Was bleibt von Aufbruch Stuttgart?

Bis 2021 mit Wieland Backes an der Spitze, wollte der Verein Aufbruch Stuttgart die Stadt neu denken. Nun verkündete der Vorsitzende Thomas Rossmann das Aus. Ein Blick zurück auf Aktionen und Diskussionen – aber auch auf Verwerfungen um die Ausrichtung.

Von Nikolai B. Forstbauer

Stuttgart - Bei strahlendem Sonnenschein auf der Stadtautobahn B 14 im Herzen der Landeshauptstadt gemütlich plaudern und Artisten auf dem Hochseil zuschauen – wer will das nicht? Es war, am 17. September 2017, einer der besten Momente im summiert doch kurzen Leben des Vereins Aufbruch Stuttgart – und doch auch kennzeichnend für die Widersprüche von Anfang an.

Ja, Wieland Backes, als Fernsehmoderator bekannt geworden, hatte als Mitinitiator der Initiative und dann auch Vorsitzender des Vereins Aufbruch Stuttgart (mit zeitweilig 750 Mitgliedern) das positive Echo auf erste Versuche, Stuttgarter Stadtentwicklungsbälle neu ins Spiel zu bringen, durchaus als Aufforderung verstehen können, weitere Schritte folgen zu lassen. Der Glaube, damit Neuland zu betreten, war indes für manche Mitstreiterinnen und Mitstreiter allzu verführerisch und begründete von Beginn an die Überhöhung der eigenen Ziele. Sieben Jahre später ist Aufbruch Stuttgart am Ende, Anfang März hat der Verein seine Auflösung beschlossen.

Was also bleibt? Und bleibt wirklich etwas? „Aufbruch Stuttgart hat bei wichtigen Projekten der Stadtplanung die Diskussionen breiter in die Stadtgesellschaft getragen“, sagt Stuttgarts Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) unserer Zeitung. Als „unabhängige Bürgerbewegung für die Stadt der Zukunft“ sah und sieht sich Aufbruch Stuttgart selbst, als Bewegung „für eine Stadt, von der wir träumen“.

Bald identifizierte man hierbei zwei zentrale Themen: die Planungen für eine Generalsanierung des Opernhauses Stuttgart und die Erweiterung des Staatstheater-Areals um 10 000 Quadratmeter Nutzfläche sowie die mittlerweile 40 Jahre andauernde Diskussion über die Verkehrsschneise B 14.

Ein Satz fällt hier wie da immer wieder: Aufbruch Stuttgart habe „mit einem eigenen Vorschlag“ die jeweilige Debatte „neu angefacht“. Andere sahen und sehen ebendiese Haltung als Störfeuer im langwierigen Tauziehen mit Stadt und Land, zwischen Stadt und Land.

Aktionen lassen aufhorchen: Am 8. Juli 2018 ruft Aufbruch Stuttgart dazu auf, die B 14 mit 1000 Stühlen buchstäblich zu besetzen. 230 werden es. Im November 2018 bringen prominente Beteiligte eines Ideenwettbewerbs zur Weiterentwicklung der B 14 unter dem Stichwort „Aufbruch Kulturquartier“ einigen Medienwiderhall. In der Sache wirbt Aufbruch Stuttgart hier vor allem für den Neubau eines Opernhauses bei Erhalt des Littmann-Baus. Diskussionen vor vollen Reihen wie im Mai 2019 mit „Was nun, Stuttgart?“ lassen auf Interesse auch außerhalb der Säle hoffen. Im November 2019 wagt man gar eine mehrtägige Veranstaltung zu einer „menschengerechten“ Stadt.

Solchem Schwung scheint auch die Pandemie wenig anhaben zu können. Darauf lassen zumindest die seit 2022 weiter organisierten Veranstaltungen schließen. Thomas Rossmann, seit 2021 Vorsitzender von Aufbruch Stuttgart, sagt zur Begründung für die Auflösung des Vereins nun gleichwohl: „Die beinahe drei Jahre anhaltende Corona-Epidemie hat nicht nur unseren Verein ausgebremst, sondern auch die Gesellschaft“, und sieht „die Bereitschaft gesunken, sich für kulturelle Projekte in der eigenen Stadt einzusetzen“.

Thomas Rossmann? Im Oktober 2020 erklärt der damalige Vereinsgeschäftsführer per Rundmail seinen sofortigen Rückzug als Vorstandsmitglied sowie seinen Austritt aus dem Verein. Von Rissen im Aufbruch-Team will Wieland Backes seinerzeit nicht sprechen. Nicht anders als anderthalb Jahre zuvor, als zwei Vorstände ihre Ämter ruhen ließen. Im Oktober 2021 dann der nächste Schnitt: Thomas Rossmann, in den Verein zurückgekehrt und für den vorzeitig zurückgetretenen Wieland Backes kommissarisch Lenker des Vereins, wird offiziell zum Vorsitzenden gewählt.

Zugleich wachsen die Zweifel – vor allem das Thema Generalsanierung des Opernhauses bringt Rossmann, der anhaltend gegen den Einbau einer Kreuzbühne votiert, Gegenwind aus den eigenen Reihen. Rossmann bleibt bei seiner Position und scheint im November 2022 zunächst einen Erfolg zu verbuchen: Die Veranstaltung „Opernsanierung ja – aber billiger und besser“ findet im Haus der Architekten in Stuttgart statt. Jedoch – die Architektenkammer als Trägerin des Hauses distanziert sich eilig.

Ein Jahr später aber, im Oktober 2023, ist Aufbruch Stuttgart erneut Gast im Haus der Architekten. Das lange Nichts nach dem Ideenwettbewerb der Stadt zum Rückbau der B 14 von der Stadtautobahn zu einer „normalen Straße“ bringt auch die Sieger von 2020, asp Architekten, mit auf die Aufbruch-Stuttgart-Bühne. Das unmissverständliche „Fangt endlich an!“ des Abends aber verhallt schnell.

Hat der Vereinsvorstand um Thomas Rossmann auch deshalb am 6. März die Reißleine gezogen und die Auflösung beschlossen? Wirksam wird der Beschluss zum 1. Oktober. Was also bleibt von sieben Jahren Aufbruch Stuttgart? Zum Finale auf jeden Fall dies – „eine Broschüre mit einem Überblick über die Aktivitäten des Vereins“.

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Erstellt:
20. März 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
21. März 2024, 22:05 Uhr

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