Wasser und Wind erfrischen das Rind

Landwirte im Backnanger Raum lassen sich einiges einfallen, um ihren Tieren über den heißen Sommer hinwegzuhelfen

Die Sonne strahlt gnadenlos, das Thermometer zeigt immer höhere Grade an, der Sommer dreht voll auf. Menschen suchen Schutz im Schatten und in kühlen Räumen. Wasser ist gefragt: Zum Duschen, zum Baden, zum Trinken. Aber wie geht es landwirtschaftlichen Nutztieren mit der Hitze dieses Sommers? Schweine leben oft in voll klimatisierten Ställen, aber Rinder und Schafe?

Martin Dürr setzt in seinem Stall an besonders heißen Tagen seinen fahrbaren Ventilator ein, um für frischen Wind zu sorgen. Foto: U. Gruber

© Ute Gruber

Martin Dürr setzt in seinem Stall an besonders heißen Tagen seinen fahrbaren Ventilator ein, um für frischen Wind zu sorgen. Foto: U. Gruber

Von Ute Gruber

MURRHARDT/ASPACH. Wenn es den Kühen von Familie Gläser in Großaspach zu warm wird, können sie sich einfach unter die kühle Dusche stellen. Die hat der Chef für seine Damen eigenhändig aus einem Schlauch und einer Spritzendüse zusammengebastelt. „Wenn’s Richtung 30 Grad geht, stell ich das Wasser an“, erklärt Roland Gläser. Dann verdunstet das Wasser durch den Wind, der auf der luftigen Anhöhe stetig durch die komplett geöffneten Seitenwände weht, und kühlt Luft und Tier.

Der neue Stall, in dem die 70 Fleckviehkühe frei herumlaufen können, hat ein hohes Dach aus sogenannten Sandwich-Elementen: Zwischen dem äußeren und dem inneren Profilblech befinden sich sechs Zentimeter Isolierschaum, so bleibt die Hitze draußen. Im Winter übrigens – dann bei geschlossenen Seiten – die Kälte. An der Milchleistung und an deren Inhaltsstoffen sieht man, ob es den Tieren gut geht: Bleibt die Menge gleich und der Fettgehalt trotz Hitze bei vier Prozent und darüber, weiß man, dass die Milchkühe genügend fressen, Ruhe finden und wiederkäuen.

Einen viel engeren, niedrigeren Stall hat Martin Dürr aus Heidenhof bei Leutenbach in seinem Aussiedlerhof aus den 60er-Jahren. Damals dachte man, Kühe bräuchten es warm. Trotz geöffneter Türen ist es heiß dort drin – kein Wunder bei fast 40 vierbeinigen Heizöfen. Besonders belastend ist dies während des Melkens, wenn Heidrun Dürr, um das Melkgeschirr anzuhängen, zwischen die angebundenen Milchkühe gehen muss, die nervös nach den aufgedrehten Fliegen schwänzeln und treten.

Jetzt kommt Tüftler Dürrs Einsatz: Er schiebt den mannshohen Ventilator, den er auf zwei Paletten mit Rädern montiert hat, über den Futtertisch und bläst Melkenden und Gemolkenen frischen Wind um die Ohren und jagt die lästigen Fliegen zum Teufel. Hat einer seiner Lieblinge, die unter anderem Selma, Lindenblüte und Sonnenschein heißen, nach dem Kalben mit dem Kreislauf zu kämpfen, bekommen sie von Dürr höchstpersönlich einen kühlen Wickel in Form eines nassen Jutesackes aufgelegt.

Wie halten es aber die Weidetiere aus, die draußen in der freien Natur leben? Die Limpurger Mutterkühe vom Wacholderhof bei Murrhardt halten es wie die Spanier: Mittags wird im Schatten Siesta gemacht. Gefressen wird in der Dämmerung abends und morgens. „Wichtig ist, dass sie immer Wasser haben. Wenn kein Bach an der Weide ist, müssen wir täglich das Wasserfass kontrollieren“, erklärt das Betreuungspersonal.

Penetrant für die Kühe
sind die stechlustigen Bremsen

Penetrant für die Kühe, selbst im Schatten, sind allerdings die stechenden Bremsen, gerade am Waldrand. Die 800 Mutterschafe von Familie Allmendinger aus Heutensbach ficht das aber nicht an: Ihre dichte Wolle ist gerade so viel nachgewachsen, dass die Blutsauger mit ihrem Rüssel nicht mehr durchkommen. „Deswegen scheren wir wohlweislich schon Ende April, nicht erst im Juni“, erklärt Bernd Allmendinger. Nur an Nase und Euter liege die Haut frei. Auch Allmendingers mit ihren Wanderherden lassen ihre Tiere derzeit in den Morgen- und Abendstunden grasen, tagsüber ruhen sie im Schatten. „Was heißt ‚Gras‘“, stellt der Schäfermeister allerdings fest, „das ist ja gerade mehr ‚Heu am Stiel‘.“

Derzeit weiden sie die Flächen ab, die eigentlich für Öhmd vorgesehen waren, also Heu im zweiten oder dritten Schnitt. „Ob das Winterfutter trotzdem langt, zeigt sich erst im Frühjahr.“ Wie die meisten Grünlandbetriebe haben sie keine ÖVF in Reserve, also ökologische Vorrangflächen, die dieses Jahr ausnahmsweise zur Futternutzung freigegeben wurden. „Außerdem wächst da jetzt ja auch nichts.“ Ein ganz anderes Problem stellt sich manchen Schafhaltern, die aktuell Decksaison haben. Im Gegensatz zu Rinderhaltern, die standardmäßig künstlich besamen und dabei auf tiefgefrorenes Sperma zurückgreifen können, ist bei Schafen der sogenannte Natursprung die Regel. Dazu läuft derzeit ein Zuchtbock in der Schafherde mit. Dessen Zeugungsfähigkeit allerdings kann durch die Hitze beeinträchtigt sein.

Wer sich je die Frage gestellt hat, weshalb eigentlich männliche Fortpflanzungsorgane so unpraktisch und riskant außerhalb des Körpers platziert sind, wo sie ständig in Gefahr sind, ist vielleicht auf die Antwort gestoßen: Die brauchen es kühl, um richtig zu funktionieren. Steigt die Temperatur in den Hoden über 33 bis 35 Grad, werden keine lebensfähigen Spermien mehr erzeugt. Im Bauchraum bei rund 37 Grad verbliebene Hoden sind daher unfruchtbar. Dies erklärt nachträglich so manche Lücke im Geburtsgeschehen einer Herde.

Die jedoch auch mal erwünscht sein kann: Familie Allmendingers Zuchtbock wurde zuletzt drei Wochen zwangsweise abstinent gehalten – wegen Weihnachten. Das ist nämlich in fünf Monaten, und genauso lange tragen Schafe. „Da wollen wir auch mal unsere Ruhe“, sagt Allmendinger im Hinblick auf den Stress mit lammenden Schafen, Boxenbau und verstoßenen Schoppenlämmern. Nicht jeder ist ein Fan einer „Stallweihnacht“.

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Erstellt:
22. August 2018, 06:00 Uhr

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