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Weichenstellungen für 100 Jahre

Die Forstverwaltung im Land hat eine umfassende Neuorganisation hinter sich. Während kommunale und private Wälder weiterhin vom Kreisforstamt betreut werden, ist der Staatswald nun Sache von ForstBW. Der Klimawandel erfordert neue Nachhaltigkeit.

„Wir müssen weiterhin mit dem Wald Geld verdienen“: Tobias Horwath von der Leitung des Forstbezirks Schwäbisch-Fränkischer Wald mit seinem Hund Magnum bespricht mit Reiner Brujmann im Forstrevier Ebersberg die Situation in den Staatswäldern. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

„Wir müssen weiterhin mit dem Wald Geld verdienen“: Tobias Horwath von der Leitung des Forstbezirks Schwäbisch-Fränkischer Wald mit seinem Hund Magnum bespricht mit Reiner Brujmann im Forstrevier Ebersberg die Situation in den Staatswäldern. Foto: J. Fiedler

Von Armin Fechter

WELZHEIM. Es gab einmal eine Zeit, in der Forst einfach Forst war. Da spielte es keine Rolle, wem ein Waldstück gehörte – ob einer Stadt, einem privaten Waldbauern oder dem Land Baden-Württemberg. Das (Einheits-)Forstamt war für jede Art von Wald gleichermaßen zuständig.

Weil diese Forstbehörde aber auch in der Holzvermarktung tätig war, kamen kluge Köpfe darauf, dass dies kartellrechtlich nicht ganz koscher sein könnte. Es folgte ein langjähriges juristisches Tauziehen. An dessen Ende lautete der Beschluss, dass der Staatswald künftig vom Land in eigener Regie betrieben werden muss und die anderen Waldbesitzarten unterm Dach der unteren Forstbehörde versammelt werden.

Ob dies der Weisheit letzter Schluss ist, wird sich weisen. Auf jeden Fall gibt es aber nun neben dem Kreisforstamt, das seinen Sitz im Landratsamt hat und für die Wälder in kommunalem und privatem Besitz zuständig ist, auch ForstBW für den Staatswald in Form einer Anstalt öffentlichen Rechts mit einer eigenen Verwaltungsstruktur. Diese orientiert sich nicht an den Landkreisgrenzen, sondern an Naturräumen. Landesweit wurden entsprechende neue Einheiten gebildet, darunter der Forstbezirk Schwäbisch-Fränkischer Wald mit Sitz in Welzheim. Er ist stolze 16000 Hektar groß, von denen, wie Tobias Horwath von der Forstbezirksleitung erläutert, 80 Prozent im Rems-Murr-Kreis liegen. Ferner umfasst der Bezirk auch Waldgebiete in den Nachbarlandkreisen Ludwigsburg (bei Oberstenfeld), Schwäbisch Hall und Ostalb. Er ist in zehn Forstreviere aufgeteilt: Warthof, Mönchswald, Schanz, Reichenberg, Hohenohl, Ebersberg, Ebnisee, Steinenberg, Eulenhof und Lorch.

„Wir müssen weiterhin mit dem Wald Geld verdienen“, erklärt Horwath zu den Aufgaben von ForstBW. Was gegenwärtig nicht leicht ist: Borkenkäfer, Sturmschäden und anhaltende Trockenheit setzen dem Staatswald genauso zu wie privatem und Körperschaftswald. Horwath rechnet damit, dass in diesem Jahr weitere Schäden dazukommen und die Holzpreise sich nicht erholen werden. Gleichwohl gilt es, den Wald am Leben zu erhalten. Dies soll gemäß den Vorgaben des Landes verstärkt unter den Gesichtspunkten des Waldnaturschutzes erfolgen. Naturnahe, artenreiche Wälder sind das Ziel, die Biotoppflege soll stärker in den Fokus rücken, Bannwaldflächen sollen geschaffen und ein Alt- und Totholzkonzept umgesetzt werden. Radikale Methoden wie etwa das Spritzen gegen den gefräßigen Käfer scheiden da aus, dem Staatswaldbetrieb seien härtere Daumenschrauben angelegt als anderen, und das sei angesichts des Insektensterbens und anderer Probleme in der Natur auch verständlich, sagt Horwath. So muss sich ForstBW auch dem Klimawandel stellen und in Anbetracht von Prognosen, wonach die Erwärmung weiter zunimmt, mit der Ansiedlung neuer Baumarten experimentieren. Horwath: „Die herkömmliche Palette wird nicht überall eine Zukunft haben.“ Dafür werden der Douglasie, der türkischen Baumhasel, die schon im Murrhardter Stadtpark daheim ist, dem Tulpenbaum, der Roteiche und der Elsbeere Chancen zugeschrieben. Die Fichte hingegen, eine alpine Art, die im Schwäbischen Wald noch häufig anzutreffen ist, werde das Nachsehen haben. Dafür zeigt sich nach Horwaths Worten die Tanne erstaunlich anpassungsfähig an die sich verändernden Bedingungen. Naturverjüngung soll bei der Erneuerung der Bestände weiterhin wichtigste Form bleiben, kombiniert mit gezieltem Anbau. Das könne jedoch keine kurzfristig realisierbare Sache sein, macht der Waldexperte im Hinblick auf das Lebensalter von Bäumen deutlich: „Wir denken in großen Zeiträumen von 100 Jahren.“

Weitere Infos auf www.forstbw.de.

Marco Astfalk

Marco Astfalk

Hans-Joachim Bek

Hans-Joachim Bek

Michael Deuschle

Michael Deuschle

Die Revierleiter von ForstBW haben vor Ort jeweils ihre eigenen Schwerpunkte

Das Revier Ebersberg von Reiner Brujmann umfasst Wälder auf den Gemarkungen von Allmersbach im Tal, Althütte, Berglen, Rudersberg, Weissach im Tal, Auenwald und Winnenden. Es ist das Staatswaldrevier im Forstbezirk mit dem höchsten Laubholzanteil. Gleichzeitig bildet es alle Klimazonen von den Weinbergen bis zu den Höhen bei Ebni ab – zwischen 300 und 570 Meter über dem Meer. Mit seiner 40-jährigen Erfahrung überblickt Brujmann die ganze Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Durch den Klimawandel sei das ganze Ökosystem im Umbruch, resümiert er: „Wir werden unsere vertrauten heimischen Baumarten auf vielen Flächen in Zukunft nicht mehr haben.“ Zukunftsweisende Entscheidungen seien nötig: „Die Bäume werden 100 bis 200 Jahre stehen. Das ist eine riesige Herausforderung.“

Das Revier Mönchswald von Michael Deuschle hat kreisgrenzenübergreifenden Zuschnitt: Es erstreckt sich von Ammertsweiler im Nordwesten bis zur Hohen Brach im Süden und bis kurz vor Michelfeld im Osten, liegt also zum Teil im Kreis Hall und zum Teil im Rems-Murr-Kreis. Hauptbaumarten sind die Nadelbäume Fichte und Tanne, bei den Laubbäumen die Buche. Hauptproblem sind derzeit die 3000 Festmeter Sturmholz, die im Revier liegen und aufzuarbeiten sind. „Wir sind im Wettlauf mit den Borkenkäfern“, sagt Deuschle. Der Umbau in artenreiche, gemischte und klimastabile Wälder laufe mindestens seit 30 Jahren. Die Erhöhung der Jahresdurchschnittstemperatur um anderthalb Grad, über deren Verhinderung anderenorts noch diskutiert wird, sei für die Gegend schon bittere Realität. Deshalb mahnt Deuschle: „Mit klimastabilen Baumarten, gemischten Wäldern, angepassten Wildbeständen, mehr Personal und viel Motivation allein werden wir unsere Probleme im Wald nicht lösen, wir brauchen die schnelle und massive Unterstützung der Gesellschaft.“

Rund um Oppenweiler liegt das Revier Reichenberg von Hans-Joachim Bek. Es reicht von der Kohlklinge bei Rietenau bis zum Eschelhof und bis zum Heslachhof, Reichenbach bei Oppenweiler und Steinbach. Dazu gehören aber auch der Plattenwald, der Seehau und der Fuchshau bei Backnang, das Herrenhölzle und der Schneckenbühl bei Sachsenweiler, der Herrenwald und der Harrenberg bei Harbach und der Linderst und der Prälatenwald bei Murrhardt. Im Revier herrscht eine große Baumartenvielfalt. Hauptarten sind Fichte, Buche, Tanne, Eiche, Douglasie, Kiefer und Lärche. Daneben gibt es aber auch Arten von A wie Aspe bis Z wie Zeder. Trotzdem: Bäume werden durch den Trockenstress labiler, und weil ihre Wurzeln absterben, werden sie häufiger geworfen. Zugleich nehme Stürme und Schadinsekten zu. „Mit neuen Baumarten wie zum Beispiel der Atlaszeder, der Baumhasel und dem Tulpenbaum versuche ich Arten einzubringen, die eventuell mit den tendenziell trockeneren und heißeren Sommern besser zurechtkommen.“ Im Revier liegen auch viele Erholungsschwerpunkte wie der Linderst mit dem Alleensee und Spielplatz, der Bereich rund um die Heppseen mit der Grillstelle an der Gertrudenbank und der Plattenwald.

Marco Astfalk betreut das Revier Schanz, das seinen Namen von der Erhebung zwischen Fornsbach und Fichtenberg hat. Dazu gehören Flächen auf den Gemarkungen Fichtenberg, Oberrot und Mainhardt, zerstreut zwischen anderen Wäldern mit vielen steilen Hängen und einem empfindlichen Boden. Die größte Herausforderung für den Wald ist tatsächlich der Klimawandel. Astfalk ist aufgrund der trockenen Sommer und der Borkenkäferprobleme überzeugt: „Unser Waldbild wird sich deutlich verändern. Meine Hoffnung ist, dass die kleinen Bäumchen, die jetzt heranwachsen, besser an die heutigen Umwelteinflüsse angepasst sind als die alten Bäume, die in einem Klima von vor 150 Jahren aufgewachsen sind.“ Die Schwierigkeit bestehe darin, jetzt Entscheidungen zu treffen, die sich in 100 Jahren als richtig erweisen. Eine möglichst bunte Mischung sei wohl die beste Grundlage.

Das Revier Warthof, das von Benno Picard betreut wird, dehnt sich überwiegend auf den Höhenlagen zwischen Aspach und Spiegelberg aus. Im Westen reicht es bis fast an die Oberstenfelder Weinberge. Der südlichste Wald liegt bei Kirschenhardthof, der nördlichste bei Prevorst. Klimatisch liegen die Wälder damit im Übergangsbereich zwischen einem für den Weinbau günstigen Klima und den deutlich kühleren Löwensteiner Bergen. Der Warthof ist aber auch Ausbildungsstelle für den Beruf des Forstwirts. Derzeit arbeiten dort fünf Auszubildende und zwei Ausbilder. Buchen sind im Revier stark vertreten, wesentlich beteiligt sind aber auch Eichen, Lärchen und Douglasien. In den jüngeren Beständen wird seit 30 Jahren die Traubeneiche gefördert. Die Fichte allerdings leidet unter dem Klimawandel. Zudem haben auch ältere Weißtannen und Lärchen mit der Trockenheit zu kämpfen. Als Daueraufgabe sieht Picard die beschleunigte Fortführung des Waldumbaus hin zu einem laubholz- und strukturreichen Mischwald. Aber: „Für die Fichte und Lärche haben sicherlich bereits die Todesglocken geläutet.“

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Erstellt:
12. Juni 2020, 06:00 Uhr

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