Politische Abrechnung

Was Hagel und Özdemir sich um die Ohren hauen

Die Zeichen bei der Landtagswahl stehen auf Grün-Schwarz. Trotzdem teilen CDU und Grüne beim politischen Aschermittwoch gegeneinander aus. Der eine mehr, der andere weniger.

Grüne Prominenz trat mit dem früheren Außenminister Joschka Fischer, Spitzenkandidat Cem Özdemir und der Bundesvorsitzenden Franziska Brantner auf die Bühne. Bei der CDU war Hessens Ministerpräsident Boris Rhein zu Gast bei Spitzenkandidat Manuel Hagel.

© Silas Stein/dpa

Grüne Prominenz trat mit dem früheren Außenminister Joschka Fischer, Spitzenkandidat Cem Özdemir und der Bundesvorsitzenden Franziska Brantner auf die Bühne. Bei der CDU war Hessens Ministerpräsident Boris Rhein zu Gast bei Spitzenkandidat Manuel Hagel.

Von Annika Grah und Bärbel Krauß

18 Tage vor der Wahl ist nicht die Zeit zum Tiefstapeln, außerdem gibt es bei politischen Veranstaltungen nie breitbeinigere Auftritte und vollmundigere Reden als beim Aschermittwoch. Insofern ist nur logisch, dass Manuel Hagel zum Fasnetsabschluss der CDU schon als „künftiger Ministerpräsident“ begrüßt wird und gleich zu Beginn eines klarstellt: dass der zweitgrößte Aschermittwoch in Deutschland und damit der Welt hier und jetzt in Fellbach stattfinde.

Hagel nennt weder Özdemir noch AfD-Spitzenkandidat Frohnmaier

Doch mit Attacken auf die politischen Gegner hält Hagel an diesem Tag genauso zurück wie sonst in seinen Wahlkampfreden. Er umschifft die Klippen. Namentlich erwähnt Hagel weder Cem Özdemir noch AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier, wohl aber die Parteien. „Der grüne Kulturkampf gegen das Auto muss aufhören“, fordert Hagel. Dass die Berliner Parteifreunde Özdemirs den Verbrenner aus ihrem Stadtgebiet verbannen wollten, wertet er als „grüne Sabotage“.

Beim Artenschutz dürfe es doch nicht wahr sein, dass der Ausbau eines „Photonic Valley“ auf der Ostalb wegen einer maroden Brücke bei Aalen gebremst werde – weil die Haselmaus dort Individualschutz genieße. Im übrigen sei er bei der CDU und sage das nur, weil andere ihre Partei nicht auf ihre Plakate schrieben. Ein Seitenhieb auf die Wahlplakate des Noch-Koalitionspartners.

Auch die AfD bekommt ihr Fett ab. Die hätten die Idee mit den Familienunternehmen falsch verstanden, spottet Hagel. „Da geht es nicht darum, dass jeder Familienmitglieder überall einstellt“. Außerdem wolle die AfD raus aus Europa und Frohnmaier suche die Nähe zu Trump, der deutsche Arbeitsplätze der Autoindustrie in die USA holen wolle, macht Hagel weiter.

Boris Rhein höhnt, Özdemir pflanze nur Hanfpflanzen

Die härtesten Attacken gegen Cem Özdemir überlässt der CDU-Spitzenkandidat wie schon den ganzen Wahlkampf über seinen Parteifreunden. Den schärfsten Säbel gegen Hagels grünen Konkurrenten Cem Özdemir führt Hessens Ministerpräsident Boris Rhein, der als Stargast geladen ist. „Ja, wir kennen ihn“, höhnt Rhein in Anspielung auf eines von Özdemirs Plakaten. „Der hat den Agrardiesel verboten und saß ansonsten in der Ampelregierung am Katzentisch.“ Aber was solle man von jemandem erwarten, „dessen einzige Pflanze, die er je gepflanzt hat, eine Hanfpflanze gewesen ist?“ Ganz ernst gemeint dürfte der Anwurf nicht gewesen sein. Rhein dürfte wissen, dass Özdemir als Bundeslandwirtschaftsminister mehr als einen Baum gepflanzt haben dürfte – allein im Landtagswahlkampf waren es schon zwei.

Das Abarbeiten am politischen Gegner am Aschermittwoch nach der Fasnet hat Tradition – mit ganz harten Bandagen wird aber in diesem Wahlkampf nicht gekämpft. Aktuell sehen Umfragen einzig Schwarz-Grün als mögliche Koalition mit einer knappen Mehrheit. Das kann sich noch ändern. FDP und SPD haben die Hoffnung auf eine Deutschlandkoalition noch nicht aufgegeben. CDU und Grüne wissen nur zu gut, dass sie nach der Landtagswahl am 8. März womöglich wieder am Kabinettstisch miteinander auskommen müssen.

Özdemir teilt gegen Hagel aus: nur Ankündigungen

Und doch: Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir lässt sich bei politischen Aschermittwoch der Grünen in Biberach nicht lumpen. Er nimmt in seiner Rede seinen Kontrahenten Hagel ungewöhnlich deutlich aufs Korn. Etwa dessen vor Monaten getätigte Ankündigung, Verwaltungsebenen abzubauen: „Welche das sein sollen, hat er nie erklärt“, lästert Özdemir und macht weiter: Verwaltungsdigitalisierung und Wirtschaftsförderung, zwei Themen, die Hagel vorwiegend im Wahlkampf spielt, hätten in den Ressorts der CDU gelegen, sagt Özdemir. „Und der Bürokratieabbau, die Modernisierung der Wirtschaftsförderung, die Vorbereitung unserer Industrie auf den Wandel – das sind genau die Aufgaben, die dort lagen.“

Er sage nicht, dass nichts passiert sei, betont Özdemir, aber es sei mutig, wenn die CDU im Wahlkampf den Wechsel ausrufe. Denn sie sei seit 1953 ja 68 Jahre an der Regierung gewesen. „Wohin wollen sie jetzt wechseln? Oder wollen sie, dass die Grünen alleine regieren?“ Er wisse selber nicht, ob er das möchte, sagt Özdemir und erntet Lacher. Schärfer wird er nicht: „Ich möchte auch über die politische Konkurrenz so reden, dass man sich am Tag nach der Wahl nicht erst mal entschuldigen muss.“

Joschka Fischer flankiert Özdemir

Zudem weißt er nur zu gut: Die Argumentation, dass die CDU an der Regierung zu wenig erreicht habe, ist eine Gratwanderung. Denn das ist der Tenor, den die AfD in diesem Landtagswahlkampf anschlägt – auch gegen die Grünen. Aber es wäre nicht Aschermittwoch, wenn nicht auch härter gegen den politischen Gegner ausgeteilt würde, als sonst im Wahlkampf. Und es geht um viel für die Grünen in Baden-Württemberg.

Es ist kein Wunder, dass sie Prominenz aufgeboten haben – bei der CDU reist die erst Ende der Woche zum Bundesparteitag an. Die Grünen-Bundesvorsitzende Franziska Brantner und ihre Vorgängerin Ricarda Lang sind gekommen. Auch Grünen-Urgestein Joschka Fischer, der die Veranstaltung in Biberach vor 30 Jahren zusammen mit Rezzo Schlauch und anderen etabliert hat, ist nach Jahren wieder nach Oberschwaben gereist. 

Fischer nimmt nach einem außenpolitischen Exkurs und der Warnung vor den Trumps und Putins dieser Welt Manuel Hagel aufs Korn. Es sei „die höchste Form der Anerkennung“, wenn der kleinere Koalitionspartner sein Erbe antreten wolle, sagt er in die Richtung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Eine Formulierung, die Manuel Hagel einmal gewählt hatte. „So was nennt man eigentlich auf Schwäbisch, Hessisch, Deutsch: Erbschleicherei“, schmunzelt Fischer. Allerdings habe auch seine Partei Ansprüche, macht Fischer klar: „Das Erbe gehört auch uns Grünen.“

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Erstellt:
21. Februar 2026, 15:44 Uhr

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