortsinne aus dem Stand heraus machbar.

Aufgelockert folgt die Gruppe dem schmalen Wiesenpfad. Die Konzentration ist auf jeden Schritt gelenkt, der Alltag weit weg. Zehetner achtet darauf, Strecke und Tempo auf die Gruppenstärke anzupassen. Von der „Couch-Potato“ bis zum sportlichen After-Work-Programm bringt Gesundheitswandern Menschen in Bewegung. Zehetner führt Jugendliche und Rentnergruppen durch den Plattenwald. Immer wieder streut er Pflanzenwissen ein oder erzählt etwas über die Waldvögel, die er im Frühjahr am Gesang und nun an den Rufen und Lauten erkennt.

Nach Koordinationsübungen in einem Fichtenuferwald und einer Trinkpause am Schützenhaus leitet er über zur „Belastungssteuerung bei körperlicher Betätigung“. Heißt: Pulsmessung vor und nach einem steilen Weg in einem zügigen Tempo. Wer Belastungs- und Ruhepuls, Puls- und Herzfrequenz etwas Gutes tun wolle, könne es mal mit „Zähneputzen im Einbeinstand“ probieren. Vieles aus der Waldbegehung lasse sich in den Alltag integrieren. So benötige auch die Atemübung „Ich steige auf einen hohen Berg“ weder Gerätschaften noch Tageslicht.

Zehetner lädt zum gesunden Atmen ganz zum Schluss ein, bei anbrechender Dunkelheit an einem End-August-Tag, an dem wieder einige Neulinge das Gesundheitswandern für sich entdecken. Das Wanderangebot des Schwäbischen Albvereins finde immer mehr Freunde. Wie Karin Kunz von der Hauptgeschäftsstelle sagt, entstehen in vielen Kommunen und Ortsvereinen Angebote für das „niederschwellige Angebot, den inneren Schweinehund zu überwinden“. Das bewusste Erleben der Natur sei gesund für den Körper wie auch indirekt für die Umwelt. Naturerleben und Verständnis für die Zusammenhänge seien „die Voraussetzung, um Klimaschutz, Artenverlust, Erhalt der Gesundheit zu verstehen und selber aktiv zu werden“, so Karin Kunz.

Harald Zehetner lebt seit mehr als 30 Jahren in Backnang, war viele Jahre lang angestellt als Wirtschaftsingenieur im Qualitätsmanagement eines Großkonzerns der Automobilbranche. Als sich dort vergangenes Jahr die Möglichkeit für ein Altersteilzeitmodell ergeben habe, habe sich in ihm der Wunsch nach Veränderung geregt. „Wenn ich nicht mehr Fulltime arbeite, möchte ich in der freien Zeit etwas Schönes machen, das mir Spaß macht.“ Schon immer sei er gern und viel draußen. Wandern sei sein Ding. Egal wo, egal wie weit, Hauptsache, auf den Beinen sein. Das kann er als Gesundheitswanderführer jetzt noch öfter: „Hier kann ich Sachen weitergeben, von denen ich selbst begeistert bin“, sagt er.

„Auch der
Perspektivwechsel, ein neuer Blick auf Altgewohntes, gehört zum Gesundheitswandern.“
Wandern mit Extrafitnessprogramm
Gesundheitswandern für Anfänger und Fortgeschrittene

Ausbildung Voraussetzung für die Weiterbildung zum Gesundheitswanderführer ist die Wanderführerausbildung (Dauer: zehn Tage) oder eine berufliche Ausbildung als Physiotherapeut, Sportwissenschaftler oder Sportarzt. Die Ausbildung zum zertifizierten Gesundheitswanderführer dauert fünf Tage (zweimal 2,5 Tage) und kostet 740 Euro (Ermäßigung für Mitglieder des Schwäbischen Albvereins).

Der nächste Kurs startet im Oktober 2022 in Weil der Stadt. Eventuell gibt es im Schwarzwaldverein einen Kurs im Frühjahr 2022. Mehr Infos unter https://wandern.albverein.net/gesundheitswandern.

Wanderungen Am Tag des Wanderns in Schwäbisch Gmünd (17. September) übernimmt Harald Zehetner zwei Gesundheitswanderungen; eine vormittags um 10, die zweite startet um 17 Uhr als „After Work“. Infos und Anmeldung: www.durchwaldundwiese.de.

Am Samstag, 18. September, kann man an einem etwa zweieinhalbstündigen „Schnupperkurs Gesundheitswandern“ mit der VHS Backnang teilnehmen. Start ist um 14 Uhr am Parkplatz beim Waldspielplatz am Plattenwald.

Eine „6er-Serie Gesundheitswandern“findet vom 23. September an immer donnerstags um 17 Uhr statt (Dauer zwei Stunden). Infos und Anmeldung über die VHS Backnang.

Harald Zehetner bietet auf Wunsch und nach Terminvereinbarung individuelle Führungen und Gesundheitswanderungen für Gruppen und einzelne Personen an. In Weissach im Tal sind im Herbst ebenfalls Gesundheitswanderungen geplant. Infos unter https://www.albverein-weissach.de.

Nutzen Die gesundheitlichen Auswirkungen des Gesundheitswanderns sind zusammengefasst unter www.wanderverband.de/ wandern/gesundheitswandern/wie-wirkt-dwv-gesundheitswandern.

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Erstellt:
8. September 2021, 11:30 Uhr

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