Was uns Alexander Gerst zu sagen hat

Für Demokratie muss man sich engagieren – und: Wir alle können das Geschenk Erde schützen. Das sind die Kernbotschaften zweier neuer Ausstellungsbereiche im Haus der Geschichte in Stuttgart. Nun locken „Demokratie und Teilhabe nach 1945“ sowie eine „Klimatreppe“.

Alexander Gersts Zuruf aus dem All auf der Klimatreppe im Haus der Geschichte

© /Daniel Stauch Photography

Alexander Gersts Zuruf aus dem All auf der Klimatreppe im Haus der Geschichte

Von Nikolai B. Forstbauer

Stuttgart - Ein Besuch im Haus der Geschichte Baden-Württemberg ist immer eine Zeitreise. Nun auch in eine nicht mehr ferne Zukunft spürbarer Folgen der Erderwärmung. Die Treppe hinauf zum Themenpark des Museums ist zur „Klimatreppe“ geworden – die Wand zur Projektionsfläche für eine mit immer neuen Informationen über Verkehrswege, Luftströme oder Flächenfraß gespickte Sicht auf die Erde. Für die Nachricht sorgt Astronaut Alexander Gerst mit seiner aus der Raumstation ISS gesendeten, legendär gewordenen „Botschaft an meine Enkelkinder“: Wir alle können mithelfen, das Geschenk Erde zu schützen.

Von einem Regiepult aus lassen sich vertiefende Fragen stellen. Möglich macht diese Animation das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen. Eine Vorlage, die danach ruft, im Dialog mit dem Höchstleistungszentrum der Universität Stuttgart und dem hiesigen Institut für Luft- und Raumfahrt zum Volltreffer zu werden.

Wiederum legt der zweite der beiden neu gestalteten Museumsbereiche zur jüngsten Landesgeschichte mustergültig vor: Die großen Fragen – sie spielen ja hier, spielen in Baden-Württemberg, und Antworten müssen nicht nur die Region Schwarzwald oder die vor Hitzewellen stehenden größeren Städte geben.

Doch inmitten der im Themenpark bekannten, einen Wald simulierenden Ausstellungsarchitektur, wird auch noch einmal deutlich: Das gerne gefeierte Naturideal war schon um 1900 nurmehr eine vor allem über Bilder transportierte Erfindung. Und so ist der neue Impuls Klimatreppe zugleich eine Forderung, die Innovationskraft von Baden-Württembergs Schlüsseltechnologien im Höchsttempo für mögliche Antworten auf die Folgen der Erderwärmung zu nutzen.

Nicht weniger aktuell zeigt sich der zentrale Teil der Neugestaltung zur jüngsten Landesgeschichte: „In Zeiten steigender Verachtung des Rechtsstaates, von wachsendem Extremismus, Rassismus und Antisemitismus gebührt dem Engagement für Demokratie besondere Aufmerksamkeit“, sagt Paula Lutum-Lenger. Und schnell ist klar: Die kluge Präsentation von 18 ausgewählten Persönlichkeiten und ihren Engagement-Biografien in Sachen Demokratie ist auch ein Ausrufezeichen der scheidenden Direktorin. Ende März hört Lutum-Lenger auf – und nicht anders als das Haus der Geschichte selbst wie auch den unter dessen Regie stehenden Erinnerungsort Hotel Silber und Stauffenberg-Erinnerungsstätte setzt auch diese Neupräsentation Maßstäbe in der Vermittlungsqualität.

Die Idee, einen leicht zugänglichen, schon dabei aber von großem Ernst bestimmten Informationsraum zu schaffen, der zahllose Vertiefungen erschließt, überzeugt hier erneut. Und völlig zu Recht spricht Paula Lutum-Lenger von einem „Lernort der Demokratie“.

Sich dabei mit keiner politischen Richtung gemein zu machen, heißt umgekehrt auch: Meinungsvielfalt und mögliche Risse innerhalb scheinbar geschlossener politischer Lager kenntlich zu machen. So sind es etwa auch CDU-Mitglieder, die auf ganz eigene Art in den 1970er Jahren den Protest gegen das geplante Atomkraftwerk in Whyl mit befördern. Und auch dies wird deutlich: Nicht immer stehen die Heldinnen und Helden in der ersten Reihe. Man lernt da etwa Werner Mildebrath kennen, einen Elektriker, der Lautsprecher baute und so die Anti-Atomkraft-Bewegung buchstäblich hörbar machte.

Ungeachtet eigenen Leids und der Ermordung von Familienmitgliedern in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern kehrt der Shoa-Überlebende Harry Kahn nach 1945 nach Deutschland zurück – nach Baisingen. „In seine Heimat“, wie sein Sohn Fredy Kahn bei einem Rundgang durch die Neupräsentation „Demokratie und Teilhabe nach 1945“ betont. Ein silberner Chanukkaleuchter der Familie steht für den Anspruch und die Hoffnung, jüdisches Leben in Deutschland neu blühen lassen zu können. Harry Kahn streitet für die Rückgabe des geraubten Familienbesitzes und stiftet Erinnerungssteine mit den Namen der ermordeten jüdischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner aus Baisingen.

Landesgeschichte ganz nah und von eigener Tiefe – dies ist die Stärke des Hauses der Geschichte. Und so passt es, dass man für die künftig immer wieder neu zu besetzende 18. Position im Personen-Panorama eine Verbindung zwischen Demokratie, Teilhabe und Klimafragen erarbeitet und zum Start eine mit Künstlicher Intelligenz geschaffene Figur gewählt hat. Sie verkörpert die Ideen des Stuttgarter Vereins Shalom und Salam, „in der Zusammenarbeit jüdischer und muslimischer Menschen neue Perspektiven zu entwickeln“.

Eine richtungsweisende Hoffnung für das Zusammenleben – und dies nicht nur in Baden-Württemberg.

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Erstellt:
19. März 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
20. März 2024, 21:45 Uhr

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