Folgenreiche menschliche Eingriffe
Warum Italien nach Erdrutsch in zwei Teile gespalten ist
In der kleinen italienischen Region Molise hat sich ein Erdrutsch reaktiviert, Dutzende Menschen wurden evakuiert. Verkehrsverbindungen sind derzeit unterbrochen.
© Vigili Del Fuoco/dpa
Dieses von der italienischen Feuerwehr zur Verfügung gestellte Foto zeigt eine Aufnahmen aus der Luft von einem Erdrutsch in Süditalien.
Von Markus Brauer
An der süditalienischen Adriaküste bereitet ein Erdrutsch den lokalen Behörden Sorgen. Aus der Gemeinde Petacciato in der kleinen Region Molise seien als Vorsichtsmaßnahme bereits etwa 50 Menschen evakuiert worden, sagt der Chef des italienischen Zivilschutzes, Fabio Ciciliano. Der Erdrutsch stehe derzeit nicht still, sondern bewege sich, erklärt er weiter.
Die Lage bezeichnete Ciciliano als komplex. Sie werde einige Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern. Der Hang in dem Gebiet gilt seit langem als instabil. Erdbewegungen wurden dort immer wieder registriert. Nun habe sich der Erdrutsch aber nach Unwettern „reaktiviert“, wenn auch langsam, so Ciciliano. Der Erdrutsch erstreckt sich demnach über etwa vier Kilometer.
Verkehrsverbindungen unterbrochen
Betroffen sind außerdem wichtige Verkehrsverbindungen in der Gegend. Wie der Fernsehsender Rai berichtet, ist ein Abschnitt der Autobahn A14 auf beiden Seiten gesperrt. Die Autostrada A14 verbindet den Norden Italiens mit dem äußersten Südosten des Landes. Auch der Bahnverkehr dort ruht.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni steht nach Angaben ihres Büros in ständigem Kontakt mit den lokalen Behörden. In einer Mitteilung aus ihrem Amtssitz heißt es, Italien sei durch die Verkehrsunterbrechungen „faktisch in zwei Teile geteilt“. Alle Maßnahmen zur Wiederherstellung der Verbindungen könne erst nach technischen Prüfungen bewertet werden, heißt es weiter.
Die meisten Erdrutsche sind menschengemacht
Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, dass Erdrutsche naturgemacht sind, zeigt eine neue Studie, dass die meisten tödlichen Erdrutsche in vom Menschen veränderten Umgebungen auftreten.
Die im Fachjournal „Science Advance“ veröffentlichte Studie, die von Forschern der Universitäten Wien, Ankara, der Technischen Universität Istanbul, der Bursa Uludag Universität und des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geowissenschaften durchgeführt wurde, liefert einen globalen Überblick darüber, wie Eingriffe des Menschen in die Natur das Auftreten von Erdrutschen beeinflussen.
Die wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass Veränderungen der Landnutzung und der Bodenbedeckung einen wesentlich größeren Einfluss auf die Zahl der Todesopfer durch Erdrutsche haben als physikalische Faktoren wie Topografie und Niederschlag, insbesondere in Ländern mit niedrigem und unterem mittleren Einkommen.
Einkommensschwache Länder deutlich stärker betroffen
Erdrutsche gehören zu den verheerendsten Naturgefahren. Sie fordern jährlich in der Regel über 4500 Menschenleben und verursachen Schäden in Höhe von 20 Milliarden Euro. Ausgangspunkt der aktuellen Studie war eine entscheidende globale Frage: Warum sind Erdrutsche in bestimmten Regionen tödlicher als in anderen Regionen mit vergleichbarem Gelände und Klima?
Da sich die Zahl der Menschen in gefährdeten Berggebieten seit 1975 verdoppelt hat, wollen die Forscher aufzeigen, dass menschliche Eingriffe in die Landoberfläche – wie Kahlschlag, Umstellung der Landwirtschaft und Straßenbau – Hänge drastisch destabilisieren.
Die Studie verdeutlicht, wie der zunehmende Druck des Menschen auf die Natur sozioökonomisch benachteiligte Menschen verschärft gefährdet.
Quantifizierung menschlicher Eingriffe
In der Studie wurden Berggebiete in 46 Ländern nach nationalen Einkommensniveau kategorisiert und untersucht. Die Forscher analysierten einen umfangreichen Datensatz, der etwa 60 Jahre an Veränderungen der Landnutzung und Bodenbedeckung sowie 45 Jahre an Bevölkerungsdynamik abbildet.
Daraus erarbeiteten sie eine neue Kennzahl, um die Veränderungen der Landnutzung und Bodenbedeckung und damit die gesamten menschengemachten Eingriffe zu quantifizieren. Im nächsten Schritt integrierte das Team diese Zahlen in Modelle zu Topografie, Niederschlag und Exposition.
Diese umfassende Analyse zeigt: Während Länder mit hohem Einkommen nur 7 Prozent ihrer Berglandschaften verändert haben, sind in Ländern mit niedrigem Einkommen 50 Prozent der Bergland-Bedeckung des Landes verändert. Zu solchen Veränderungen zählen Entwaldung sowie die Ausweitung von Ackerflächen und Infrastruktur.
Veränderte Landnutzung mit Folgen
In Ländern wie Haiti, Sri Lanka und El Salvador würde diese Veränderung der Landnutzung und Bodenbedeckung mit einem Anstieg tödlicher Erdrutsche und der Zahl der Todesopfer korrelieren. In wohlhabenden Ländern wie der Schweiz, Japan und Italien schwäche sich diese Korrelation jedoch ab. Dort seien trotz erdrutschgefährdeter Topografie und Klimabedingungen weniger Todesfälle zu verzeichnen, erklärt Ugur Öztürk von der Universität Wien.
Der Hauptautor Seckin Fidan fügt hinzu: „Wirtschaftlich benachteiligte Länder sehen sich im Gegensatz zu wohlhabenderen Nationen oft auch einem erheblichen Bevölkerungsdruck ausgesetzt. Dieser Druck führt zur raschen Rodung empfindlicher Berggebiete für landwirtschaftliche Zwecke, informelle Siedlungen und den Bedarf an grundlegender Infrastruktur.“
Veränderungen der Landnutzung und der Bodenbedeckung erweisen sich neben dem nationalen Wohlstand also als entscheidender Faktor für die Sterblichkeit bei Erdrutschen.
Länder, denen es gelingt, Veränderungen der Bodenbedeckung gering zu halten, verzeichnen trotz ähnlicher naturgegebener Gefahr weniger Todesfälle durch Erdrutsche. Fazit: Wenige Eingriffe des Menschen in die Landnutzung in Bergregionen senken das Risiko für tödliche Erdrutsche.
