9 n. Chr.: Römer gegen Germanen
War die Varusschlacht überhaupt eine Schlacht?
Im Jahr 9. n. Chr. vernichteten Germanen ein gewaltiges römisches Heer. Der Name des römischen Generals gab der Schlacht ihren Namen: Varusschlacht. War Kalkriese in Westfalen wirklich der Schauplatz dieser folgenschweren Niederlage Roms war. Eine Spurensuche.
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Germanische Stammeskrieger gehen auf die Römer los (Zeichnung von Arthur C. Michael, 1913).
Von Markus Brauer
„Als die Römer frech geworden, Zogen sie nach Deutschlands Norden, Vorne mit Trompetenschall, Ritt der Generalfeldmarschall, Herr Quintilius Varus, In dem Teutoburger Walde, Huh! Wie piff der Wind so kalte, Raben folgen durch die Luft, Und es war ein Moderduft, Wie von Blut und Leichen.“
„Als die Römer frech geworden“ ist ein deutsches Studenten- und Volkslied. Den Text, eine humoristische Erzählung der Varusschlacht (hier die ersten beiden Strophen), veröffentlichte Joseph Victor Scheffel im Jahr 1849 unter dem Titel „Die Teutoburger Schlacht“.
Varusschlacht: Gründungsmythos der Deutschen
Die Varusschlacht im Jahr 9. n. Chr. gehört zu den Gründungsmythen der Deutschen. Nach den Befreiungskriegen in den Jahren 1813 bis 1815 gegen Napoleon stieg „Hermann der Cherusker“ zum Volkshelden auf, der als Erster die Fremdherrschaft abgewehrt hatte.
Varusschlacht oder Varus-Ereignis?
Eine Schlacht unterscheidet sich von einem Gefecht oder einem Scharmützel durch ihre weitaus größere Dimension hinsichtlich des Umfangs der beteiligten Kräfte und der Topografie. Aber es muss nicht um ein einzelnes großräumiges Ereignis handeln.
Als Schlacht bezeichnet werden können auch mehrere zeitlich und räumlich zusammenhängende Gefechte, die auf den Verlauf einer Gesamtoperation entscheidenden Einfluss haben.
War die „Clades Variana“ - die „Varus-Niederlage“, wie sie von dem römischen Schriftsteller wie Tacitus genannt wird - also doch eine Schlacht? Der Archäologe und Varusschlacht-Experte Salvatore Ortisi von der Universität München plädiert für den Begriff „Varus-Ereignis“, das sich in unzähligen Einzelgefchten über mehrere Tage hinwegzog.
9 n. Chr.: Defilee-Gefechte
Mittlerweile sind viele Archäologen und Historiker überzeugt, das es sich bei der Varusschlacht um klassische Defilee-Gefechte handelt – also um einen militärischem Kampf in einer Engstelle (Defilee), wie einem Hohlweg, Moor- oder Gebirgspass. Dabei versucht eine Seite, den Durchzug des Gegners durch unübersichtliche, schmale Wege zu behindern, während die andere Seite den Durchmarsch erzwingen will.
Der Truppentransport erfolgt oft in langer, gestreckter Marschkolonne, was die Entfaltung zur Verteidigung neben den topografischen Gegebenheiten zusätzlich erschwert. Neben der Varusschlacht ist die Schlacht an den „Pontes longi“ (15 n. Chr.), bei der germanische Krieger versuchten, eine römische Armee zu vernichten, ein weiteres klassisches Beispiel für ein Defilee-Gefecht.
15 n. Chr.: Schlacht an den „Langen Brücken“
Diese Schlacht an den „Langen Brücken“ im Spätsommer oder Frühherbst 15 n. Chr. im heutigen Münsterland war ein dreitägiges Marschgefecht zwischen Germanen und Römern. Ein Stammesaufgebot unter Führung des Arminius versuchte, vier Legionen unter dem Kommando des Legaten Aulus Caecina Severus auf dem Rückweg in die Winterquartiere am Rhein aufzureiben.
Der Name „Pontes longi“ stammt von den circa drei Meter breiten hölzernen Bohlenwegen, mit denen die Römer einen Sumpf überbrückten. Das Gefecht endete als Abwehrerfolg der Römer, die sich, wenn auch unter hohen Verlusten, der Vernichtung wie sechs Jahre zuvor Varus entziehen und das Legionslager Vetera (Xanten am Rhein) erreichen konnten. Die Schlacht ist Teil der Germanicus-Feldzüge (14 bis 16 n. Chr.).
Römische Militärlager in Germanien
Römische Militärlager in rechtsrheinischen Germanien wie Vetera waren meist befestigte Stützpunkte, die zwischen 12 v. Chr. und 9 n. Chr. zur Eroberung und Sicherung der „Germania magna“ dienten. Wichtige Lager entlang der Lippe (Haltern/Aliso, Oberaden, Anreppen) sowie in Waldgirmes (Hessen) und Marktbreit (Bayern) dienten als Sommer- oder Winterquartiere.
Im Jahre 9 n. Chr. waren die Legion XVIII und XIX, die unter dem römischen Statthalter Publius Quinctilius Varus im nördlichen Germanien operierten, im Legionslager Vetera stationiert.
Der dritte Kampfverband, Legio XVII, war wahrscheinlich in einem Lager im Rheingebiet oder tiefer im germanischen Hinterland, möglichweise in Haltern oder Delbrück-Anreppen untergebracht. Der Lagerkomplex bei Haltern wurde von den Römern wohl nur bis zum Jahr 9 n. Chr. genutzt. Diese drei Legionen wurden nach der Niederlage nie wieder aufgestellt.
Taktik des Arminius
Arminius konnte er nur die einzige Angriffstaktik anwenden, die seine Kämpfer beherrschten: der direkte Frontalangriff auf den Gegner und der anschließende Kampf Mann gegen Mann. Gleichzeitig konnte er diese Kampftechnik nur dann erfolgreich anwenden, wenn das römische Heer den Germanen die Achillesferse, ihre lang gestreckte Marschkolonne, zeigte.
Aber selbst diese bot bei normalem Gelände nur im ersten Überraschungsmoment einer Attacke ein leichtes Angriffsziel. Deswegen mussten sich die Römer zusätzlich in einem Gelände bewegen, welches ihnen keine Möglichkeit zur Entfaltung ihrer überlegenen Kriegsmaschinerie bot.
Arminius’ Falle schnappt zu
Das Legionslager Vetera kontrollierte gegenüber der Lippemündung die Siedlungsgebiete der rechtsrheinischen Stämme der Sugambrer, Brukterer, Tenkterer und Usipeter. Arminius meldete Varus, dass die Sugambrer einen Aufstand gegen die römischen Besatzer angezettelt hätten.
Mithilfe seiner drei Legionen, die von drei verschiedenen Richtungen in das Territorium der Sugambrer ziehen sollten, wollte Varus diesen permanent aufsässigen Stamm endgültig besiegen. Im Grunde war dieses Vorgehen aus seiner Sicht eine überschaubare militärische Aktion, wie sie auf Seiten der Römer in ähnlicher Weise schon oftmals erfolgreich durchgeführt wurde.
Doch durch seine offensichtliche militärische Überlegenheit wurde der römische Feldheer leichtsinnig. Er glaubte, dass er nur einen begrenzten Aufstand niederschlagen müsste und wagte mit seinen Truppen die Durchquerung des unsicheren Geländes im heutigen Münsterland und Osnabrücker Land.
Roms Legionen setzen sich in Marsch
Im Spätsommer oder Frühherbst des Jahres 9 n. Chr. setzte sich der gewaltige Militärzug in Bewegung. Er bestand insgesamt aus den drei Legionen XVII, XVIII und XIX., drei Alen (circa 1500 Mann) Reiterei und sechs Kohorten. Dabei handelte es sich um die nächste Untereinheit einer Legion im Umfang von jeweils 400 bis 500 Mann.
Zusätzlich wurde der Zug von einem riesigen Wagentross begleitet, in dem auch viele Waffen für den Marsch verstaut waren. Schließlich befand man sich, so glaubte Varus, nicht im Kriegszustand.
Kurze Strafexpedition vor dem Weg in die Winterlager
Aus Varus’ Sicht war es praktisch, dass der Unruheherd fast auf der Route lag, auf der die Armee üblicherweise zu ihren Winterquartieren am Rhein zog. Es bot sich daher an, gleich das gesamte Gepäck mitzunehmen, zudem die Zivilisten, die das Heer begleiteten: Händler, Handwerker, Prostituierte, die Soldatenfrauen und deren Kinder.
Der Ausgangspunkt des Todesmarsches lag den antiken Berichten zufolge im Cheruskergebiet an der Weser. Die meisten Forscher nehmen heute an, dass sich die drei Legionen aus unterschiedlichen Richtungen kommend um die Porta Westfalica beim heutigen Minden sammelten.
Der folgende Schlachtenverlauf, der vor allem auf den Schilderungen des Tacitus und Cassius Dio beruhen, geht daher von der Annahme aus, dass die Varus-Legionen von Minden nach Kalkriese marschierten.
War Minden der Ausgangspunkt?
So ergibt sich folgende mögliche Marschroute: Die Legionen nahmen den Hellweg vor dem Sandforde, eine uralte, rund drei Meter breite, von Bewuchs freigehaltene Ost-West-Trasse, auf der Händler schon Jahrhunderte vor Christi Geburt wanderten.
Der Trampelpfad folgte dem Nordrand des Wiehengebirges, einer langgestreckten Mittelgebirgskette, die ab Minden westwärts „wie eine lange Mauer fast geradlinig sich hinzieht und einem Heer den Weg selbst zu zeigen scheint“. So formuliert es der Historiker Theodor Mommsen, der bereits 1885 die These vertrat, auf jener Route seien die Varus-Legionen in ihren Untergang marschiert.
Logistische Meisterleistung
Zu dieser Zeit war es üblich, dass die Legionen längere Feldzüge durchs Feindesland unternahmen. Diese begannen jeweils im Frühling und endeten im späten Herbst. Dabei war eine Aufrechterhaltung der gesamten Logistik innerhalb eines bereits eroberten Gebietes unabdingbar.
Um dies erreichen zu können, errichteten Pioniere ein Selbstversorgungslager für mehrere Legionen. Dieses könnte sich tatsächlich im Gebiet des heutigen Minden befunden haben.
Je weiter weg sich das Heer von der Rheingrenze entfernte, desto umfangreicher und schwieriger war es, die Logistik aufrecht zu erhalten und eine so große Armee zu versorgen. Lebensmittel wurden in den umliegenden Gegenden besorgt und mit Germanen Handel betrieben.
Varus’ Marschroute
Das Heer könnte von Minden aus durch den Osning marschiert sein, wie der Teutoburger Wald früher auch genannt wurde, um in nördliche Richtung ins Osnabrücker Land weiterzuziehen.
In dieser Gegend befindet sich auch der Kalkrieser Berg, ein bis zu 158 Meter hoher Höhenzug zwischen Bramsche-Engter und Ostercappeln-Venne im heutigen Niedersachsen. Der überwiegend bewaldete und schildartige Hügel ist ein nördlich dem Hauptkamm vorgelagerter Teil des Wiehengebirges.
Rechnete Varus nicht mit einem Angriff?
Das Heer und der Tross dehnten sich in eine unübersichtliche Länge von 15 bis 20 Kilometern, sodass eine schnelle Kommunikation zwischen Vorhut, Hauptheer und Nachhut nicht mehr möglich war. Dazu kam, dass Varus den Tross fast ungesichert ließ und wie in Friedenszeiten, in die Marschkolonne integrierte.
Am Kalkrieser Berg schloss sich die Falle, in die Arminius Varus gelockt hatte. Genauer an der Wegenge zwischen Großem Moor im Norden und den Ausläufern des Wiehengebirge.
Als sich der Heereszug nach einigen Tagen des Masches der von Germanen vereinbarten Übergriffsstelle näherte, entfernte sich Arminius mit dem Hinweis, weitere germanische Hilfstruppen aus den benachbarten Stämmen für Varus zusammenziehen zu wollen. Der ahnungslose Varus ließ ihn gewähren.
Erster Tag: Beginn der Schlacht
Ein bewaldeter Engpass, den der Militärzug während einer heraufziehenden Schlechtwetterfront erreichte, wurde den Römern schließlich zum Verhängnis. Gerade als sich die Marschordnung der Legionen aufgrund des schwierigen Geländes und eines Unwetters aufzulösen begann, erfolgte der erste Angriff der germanischen Krieger. Zunächst warfen sie Speere, später fielen sie dann direkt in die Flanken und die Nachhut der Römer ein.
Den Legionären, die teilweise durch den sperrigen Wagentross behindert wurden, blieb keine Möglichkeit sich zu formieren. Zudem wurde in dem unwegsamen Gelände ihre größte Stärke zur schlimmsten Falle. Die schwere Panzerung und das umfangreiche Marschgepäck jedes Legionärs (20 bis 30 Kilogramm) verhinderten ein schnelles Vorankommen auf dem schlammigen und vom Dauerregen aufgeweichten Waldboden.
Zweiter und dritter Tag: Verheerende Dezimierung
Die Römer sahen sich nach dem ersten Tag der Schlacht gezwungen, an Ort und Stelle zu campieren und ein Marschlager zu errichten.
Am nächsten Tag wollte Varus mit seinem Heer den Ausfall wagen. Alles entbehrliche Gerät wurde zurückgelassen, die Wagen des Trosses verbrannt. Vermutlich wurden auch sämtliche Zivilisten ihrem Schicksal überlassen.
Nach Cassius Dio, der die Ereignisse der Schlacht sehr viel ausführlicher als Tacitus beschreibt, rückten die römischen Soldaten am zweiten und dritten Tag, von pausenlosen Angriffen durch die Germanen bedrängt, weiter vorwärts. Ihr Ziel war es, den dichten Wäldern zu entkommen, die ihnen keinen Raum für eine sinnvolle Verteidigung boten.
Während die Verluste unter den Römern nach kurzer Zeit immer höher wurden, schlossen sich, angelockt von der Aussicht auf Beute, weitere germanische Stämme den Verschwörern um Arminius und den Cheruskern an.
Vierter Tag: Blutiges Finale
Am vierten Tag schien die Lage für die Römer aussichtslos geworden zu sein. Entkräftet und mit völlig vom Regen durchnässter Ausrüstung bahnten sich die verbliebenen Soldaten den Weg durch den unwegsamen Morast, ständigen Angriffen aus dem Hinterhalt ausgesetzt.
Varus stürzte sich gemeinsam mit vielen ranghohen Offizieren in sein Schwert - aus Angst vor einer erniedrigenden Gefangenschaft. Diese Tat erschütterte und entmutigte rasch die verbliebenen Kontingente der römischen Armee. Wer nicht mehr fliehen konnte oder wollte, überließ sich freiwillig den Angreifern.
