Trotz Festnahme Maduros

Warum der Ölpreis kaum reagiert

Krieg, Machtwechsel und Öl-Giganten unter Druck. Dennoch tut sich beim Ölpreis aktuell fast nichts. Die Hintergründe im Überblick.

Trotz Angriff der USA auf Venezuela und weiteren geopolitischen Spannungen bleibt der Ölpreis stabil. Die Gründe im Überblick.

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Trotz Angriff der USA auf Venezuela und weiteren geopolitischen Spannungen bleibt der Ölpreis stabil. Die Gründe im Überblick.

Von Matthias Kemter

Der Ölpreis gilt seit Jahrzehnten als sensibler Seismograf für Krisen, Kriege und politische Umbrüche. Umso auffälliger ist die aktuelle Lage. Trotz des Angriffs der USA in Venezuela und der Festnahme von Nicolás Maduro bleibt eine heftige Marktreaktion aus. Stattdessen bewegt sich der Ölpreis nur kaum. Die Gründe liegen weniger im akuten Ereignis als in den strukturellen Veränderungen des globalen Ölmarkts der letzten Jahre.

Venezuelas Ölreichtum: viel Öl, wenig Einfluss

Venezuela verfügt über die größten bekannten Ölreserven der Welt und ist Gründungsmitglied der OPEC. Auf dem Weltmarkt spielt das Land derzeit jedoch nur eine Nebenrolle. Jahrzehntelange Misswirtschaft, Korruption, marode Infrastruktur und Sanktionen haben die Förderung stark einbrechen lassen. Während Venezuela in den 1970er-Jahren noch rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag förderte, liegt die Produktion aktuell bei etwa 1,1 Millionen Barrel täglich. Das entspricht nur rund einem Prozent der weltweiten Ölproduktion. Entsprechend gering ist der unmittelbare Einfluss politischer Unruhen oder militärischer Eingriffe auf den globalen Ölpreis.

Globales Überangebot als Grundrauschen

Venezuela ist somit nur ein Faktor von vielen. Der Ölmarkt ist derzeit insgesamt gut versorgt. Die USA haben sich zum größten Ölproduzenten der Welt entwickelt, auch Länder wie Kanada, Brasilien und Guyana bauen ihre Förderung weiter aus. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nur noch langsam oder stagniert, unter anderem wegen effizienterer Technologien, des Ausbaus erneuerbarer Energien und eines schwächeren globalen Wirtschaftswachstums. Die OPEC und ihre Partner haben jahrelang versucht, mit Förderkürzungen gegenzusteuern. Diese Strategie kostete jedoch Marktanteile, vor allem an Produzenten außerhalb des Kartells. Inzwischen sind viele Förderländer nicht mehr bereit, die Preise allein durch Angebotsverknappung zu stabilisieren, und führen Kapazitäten schrittweise wieder dem Markt zu.

Die Rolle des Break-even-Preises

Eine wichtige Rolle spielt auch der sogenannte Break-even-Preis, also die Schwelle, ab der sich Ölförderung wirtschaftlich rechnet. Er variiert je nach Land, Fördertechnik und geologischen Bedingungen teils erheblich. In Regionen mit leicht zugänglichen Lagerstätten ist die Förderung deutlich günstiger als bei technisch aufwendigen Projekten etwa in der Tiefsee oder beim Schieferöl. Die Grenze von 60 US-Dollar pro Barrel gilt am Markt grob als wirtschaftliche Grenze und stellt daher auch charttechnisch eine Barriere dar, die nach unten nur schwer nachhaltig zu durchbrechen ist. Wo genau der Break-even-Preis am venezolanischen Ölmarkt liegt, ist durch die marode und korrumpierte Infrastruktur schwer einzuschätzen. Diese Faktoren tragen dazu bei, dass Investitionsströme verhalten und Angebot sowie Nachfrage relativ stabil bleiben. Extreme Preissprünge bleiben so aus.

Warum selbst Krisen ihren Schrecken verloren haben

Frühere Ölkrisen trafen auf einen stark konzentrierten Markt mit hoher Abhängigkeit von wenigen Förderregionen. Heute ist der Ölmarkt breiter aufgestellt, technologisch flexibler und global besser vernetzt. Produktionsausfälle in einzelnen Ländern können häufiger kompensiert werden. Geopolitische Krisen sorgen daher meist nur noch für kurzfristige Ausschläge, nicht mehr für nachhaltige Preisschocks. Der Ölpreis reagiert weiterhin auf politische Spannungen, verliert sich jedoch schneller wieder im übergeordneten Marktumfeld.

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Erstellt:
5. Januar 2026, 15:38 Uhr

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