Urzeit-Rätsel
Was ein Krokodil über Europa zur Zeit der Dinosaurier verrät
Gab es in der Kreidezeit eine Landbrücke zwischen Europa und Afrika? Bisher schienen einige Fossilien darauf hinzudeuten. Doch jetzt beseitigt ein Fossilfund in Ungarn den wichtigsten „Kronzeugen“ für diese Landverbindung.
© © Márton Zsoldos
So könnte das landlebende Krokodil Doratodon carcharidens vor 85 Millionen Jahren ausgesehen haben. Anders als zuvor gedacht kam es jedoch nicht aus Gondwana.
Von Markus Brauer
In der Kreidezeit war Europa eine tropische Inselwelt. Sie entstand, nachdem der urzeitliche Superkontinent Pangäa vor rund 200 Millionen Jahren in das nördliche Laurasia und den Südkontinent Gondwana zerfiel.
Am Südrand von Laurasia lagen zahlreiche kleinere Plattenbruchstücke, aus denen sich Europa bildete. Von Afrika, das zu Gondwana gehörte, war es jedoch durch ein Meer getrennt. Erst später driftete Afrika wieder auf Europa zu.
Gab es einen „Eugondwana“-Kontinent?
So weit das urzeitliche Szenario. Doch einige in Europa gefundene Fossilien widersprechen diesem Bild. Sie scheinen von Tieren zu stammen, die noch während der Kreidezeit aus Afrika nach Europa gelangten. „Das ist schwer mit einer strikten Laurasia-Gondwana-Trennung zu vereinbaren“, erklären Máté Szegszárdi von der Eötvös-Loránd-Universität in Ungarn und Márton Rabi aus der Biogeologie der Universität Tübingen.
Deswegen gingen Paläontologen von einem anderen tektonischen Szenario aus. Demnach muss es zumindest in der frühen Kreidezeit doch noch eine Landverbindung zwischen Europa und Gondwana gegeben haben – einen „Eugondwana“-Kontinent.
Landlebends Krokodil Doratodon carcharidens
Bisher sei man in der Paläontologie davon ausgegangen, dass die europäische Fauna in der Zeit der Dinosaurier größtenteils eine gemeinsame Evolutionsgeschichte sowohl mit Arten in Nordamerika als auch mit denen der südlichen Landmassen des früheren Gondwana, also mit Afrika und Südamerika, hatte“, berichtet Rabi.
Dieser Annahme zufolge wäre Europa länger mit Afrika verbunden gewesen, als die geologischen Modelle vorhersagten. „In der Kreidezeit hätten sich die Landtiere frei zwischen den heute getrennten Kontinenten bewegen können“, erklärt Rabi.
Als ein Schlüsselbeleg für diese Annahme gilt das landlebende Krokodil Doratodon carcharidens. Dieses vor rund 85 Millionen Jahre lebende Reptil besaß einen langen Schädel und klingenartige, gezackte Zähne, die an fleischfressende Dinosaurier erinnerten. Das zeigen 2018 in Ungarn entdeckte Fossilien.
„Diese Merkmale waren bisher nur von afrikanischen und südamerikanischen Krokodilarten dokumentiert“,erklärt Márton Rabi von der Universität Tübingen. „Doratodon wurde daher lange als Einwanderer über den Landweg aus dem Süden betrachtet.“
Mit seinem langen Schädel und den klingenartigen gezackten Zähnen erinnere Doratodon carcharidens an fleischfressende Dinosaurier. „Diese Merkmale waren anderweitig bisher nur von afrikanischen und südamerikanischen Krokodilarten dokumentiert. Doratodon wurde daher lange als Einwanderer über den Landweg aus dem Süden betrachtet“, erläutert Rabi. „Doch waren die bisher bekannten Überreste von Doratodon nur sehr stückhaft, sie be-schränkten sich auf Zähne und unvollständige Kiefer.“
Fundstücke vom selben Individuum
Zu einem 2018 gemachten Fund von Doratodon-Überresten aus der ungarischen Fundstätte Iharkút in 85 Millionen Jahre alten Felsen der Kreidezeit machte das Forscherteam sechs Jahre später eine weitere Entdeckung: „Wir fanden einen Oberkiefer mit den charakteristischen Zähnen und stellten fest, dass dieser und der zuvor entdeckte Teilschädel perfekt ineinanderpassten“, berichtet Attila Ősi. „Es war klar, dass er zum gleichen Individuum gehört haben musste, und Doratodon nahm schließlich vor unseren Augen Gestalt an.“
Die Proportionen des Schädels und der Zähne lassen auf ein mit 1,5 Metern Gesamtlänge mäßig großes, aber angsteinflößend wirkendes Krokodil mit dinosaurierartigem Kopf und vermutlich langen Beinen schließen. „Auf den ersten Blick schienen die neuen Funde die große Ähnlichkeit von Doratodon mit einigen ausgestorbenen Krokodilarten aus Afrika und Südamerika zu bestätigen“, betont Ősi.
Das Ergebnis der umfassenden Analyse der anatomischen Details und der evolutionären Verwandtschaft von Doratodon fiel unerwartet aus. „Die Art ist nicht eng mit den südlichen Krokodilarten verwandt. Sie gehört vielmehr zu einer Gruppe von Krokodilen aus Nordamerika und Asien, die eher unserem heutigen Bild eines Krokodils entsprechen“, erläutert Máté Szegszárdi.
Fall extremer evolutionärer Konvergenz
Doratodons Ähnlichkeit mit afrikanischen und südamerikanischen Formen habe sich als Fall extremer evolutionärer Konvergenz herausgestellt. So bezeichnen Fachleute starke Ähnlichkeiten bei nicht verwandten Arten, die aufgrund ähnlicher ökologischer Rollen gleiche Merkmale entwickelten.
Bei der erneuten Untersuchung anderer europäischer Arten, darunter Dinosau-rier, aus dieser Zeit, die als afrikanische Einwanderer angesehen wurden, stellten die Wissenschaftler fest, dass auch ihre Abstammung neu betrachtet werden muss.
„Diese Tiere können wir als Überlebende einer einst weit verbreiteten Abstammungslinie aus der Zeit des großen Urkontinents interpretieren. Das ist wahrscheinlicher, als dass sie als Neuankömmlinge die Landmassen vom Süden aus in Richtung Europa überquerten“, resümiert Rabi.
Europas prähistorische Karte
Die Befunde legten nahe, dass die hauptsächliche Aufteilung des Superkontinents Pangäa in den Nordkontinent Laurasia und den Südkontinent Gondwana eine wichtige Rolle bei der Auseinanderentwicklung der Krokodilgruppen spielte.
Rabi: „Wir gehen von einer frühen Trennung Europas und anderer Teile Laurasias von Gondwana aus, bereits im Jura vor circa 180 Millionen Jahren – was besser mit geologischen Modellen übereinstimmt. Doratodon hat sozusagen die prähistorische Karte Europas neu gezeichnet.“
