Warmmachen für das neue Schuljahr

Seit Montag sind einige Schüler wieder in der Schule – zwei Wochen vor dem eigentlichen Schulbeginn. Sie besuchen die sogenannten Lernbrücken und sollen hier Wissenslücken schließen, die sich durch die Coronapandemie ergeben haben.

Lehrerin Sabrina Spiller in einer der Lernbrücken an der Max-Eyth-Realschule. Mit ehemaligen Schülern der 5. und 6. Klassen wiederholt sie Subtraktion in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Lehrerin Sabrina Spiller in einer der Lernbrücken an der Max-Eyth-Realschule. Mit ehemaligen Schülern der 5. und 6. Klassen wiederholt sie Subtraktion in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Knapp zwei Wochen Sommerferien bleiben noch, doch anstatt die letzten Tage auf dem Sportplatz oder mit Freunden zu verbringen, sind einige Schüler schon jetzt wieder in der Schule. In Backnang und den umliegenden Gemeinden sind es etwas über 450 Schüler. Statt aber ihren Ferien nachzutrauern, sind sie froh, wieder in der Schule zu sein. „Ich hatte daheim eh nichts mehr zu tun“, sagt ein Schüler der Max-Eyth-Realschule, „da bin ich lieber in der Schule und lerne.“ Eine andere Schülerin meint: „Ich hatte zu viel Freizeit, das war langweilig und ich mache dann nur Mist.“ Auch die anderen Schüler einer Lernbrücke in der Realschule stimmen zu. „Die Wiederholung tut uns gut“, meinen sie, und: „Da wird der Schulstart leichter.“

Da aufgrund der Pandemie in diesem Schuljahr kein Schüler eine Klasse wiederholen muss, sollen schwächere Schüler oder solche, die während der Schulschließungen nur schwer zu erreichen waren, ihre Wissenslücken nun mit möglichst schülerindividuellen Förderungen in kleinen Gruppen schließen. Von Grundschule, Vorbereitungsklassen über Gesamt- und Realschulen bis zu Gymnasien, alle Schularten sind beteiligt. Drei Stunden pro Tag bekommen die Schüler Unterricht in den Kernfächern. Die Teilnahme der Schüler erfolgt auf eine Empfehlung der Klassenlehrer, ist aber freiwillig.

Ob die zweiwöchigen Lernbrücken genug sein werden, um die Wissenslücken von Monaten zu schließen, ist fraglich. Davon geht auch Heinz Harter, Schulleiter der Max-Eyth-Realschule und geschäftsführender Schulleiter der Backnanger Schulen, gar nicht aus. „Das Ziel, Lücken zu schließen, wäre zu hoch gesteckt. Die Lernbrücken können helfen, Lücken zu verkleinern. Aber viel wichtiger ist etwas anderes: Die Schüler kommen wieder in einen Rhythmus, bekommen Impulse, sie machen sich quasi warm für das neue Schuljahr.“

Durch Lernbrücken mehr Motivation für das neue Schuljahr.

Dadurch seien Schüler für das neue Schuljahr motivierter, da sie das Gefühl haben, es wirklich zu schaffen und dem Stoff näher zu kommen. „Die Schüler merken: Ich bin nicht alleine mit meinen Problemen“, sagt Lehrerin Sabrina Spiller, die eine von neun Lehrern an der Max-Eyth-Realschule ist, die in den Lernbrücken unterrichten. „Auch ist die Hemmschwelle in den kleinen Gruppen geringer. Die Schüler trauen sich, auch fünfmal nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben.“ Sie merke auch deutlich, dass die Schüler dankbar für das Angebot sind. Es gebe natürlich immer mal wieder einen, der laut wird oder Quatsch macht, „aber ich sag dann, dass die Lernbrücke freiwillig ist und er auch gehen kann. Das will aber keiner“, sagt Spiller. Sie betont auch, wie gut den Schülern der soziale Kontakt tut, der sowohl vor den Ferien als auch in den Ferien eher eingeschränkt war.

An der Max-Eyth-Realschule sind etwa zwei Drittel der angeschriebenen Schüler auf das Angebot eingegangen, bei dem Rest sei es entweder gesundheitlich nicht gegangen oder die Urlaubsplanung habe im Weg gestanden. „Auch diese haben natürlich die Chance, die Wissenslücken im neuen Schuljahr zu schließen. Aber für sie wird es deutlich schwerer sein ohne das Auffrischen und die Motivation in den Lernbrücken“, sagt Harter. Auch im Ministerium ist man sich durchaus bewusst, dass die drei Schulstunden pro Tag nicht alle Lücken schließen können: „Deswegen wird auch im beginnenden Schuljahr der Schwerpunkt darauf liegen, Inhalte zu wiederholen und zu vertiefen“, so Kultusministerin Susanne Eisenmann.

In Backnang und der Umgebung gibt es 43 Lernbrücken, 23 davon in Grundschulen, 18 in Haupt-, Real- und Gesamtschulen, eine am Gymnasium und eine am Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum. In Backnang verteilen sie sich auf neun Schulen. Aber auch an die Fünftklässler, die im neuen Schuljahr an den weiterführenden Schulen starten, müsse gedacht werden, so Harter. „Es ist wichtig, die Schüler abzuholen.“ Nach einer Abfrage der Leistungsstände sei ein individueller Förderplan für alle Schüler in diesem Schuljahr ganz besonders wichtig.

Für die Schulleitungen und Schulverwaltungen bedeutete die Organisation der Lernbrücken einen großen Aufwand. „Ständig mussten neue Formulare ausgefüllt und Listen eingereicht werden“, sagt Claudia Dippon vom staatlichen Schulamt Backnang. „Und das in sehr kurzer Zeit.“ Von der Ankündigung der geplanten Lernbrücken bis zum Schuljahresende blieben den Organisatoren nur etwa zwei Wochen, um den Bedarf an den Schulen zu erfassen, passende Gruppen zu bilden und Lehrkräfte zu finden. Zum Großteil handelt es sich um die üblichen Lehrkräfte der Schulen, doch auch Pensionäre oder anderes pädagogisches Personal wird eingesetzt. Geplant seien eigentlich etwa 30 Schulstunden, verteilt über die letzten zwei Ferienwochen, doch in manchen Fällen musste die Stundenzahl verkürzt werden. „Manche Lehrkräfte haben private Termine oder sind noch ein paar Tage weg“, sagt Dippon. Auch einige fertige Referendare steigen zwei Wochen früher in den Arbeitsalltag ein. Bei jungen Lehrern waren die Lernbrücken beliebt, in Backnang werden 35 von ihnen eingesetzt.

So auch Sabrina Spiller, sie wurde dafür zwei Wochen früher vereidigt. „Ich sehe das einfach als gute Möglichkeit, die Schüler zu unterstützen, die zu Hause weniger Unterstützung hatten“, sagt die Lehrerin. Harter betont, dass es an der Max-Eyth-Realschule kein Problem gewesen sei, die Lehrkräfte für die Lernbrücken zu begeistern. „Die Lehrer wissen um die Notwendigkeit, sie wollen hier helfen.“ Allgemein habe sich die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern durch Corona verändert, sagt er. Sie sei intensiver geworden, durch den Unterricht in kleineren Gruppen sei individuellere Betreuung möglich gewesen. „Das ist auch das Gute an den kleinen Gruppen der Lernbrücken, die Schüler merken, dass sie den Lehrern nicht egal sind“, sagt Spiller.

Eine Herausforderung ist allerdings die Heterogenität, da Schüler aus verschiedenen Klassenstufen zusammen lernen. An der Realschule wurden zum Beispiel die Schüler der ehemals 5. und 6. Klassen sowie die der 8. und 9. Stufe zusammengesteckt. Hier können die Lehrer noch gut Aufgaben mit zwei verschiedenen Schwierigkeitsstufen abarbeiten. Doch in den Lernbrücken der Grundschulen, wo Kinder von der 1. bis zur 4. Klasse in der gleichen Gruppe sind, sei das sehr viel schwieriger, weiß Harter. Ein weiteres Problem seien fehlende Lernmaterialien. Da die Organisation für die Schulen ohnehin eine große Aufgabe war, wollte das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) eigentlich Fördermittel verschicken. „Die wären schon hilfreich gewesen, aber bei uns sind bisher noch keine angekommen“, sagt Harter.

Nicht in allen Schulen wurden genug Schüler für die Lernbrücken angemeldet, um Gruppen zu bilden, deshalb wurden einige Schulen zusammengelegt. So zum Beispiel am Gymnasium in der Taus. Hier kommen zu den 30 internen Schülern noch 13 Schüler vom Max-Born-Gymnasium und dem Heinrich-von-Zügel-Gymnasium in Murrhardt hinzu.

Lernbrücken

In Baden-Württemberg sind rund 61500 Schüler angemeldet, mehr als 6550 Lehrpersonen unterrichten sie an über 1900 allgemeinbildenden und mehr als 160 beruflichen Schulen.

Geplant sind 30 Unterrichtsstunden, verteilt über die letzten beiden Ferienwochen. Jeden Tag werden die Schüler etwa drei Stunden in Kernfächern wie Mathe, Deutsch und Englisch unterrichtet.

Der Wissensstand der Schüler wurde bei den jeweiligen Klassenlehrern abgefragt, daran anknüpfend arbeiten die Lehrer sich von Einstiegs- bis zu Könneraufgaben vor.

Über Online-Informationsveranstaltungen konnten sich Lehrer speziell vorbereiten, Materialien zur Förderung der Kernkompetenzen konnten bestellt werden.

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Erstellt:
2. September 2020, 06:00 Uhr

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