Von Illuminati zu QAnon
Warum Verschwörungsmythen so beständig und fesselnd sind
Eine flache Erde, Echsenmenschen oder eine geheime Weltregierung? Verschwörungsmythen: Egal, wie abstrus sie auch scheinen, finden doch immer wieder Anklang. Eine Geheimorganisation ist nun schon seit 250 Jahren Thema.
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Den Kern von QAnon bilden – wie bei vielen Verschwörungsideologien – Mythen über eine geheime Elite – in den USA der sogenannte Deep State –, die im Hintergrund das Weltgeschick lenken und alles kontrollieren.
Von Markus Brauer/KNA
Der Aids-Virus soll von den USA entwickelt und ausgesetzt worden sein.
Geheime, schwarz gekleidete US-Regierungsmitarbeiter sorgen wie im Hollywood-Film „Men in Black“ dafür, dass mysteriöse Ufo-Sichtungen keine Zeugenaussagen hervorbringen.
Die Hintermänner und „wahren“ Schuldigen der Terroranschläge vom 9. September 2001 in New York und Washington seien nicht El Kaida, sondern die US-Regierung, die CIA und der damalige Präsident George W. Bush.
Verschwörungstheorien wie diese gibt es wie Sand am Meer – und eine ist kurioser als die andere.
So funktionieren Verschwörungstheorien
Gerade in Krisenzeiten wuchern Gerüchte, Vorurteile und Verschwörungsdenken wie ein Krebsgeschwür. „Verschwörungstheorien gedeihen immer dann besonders gut, wenn es Krisen, Konflikte und undurchschaubare Entwicklungen gibt“, erklärt der Politologe und Publizist Tobias Jaecker.
Hinter den diversen Krisen würden Konspirationsanhänger das geheime Wirken von Personen oder Institutionen vermuten, die ihre eigenen egoistischen Ziele auf Kosten der Allgemeinheit verfolgen.
Dass es Verschwörungen in der Menschheitsgeschichte immer schon gegeben hat, ist unbestritten. Doch die Anhänger von Verschwörungstheorien wittern hinter jedem komplizierten und für sie unerklärlichen Phänomen und Ereignis finstere Mächte, die im Geheimen die Fäden ziehen.
„Grundlage einer Verschwörungstheorie ist ein Verdacht gegen eine als fremd und böse empfundene Gruppe“, erläutert der Wissenschaftsautor Thomas Grüter dieses Phänomen.
QAnon – Verschwörer aller Länder vereinigt euch!
„Q hat mich geschickt“: Der Slogan, der auf Transparenten beim Sturm auf das US-Kapitol im Nachgang der damals verlorenen Präsidentschaftswahl von Donald Trump am 6. Januar 2021 zu sehen war, ging um die Welt. Er nahm Bezug auf die QAnon-Bewegung, ein im Internet gestartetes Sammelbecken von finsteren bis teilweise völlig absurd scheinenden Verschwörungstheorien.
Den Kern von QAnon bilden – wie bei vielen Verschwörungsideologien – Mythen über eine geheime Elite – in den USA der sogenannte Deep State –, die im Hintergrund das Weltgeschick lenken und alles kontrollieren.
Auch in Trumps Anhängerschaft, der Maga-Blase, fand QAnon viel Zustimmung, was sich nach dem zweiten Wahlsieg Trumps deutlich zeigte. Schon kurz nach seiner Amtsübernahme im Januar 2025 begnadete der wiedergewählte Präsident einige der Kapitol-Stürmer und bekräftigte damit indirekt die Rechtmäßigkeit und den Gehalt ihres Verschwörungsglaubens.
Einfache Erklärungen für komplexe Probleme
Dabei ist es unerheblich, dass sich bislang keine der Behauptungen der QAnon-Bewegung stichhaltig belegen lässt. Derartige Verschwörungsmythen können sich dennoch erfolgreich halten, weil sie gerade in chaotisch scheinenden Zeiten, in denen große (Um-)Brüche stattfinden, vermeintlich sinnstiftend sind.
Verschwörungstheorien haben den Vorteil, dass sie Dinge auf einfache und polarisierende Weise deuten. Erklärungen über komplexe Sachverhalte wie das globale Finanzwesen werden drastisch reduziert, so dass am Ende nur zwei Gruppen übrigbleiben: die eigene gute Fraktion und der böse, mächtige Gegner, auf den man sich fokussiert.
„Im Netz blühen Verschwörungen auf, weil man alles behaupten kann, ohne es zu beweisen“, erläutert der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann. Er sieht im Internet das ideale Medium zur Verbreitung von Absurditäten, da man sich dort mit ungesicherten Daten und abstrusen Behauptungen in unbegrenzter Zahl versorgen kann.
„Die Gemeinde derer, die für Verschwörungsdenken empfänglich ist, war schon immer groß, und sie wird immer größer“, sagt Wippermann. „Grund ist die Suche nach einfachen Erklärungen in einer komplizierten Krise.“
Ein Orden, sie zu knechten, sie alle zu finden und ewig zu binden
Wie langlebig sie mitunter sein können, zeigt wohl kaum ein Mythos eindrücklicher als der über den Illuminatenorden. Die vor 250 Jahren in Ingolstadt gegründete Geheimgesellschaft steht bis heute praktisch als Synonym für den Glauben an eine geheime Weltverschwörung. Was auch für Ereignisse sich abspielen – den „Erleuchteten“ wird scherz- oder ernsthaft eine Mitwirkung unterstellt.
Historisch gesehen war den Illuminaten hingegen nur ein kurzes Zwischenspiel vergönnt. Am 1. Mai 1776 gründete der Philosoph Adam Weishaupt den Orden mit dem Ziel, die Aufklärung weiter voranzutreiben und den gerade im Kurfürstentum Bayern starken Einfluss der katholischen Kirche zu bekämpfen.
Als Hochschullehrer in Ingolstadt hatte sich Weishaupt zuvor vor allem mit dem 1773 offiziell aufgelösten Jesuitenorden überworfen – seinerseits übrigens auch ein bis heute gern genutztes Ziel von Verschwörungsmythen.
Was war der Illuminatenorden wirklich?
Der Name Illuminati kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Die Erleuchteten“. Der Orden wurde zu Beginn als studentischer Lesekreis gegründet, dessen Mitglieder sich selbst „Perfectibilisten“ nannten. Er entwickelte sich schnell zu einer der ungewöhnlichsten Geheimgesellschaften der Aufklärungszeit: Radikal in seinen Bildungsidealen, elitär in seiner Rekrutierung, heterogen in seiner Mitgliedschaft.
Der Orden zählte Gelehrte, Beamte, Adlige und Bürger sowie den Gothaer Herzog zu seinen Mitgliedern, Frauen waren nicht zugelassen. Besonders bedeutend für die weitere Geschichte war dabei der Eintritt von Adolph Freiherr von Knigge.
Der bis heute für seinen Benimm-Kodex bekannte Adelige trat 1780 bei und nahm sofort eine prägende Rolle ein. Er gab dem Orden eine feste Struktur und warb in seiner niedersächsischen Heimat Hunderte neue Illuminaten an, darunter auch große Namen wie Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Herder.
Unterwanderung des Absolutismus
Der durch die fortschreitende Aufklärung europaweit in Bedrängnis geratenen kirchlichen Lehre stellten die Illuminaten eine auf der neuen Vernunft basierende Lehre entgegen, die auch den Absolutismus als damals vorherrschende Regierungsform ablehnte.
Eine Methode des Ordens – und hier beginnt nun der eigentliche Verschwörungsteil – war die Unterwanderung staatlicher Institutionen. Damit waren die Illuminati durchaus erfolgreich: So bestand das bayerische Zensurkollegium, das für die Kontrolle und Einschränkung von Publikationen im Kurfürstentum zuständig war, zeitweise mehrheitlich aus Mitgliedern des Ordens. Diese konnten somit dafür Sorge tragen, dass Dokumente in ihrem Sinne veröffentlicht wurden und auch Verbreitung finden konnten.
Erfolg führte zum Zusammenbruch
Der rasante Erfolg der Illuminaten sollte jedoch auch ihr Ende besiegeln. In der Führungsriege kam es zum Machtkampf zwischen Gründer Weishaupt und Knigge, der letztlich im Austritt Knigges endete. Gleichzeitig wurde Bayerns Kurfürst Karl Theodor auf die Tätigkeit der Organisation aufmerksam.
Am 2. März 1785 folgte das Verbot der Gesellschaft aufgrund von landesverräterischen und religionsfeindlichen Umtrieben. Einige überführte Ordensmitglieder wurden des Landes verwiesen oder verloren ihre Stellung, Weishaupt floh schließlich, wobei seine Funktion als Gründer damals noch unbekannt blieb.
Nach der Auflösung entstand der Mythos
Doch begann nun die Legendenbildung um die Illuminati. Gerüchte darüber, dass sie im Geheimen weiter existierten, erhielten durch die fortschreitende Radikalisierung der Aufklärung Nahrung. Unter anderem der Ausbruch der Französischen Revolution 1789 wurde als Werk den Illuminaten zugeschoben.
In den jungen Vereinigten Staaten wurde ebenfalls schon Ende des 18. Jahrhunderts eine Unterwanderung des kurz zuvor gegründeten Staates durch die Illuminaten gefürchtet.
Der Mythos setzte sich in den kommenden Jahrhunderten immer weiter fort. Dabei vermischten sich zunehmend Vorurteile und Motive. Illuminaten und Freimaurer verschmolzen quasi zu einer Einheit. Gleichzeitig kamen etwa antisemitische Motive hinzu, die eine Verbindung zu einem alles beherrschenden Weltjudentum zogen.
Die Illuminaten sind auch Thema in populären Romanen wie in der Romantrilogie „Illuminatus!“ von Robert Shea und Robert Anton Wilson, in Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel“ oder „Illuminati“ von Dan Brown. Hier werden sie als finstere Schurken, undurchsichtige Komplottschmieder oder dämonische Weltverschwörer dargestellt.
In Dan Browns Verschwörungsthriller muss der Harvard-Symbolforscher Robert Langdon in einem Rennen gegen die Zeit Hinweise entschlüsseln, um den Vergeltungsschlag des reaktivierten Geheimbunds auf den Vatikan zu vereiteln.
Einfache Antworten auf schwierige Fragen
Verschwörungstheorien geben einfache Antworten auf schwierige Fragen. Im Weltbild von Verschwörungstheoretikern spielen Sündenböcke und dämonisierte Minderheiten eine zentrale Rolle. Die Gegner werden als machtvoll, unsichtbar, allgegenwärtig und böse empfunden. Dieses „Dämonen-Stereotyp“ findet sich nach Meinung Grüters bei Globalisierungsgegnern genauso wie bei evangelikalen Fundamentalisten oder islamistischen Fanatikern.
Das Rezept ist einfach: Es werden nur solche Fakten und Zahlen zugelassen, die das eigene Weltbild stützen. Alles andere wird ignoriert. Ereignisse werden so lange umgedeutet, bis sie ins Konzept passen. Mit der realen Welt hat dieses holzschnittartige Konstrukt nichts zu tun.
Frustration und fehlende politische Kontrolle
Für den Soziologen Hans Jürgen Krysmanski (1935-2016) steht fest: „Verschwörungstheorien sind im Grunde ein Ausdruck der Frustration über mangelnden Zugang in der Politik.“ Sie würden immer dann entstehen, wenn die Demokratie versagt. „Und leider Gottes versagt die Demokratie ja ständig oder immer öfter.“ Mehr denn je haben viele Menschen das Gefühl, dass die Politik über ihre Köpfe hinweg Entscheidungen trifft, die ihr Leben negativ beeinflussen.
Vom diffusen Unbehagen bis zur Verschwörungstheorie ist es dabei oft nur ein kleiner Schritt. Für Thomas Grüter steht jedenfalls fest: „Aufklärung und ständiger Dialog sind das Beste, was man gegen Verschwörungsdenken tun kann.“
Widerlegung fast unmöglich
Dass der Glaube an solche Theorien aber eben nicht nur harmlose Spinnerei ist, sondern auch gefährliche Auswüchse annehmen kann, hat sich in der QAnon-Bewegung zuletzt nun deutlich manifestiert. Vielleicht nicht 250 Jahre, doch zumindest solange die Maga-Bewegung in den USA die Macht hat, werden sie sich wohl weiter verbreiten können.
