Warum das Raumschiff nur 158 Kilogramm wiegt

Physikprofessor und Wissenschaftskabarettist Metin Tolan referiert humorvoll über die Physik hinter der Serie Star Trek.

Mit Filmausschnitten aus der Originalserie zeigt Professor Metin Tolan auf, wie Star Trek in der Wissenschaft verankert ist. Foto: T. Sellmaier

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Mit Filmausschnitten aus der Originalserie zeigt Professor Metin Tolan auf, wie Star Trek in der Wissenschaft verankert ist. Foto: T. Sellmaier

Von Carmen Warstat

BACKNANG. Man muss kein Kenner der Star-Trek-Universen sein, um Metin Tolan zu verstehen, hilfreich ist es aber schon. Gleiches gilt für gewisse Grundkenntnisse der Physik und Mathematik. Er selbst – bekennender „Trekkie“ – studierte beide Fächer und glänzte 1993 an der Universität Kiel mit der besten Dissertation, zahlreiche weitere Preise und Auszeichnungen folgten.

Was er im Rahmen der Desk-Impulsreferate jetzt nach mehreren pandemiebedingten Verschiebungen präsentierte, war unterhaltsam, lehrreich und vor allem: überraschend. Denn Professor Tolan ist angetreten, um nicht weniger zu beweisen, als dass die Schöpfer der Star-Trek-Produktionen es mit der Physik ziemlich genau nahmen. Unter dem Titel „Die Star Trek Physik – Warum die Enterprise nur 158 Kilo wiegt und andere galaktische Erkenntnisse“ referierte der Präsident der Göttinger Universität detailverliebt und augenzwinkernd über Mr. Spock und Co. sowie deren Verankerung in der Wissenschaft.

Zunächst widmete Tolan sich der Frage, ob es überhaupt Planeten außerhalb unseres Sonnensystems gibt – einer Frage, die lange Zeit nicht zu beantworten war. 2019 erhielten die Genfer Wissenschaftler Michel Mayor und Didier Queloz (gemeinsam mit dem Amerikaner James Peebles) den Nobelpreis für Physik, weil ihnen der Nachweis eines Exoplaneten um einen sonnenähnlichen Stern gelungen war. Hochverdient nennt Tolan diese Ehrung und fragt: „Wie weit ist es bis zu unserem Nachbarstern?“ Und er rechnet vor: Zum Alpha Centauri sind’s vier Lichtjahre, was bedeutet, dass wir den Planeten nur so sehen können, wie er vor vier Jahren aussah. Der Blick ins Universum also immer ein Blick in die Vergangenheit? Es klingt paradox, ist aber wohl so. Selbst Sonnenlicht braucht acht Minuten, um zu uns zu gelangen.

Bevor es aber zu kompliziert wird (der Doppler-Effekt etwa ist so ein Thema, bei dem wohl nur Experten folgen können), zeigt der Referent einen Ausschnitt aus der Kultserie. Die habitable Zone um einen Stern wird sodann thematisiert, jene Zone, in der Leben theoretisch möglich ist, weil es weder zu heiß noch zu kalt ist. „Wenn wir nach Leben im All suchen, suchen wir immer nach uns selbst. Wir suchen kohlenstoffbasiertes Leben, denn nicht kohlenstoffbasiertes Leben wäre für uns gar nicht erkennbar.“ Die Kepler-Sonde (Start 2009) habe „Leben ohne Ende gefunden“, und Physikprofessor Tolan, heute 56 Jahre alt, ist sich sicher, er werde „es noch mitkriegen“, wenn die große Frage beantwortet wird: „Ist da draußen wer?“

Im Kern seines Referats widmete er sich nun der „faszinierenden Physik im Star-Trek-Universum“. Deren Gesetze seien „zwar lästig, aber wir wollen uns mal dran halten“. Wieder einmal lächelt das fachkundige Publikum und freut sich über den nächsten Filmausschnitt. Newton und Einstein werden zurate gezogen, wenn es um den Warp-Antrieb geht. Tröstlich für den Laien: Der Referent räumt im Zusammenhang mit der positiven Energie von Antimaterie ein: „Das wird schon seine Gründe haben.“ Und schließlich rechnet er tatsächlich vor, dass die Enterprise (mit Besatzung) nur 158 Kilogramm wiegt. Filmausschnitte und das zweite Newton’sche Axiom werden zusammengeführt, und voilà: 158. Heiterkeit im Saal. Zum Abschluss aber noch etwas Mathematik. Tolan weist nach, dass Star Trek ihren Gesetzen folgt, gerade auch im Detail. Da wäre zum Beispiel die Zahl der flauschigen kleinen Tribbles. Nicht ganz einfach, nun ja. Der Professor zeigt „nebenbei“ eine Eselsbrücke in Sachen Elferpotenzen und deckt Ungenauigkeiten in der deutschen Synchronisation der Star-Trek-Produktion auf. Soll heißen: Er musste die entsprechende Filmsequenz in Originalsprache ansehen und feststellen, dass eine wichtige Zahl falsch übersetzt war, um seinen Verdacht bestätigt zu finden: Die Vermehrungszyklen der Tribbles sind mathematisch exakt berechnet.

Und noch ein Bonbon: Metin Tolan zitiert den früheren amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit seinen Wortspielen über Wissen und Nichtwissen zur Rechtfertigung des Irakkriegs. Kein schöner Anlass, aber wissenschaftlich verwertbar. Das Interesse eines Physikers an sprachlichen Phänomenen und sein Hinweis auf deren Übertragbarkeit in andere Bereiche – faszinierend, weil weitsichtig. Wie es sich für die Wissenschaft gehört, schaut Professor Metin Tolan natürlich über den Tellerrand und kann sich auch an nicht physikalischen Attraktionen erfreuen.

Das Buch zum Referat Metin Tolan: Die Star Trek Physik. Warum die Enterprise nur 158 Kilo wiegt und andere galaktische Erkenntnisse. München 2016.

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Erstellt:
31. Juli 2021, 08:04 Uhr

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