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War die Entführung eine Eifersuchtstat?

Am Landgericht in Stuttgart hat gestern der Prozess gegen zwei Männer begonnen, die im Juni eine Frau aus Aspach entführt haben sollen. Offenbar wollte der ältere Angeklagte seine ehemalige Lebensgefährtin zurückgewinnen.

Maciej I. wird vorgeworfen, die Entführung seiner ehemaligen Lebensgefährtin im Vorfeld geplant zu haben. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Maciej I. wird vorgeworfen, die Entführung seiner ehemaligen Lebensgefährtin im Vorfeld geplant zu haben. Fotos: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

ASPACH/STUTTGART. Das Medieninteresse zum Auftakt des Prozesses um die Entführung einer Pflegefachkraft aus Aspach im Juni vergangenen Jahres ist groß. Wer sind die beiden Männer, die eine 47-jährige Frau gut eine Woche lang gefangen hielten, bedrohten und verletzten? Alle wollen einen Blick auf sie erhaschen. Zwei Kameramänner drängen mit ihrer Gerätschaft in den Saal, drei Fotografen suchen sich den besten Platz, während sich vier Arbeiter der schreibenden Zunft auf den Besuchersesseln niederlassen. Der Pressesprecher des Landgerichts ist auch zugegen, bittet um Einhaltung des Mindestabstands (was sich schwierig gestaltet), beantwortet hier und da hinter den Atemschutzmasken hervorgeflüsterte Fragen und durchmisst dabei mehrmals den Raum. Die Staatsanwältin und die Nebenklägerin sind bereits am Platz. Längst ist das akademische Viertel vergangen und alle Anwesenden in gespannter Erwartung. Die Justizangestellte und Protokollantin greift zum Telefon und beordert die Angeklagten in den Gerichtssaal. Eskortiert von drei Justizbeamten werden diese kurze Zeit später an ihre Plätze geführt. Die Kameras surren, die Fotoapparate klicken. Als sich die Justizbeamten an den Handschellen der Angeklagten zu schaffen machen, ist dies Zeichen dafür, dass die Richterriege im Anmarsch ist. Das Gerichtsverfahren kann beginnen.

Unter dem Vorwand, sich Geld von ihr leihen zu wollen, lockte Maciej I. die Frau ins Wohnmobil.

Die beiden Angeklagten Maciej I. und Krzystof T., 52 und 24 Jahre alt, sind polnische Staatsangehörige. Sie werden mit Kopfhörern ausgestattet und können so der Verhandlung, die von einer Dolmetscherin simultan übersetzt wird, folgen. Beide geben sie an, dass sie Kfz-Mechaniker von Beruf sind. Vor einem knappen Jahr wurden sie in Frankreich festgenommen, im Dezember nach Deutschland überstellt. Die Vernehmungsprotokolle der französischen Polizei, so gibt der Vorsitzende Richter bekannt, sind bedauerlicherweise noch nicht vollständig übersetzt. Erst zum zweiten Prozesstag nach Pfingsten werden sie vorliegen.

Die Anklageschrift wirft ein Licht auf die Vorgänge, die zu der Geiselnahme im Juni vergangenen Jahres geführt haben. Die 47-jährige ehemalige Lebensgefährtin des 52-jährigen Angeklagten – das spätere Opfer der Entführung – kam zu einem bisher noch unbekannten Zeitpunkt als Pflegefachkraft nach Aspach. Seit 2018 betreute sie dort ein älteres Ehepaar. Was Anlass oder Auslöser dieser Tätigkeit in einem anderen Land war, liegt noch im Dunkeln. Dass es in der Beziehung mit Maciej I. kriselte, kann man vermuten. Immerhin war die 47-Jährige 26 Jahre lang mit dem Automechaniker zusammen und hat mit ihm auch drei mittlerweile erwachsende Kinder.

Und prompt beförderte der Auslandsaufenthalt der Polin die Zentrifugalkräfte der Beziehung. Die 47-Jährige verliebte sich in den Sohn des ihr zur Pflege anvertrauten Ehepaares. Die Staatsanwältin bezeichnet die Liaison als intime Beziehung. Als die 47-Jährige bei einem Heimataufenthalt die Veränderung in ihrer Herzensausrichtung bekannt gab, machte ihr Maciej I. heftige Vorwürfe und schlug sie laut Anklageschrift auch. Dennoch ließ er sie ziehen, wobei aber in ihm der Entschluss reifte, sie gewaltsam nach Polen zurückzuholen. Seinen Mitarbeiter in der Werkstatt, den 24-jährigen Krzystof T., konnte er als Helfer für seinen Plan gewinnen. Mit zwei Fahrzeugen, einem Renault Laguna und einem Wohnmobil, brachen die beiden wenige Tage später auf. Über die wahren Absichten seines Kommens ließ der 52-Jährige seine Lebensgefährtin im Unklaren. Einen Autoankauf müssten sie abwickeln, teilte er über WhatsApp mit. Dazu würden ihm leider noch 200 Euro fehlen. Ob diese nicht die Lebensgefährtin vorstrecken könne? Sie erklärte sich dazu bereit, hob das Geld ab und begab sich zu dem vereinbarten Treffpunkt an die Mechatronik-Arena in Aspach. Unter einem Vorwand lockten die Angeklagten ihr Opfer in das Wohnmobil. Mit einem Elektroschocker kurzerhand außer Gefecht gesetzt, nutzen die beiden Mechaniker die Gelegenheit, die Frau zu fesseln. Auch der Mund wurde ihr zugeklebt, sodass sie nicht um Hilfe schreien konnte. Überdies setzte es Schläge.

Überstürzt fuhren die beiden Angeklagten mit ihrem Opfer los, dabei vergessend, dass sie auf dem Herd des Wohnmobils Wasser aufgesetzt hatten. Durch die Fahrbewegungen rutschte der Topf vom Herd und das heiße Wasser ergoss sich über die Beine der 47-Jährigen. Sie erlitt Verbrennungen an den Füßen.

Auf der Fahrt wurde die 47-Jährige weiter malträtiert. Man bedrohte sie mit einem Messer, erzwang unter Würgen die Herausgabe ihrer Handy-PIN, zog ihr eine Plastiktüte über den Kopf, trat sie und drohte ihr den Tod an. Noch ist unbekannt, warum die beiden Entführer mit ihrem Opfer gen Westen und nicht Richtung Polen fuhren. In der Nähe von Hagenau im Elsass war dann Schluss der Reise. Das Wohnmobil saß fest. Alle drei verließen das Fahrzeug. Man schlief im Wald unter freiem Himmel oder in dem mitgenommenen kleinen Zelt, bis die französische Polizei das Trio aufstöberte, die 47-Jährige befreite und ihre Peiniger festnahm.

Obwohl mehr als 20 Jahre zwischen den beiden Angeklagten liegen, ähneln sich ihre Lebensläufe. Beide haben sie sich nach ihrer Schulzeit auf das Reparieren von Autos verlegt, auch wenn sie entsprechende Ausbildungen nicht abgeschlossen haben. Offenbar liefen aber in letzter Zeit die Geschäfte nicht mehr so gut. Der Jüngere kam seinem Chef entgegen und erklärte sich bereit, eine Zeit lang auf die Hälfte seines Gehaltes zu verzichten. Schmallippig sind die Antworten des 24-Jährigen auf die Fragen des Richters, während der Ältere davon spricht, dass er seit drei Jahren unter Depressionen leidet. Zum Prozessauftakt machten beide nur zu ihren Personalien Angaben. Am Dienstag, 2. Juni, soll der Prozess mit der Beweisaufnahme weitergehen.

Warum sich der mehr als 20 Jahre jüngere Krzystof T. für die Zwecke seines Arbeitskollegen hat einspannen lassen, ist bisher noch unklar.

© Alexander Becher

Warum sich der mehr als 20 Jahre jüngere Krzystof T. für die Zwecke seines Arbeitskollegen hat einspannen lassen, ist bisher noch unklar.

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Erstellt:
29. Mai 2020, 06:00 Uhr

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